Es sei, sagt der Mann, ganz egal, wer die Wahl gewinnt. "Ob die SPD will, dass der Bus alle zehn Minuten fährt, und die CDU will, dass er alle zwanzig Minuten fährt", darauf komme es doch nun wirklich nicht an.

Um mehr soll es nicht gehen bei der Landtagswahl an diesem Sonntag in Schleswig-Holstein? Man könnte das für ein Ressentiment halten, gängige Politikverachtung, aber der Mann, von dem der Satz stammt, zählte lange Zeit zum engsten Umfeld der SPD-Ministerpräsidentin Heide Simonis. Man kann in Kiel demnach Jahre damit verbringen, Tag für Tag aufs Neue in der Morgenlage der Regierung die jeweils nächsten politischen Manöver zu beraten, und am Ende zum Ergebnis kommen: Alles nicht so wichtig.

Das muss man nicht schlecht finden. Er sei ganz froh, sagt der Mann, in einem Land zu leben, in dem es ziemlich gleichgültig sei, welche Partei regiert.

Für Deutschland ist diese Landtagswahl eine der wichtigsten überhaupt. Kiel, Düsseldorf, Berlin, das kann ein Dreischritt auf dem Weg zur Kanzlerschaft sein. Das Ende der Regierung Schröder und die ersten Ahnungen einer kommenden Ära Merkel begannen vor zwölf Jahren in Kiel mit dem Scheitern der Wiederwahl von SPD-Ministerpräsidentin Heide Simonis. Merkel-Renaissance oder Schulz-Effekt, vor allem darum geht es am kommenden Sonntag.

Aber niemand zwingt die Schleswig-Holsteiner, das wichtig zu finden. Ihre Sympathien sind einigermaßen gleich auf die politischen Lager verteilt, insofern ist ein Kopf-an-Kopf-Rennen der Normalzustand des Landes. Die CDU regierte in den vergangenen 30 Jahren nur zweimal, und beide Legislaturen wurden vorzeitig beendet – dennoch, sagt der frühere Simonis-Vertraute, sei Schleswig-Holstein im Grunde ein konservatives Land.

Kiel, eineinhalb Wochen vor der Wahl: Zum ersten Mal liegt die CDU in einer Umfrage vorn, und die Sozialdemokraten sind nervös. Scheinbar triviale Fragen in Interviews werden nicht beantwortet, scheinbar triviale Sätze nicht autorisiert, und selbst mit dem Bekenntnis, nichts sagen zu wollen, lässt sich nicht jeder zitieren.

Der einzige landespolitische Konflikt von erkennbarer Bedeutung wird kurioserweise unter zwei Hamburgerinnen ausgetragen. Britta Ernst, Ehefrau das Hamburger Bürgermeisters, leitet das Bildungsressort, die Hamburger CDU-Politikerin Karin Prien möchte es übernehmen.

Die Schulpolitik der rot-grünen Koalition ist eine pragmatisch-unideologische Angelegenheit: kein Herumoperieren an der Schulstruktur, stattdessen Investitionen und Qualitätskontrolle. In Hamburg hat Karin Prien immer für genau diese Art von Politik geworben, in Kiel möchte sie sie beenden: Mit der CDU ginge es zurück zum neunjährigen Gymnasium.

Es wäre keine kleine Reform, die Gymnasien hätten jahrelang damit zu tun. Im Übrigen spricht aber nicht viel dagegen, anders als in Hamburg, wo die ohnehin fragile Balance des zweigliedrigen Schulsystems daran hängt, dass die Stadtteilschulen den Gymnasien wenigstens den neunjährigen Weg zum Abitur voraushaben.

Schleswig-Holstein hat also in einer nicht ganz unwichtigen Frage eine echte Wahl, weshalb nun ausgerechnet die Pragmatikerin Britta Ernst die Alternative G8 oder G9 ideologisch überhöhen muss. Es drohe "eine massive Veränderung in der Schulstruktur", sagt sie, und dass die CDU ja auch die Oberstufen der Gemeinschaftsschulen, so heißt das schleswig-holsteinische Pendant zur Hamburger Stadtteilschule, skeptisch sehe. Soll heißen: Die Konservativen wollen weniger privilegierten Schülern den sozialen Aufstieg verbauen, "da geht es richtig um Lebenschancen".

Karin Prien weist solche Vorwürfe weit von sich. Die Gymnasien funktionierten, sagt sie, deshalb gebe es keinen Bedarf für weitere Oberstufen. Dennoch wolle sie keiner Gemeinschaftsschule die Oberstufe nehmen, es sei denn, sie wäre schlicht zu klein.

Würde eine solche Politik nicht zu einem Land passen, das sie selbst unter Sozialdemokraten "im Grunde konservativ" nennen?

Keine Politik, das war die Bedingung für ein Gespräch mit der ZEIT. Frank Trende, Abteilungsleiter in der Kieler Staatskanzlei und Sozialdemokrat seit den Zeiten Björn Engholms, ist einer der besten Kenner der Landesgeschichte und hat darüber zahllose Bücher verfasst. Nur darum soll es in diesem Gespräch gehen. Was hat es auf sich mit dem Konservatismus dieses Landes?

In manchen Regionen gilt es als Zumutung, von Kiel aus regiert zu werden

Wahrscheinlich gibt es nicht viele Orte in Schleswig-Holstein, zu denen Trende nicht sowohl historische Zusammenhänge als auch konkrete Geschichten einfallen. Wir schauen also über die Kieler Förde, auf der Einstein und der Kaiser segelten, und natürlich Hans-Christian Andersen, wenn er aus Dänemark anreiste. Die Dänen sind wichtig zum Verständnis des Landes, die dänische Traditionslinie ist die liberale, pluralistische, während aus dem Süden der zentrale Obrigkeitsstaat der Preußen seine Hand gen Kiel reckte und sie manchmal auch zupackte. Konservativ sein heißt hier, den Leuten ihre regionalen Besonderheiten zu lassen.