In manchen Schuhgeschäften glaubt man, im falschen Film zu sein: Kartons und Schuhe liegen, von Kunden hinterlassen, wild durcheinander in Regalen und auf dem Boden. In solchem Ausmaß, dass andere Kunden animiert scheinen, das Chaos noch zu vergrößern. Es wurden schon Kunden beobachtet, die ein Paar Treter nach dem anderen aus dem Regal zogen und schwungvoll zur Seite warfen, nur weil ihnen das Design nicht gefiel. Es gibt Kundinnen, die, in den Händen etwa vier Paar Schuhe, auf dem Weg zur Kasse sind, doch dann schrillt ihr Handy, woraufhin sie alles fallen lassen, um, das Mobiltelefon am Ohr und "Mandy! Mandy!" juchzend, den Laden zu verlassen. Die Verkäufer in solchen Geschäften sind offenbar schmerzbefreit, weggedopt oder werden wegen Depressionen vorzeitig aus dem Erwerbsleben ausscheiden.

Was ist nur mit den Kunden los? Denn früher gab es das nicht. Da ging man ins Schuhgeschäft, suchte sich aus den Einzelschuhen einen aus und benötigte dann einen Verkäufer, der den zweiten Schuh aus dem Lager holte. War ein Paar Schuhe dann doch viel zu teuer und die Verkäuferin hartnäckig, konnte das peinlich werden, ebenso, wenn man sehr kitzelig an den Füßen war oder der linke Strumpf auf einmal ein Loch hatte. Aber: Es sah deutlich ordentlicher aus. Solche Läden gibt es heute immer noch.

Und dann sind da die Geschäfte, in denen die Schuhe schon paarweise in den Regalen liegen, in denen es zwar noch Verkäufer gibt, auf die man aber nicht mehr unbedingt angewiesen ist. Wo man ein halbes Dutzend Paar Schuhe im Nu selber durchprobieren kann, wo aber auch die Hemmschwelle niedriger liegt, alles hinzuwerfen, wenn Mandy anruft, so wie man beim Onlineshoppen einfach schnell die Seite wegklickt. Sicher, bei manchen Kunden sehe es hinterher wie Kraut und Rüben aus, sagt Ulrich Effing. Er ist Sprecher von Deichmann, dem europäischen Marktführer, dem Unternehmen, das in den achtziger Jahren als Erstes in Europa die Schuhe paarweise ins Regal stellte. Das sollte, sagt Effing, den Kunden "ein Stück Mündigkeit" geben. Aber dafür müsse man eben auch hinnehmen, "dass nicht alles so läuft wie geschmiert".

Davon abgesehen, manche von Ihnen werden das jetzt nicht so gerne lesen: Eine Studie der University of Minnesota legt nahe, dass intelligente Menschen oft sehr unordentlich sind. Wer weniger Zeit mit dem Aufräumen verbringe, so die Wissenschaftler, dessen Hirn könnte mit Wichtigerem beschäftigt sein. Etwa mit der Frage, ob der ausgesuchte Schuh wirklich auch passt.