Angeklagter Monteverdi! Ihnen wird zur Last gelegt, "kriegstreiberische, frauenfeindliche und christliche Propaganda" betrieben zu haben. Huch? Schon gut, es steht ja nur im Programmheft und spiegelt unseren Zeitgeist. Wie sollte der Kapellmeister der Kathedrale von San Marco denn anders denken als katholisch, im Jahre 1624? Und warum sollte er einem Text, den Torquato Tasso 50 Jahre vorher schrieb, in seiner Vertonung nicht wörtlich folgen? Weil 400 Jahre später aufgeklärte Europäer ein Problem damit haben könnten, dass eine muslimische Frau, die einen Kreuzritter liebt (wie er sie), von diesem versehentlich umgebracht wird und ihn sterbend um die Taufe bittet?

So jedenfalls geschieht es im Combattimento di Tancredi e Clorinda, einem der kürzesten, krassesten und unvergleichlichsten Stücke des Musiktheaters, von Monteverdi für einen venezianischen Patrizier geschrieben. Drei Sänger, ein paar Streicher, Truhenorgel und Chitarrone realisieren mit größter Dringlichkeit eine Szene im Kampf um Jerusalem, die zugleich Psychodrama ist: In der Rüstung erkennen die Liebenden einander nicht, in Tassos Worten ist ihr Gefecht dennoch auch ein erotischer Kampf. Dem hat nun die Komponistin Annette Schlünz eine Beziehung zwischen heutigen Protagonisten entgegenkomponiert und zugleich Monteverdis Musik mit ihrer eigenen verbunden: Tre Volti heißt das Werk, das bei den Schwetzinger Festspielen uraufgeführt wurde.

Das Ergebnis, um es gleich zu sagen, entschärft die wohlfeile correctness, mit der das Programmheft den barocken Venezianer tadelt. Schlünz’ komponierte Antwort auf Affekte, die wir angeblich "nicht mehr verstehen", ist ein höchst spannender und sensibler Beitrag in der Auseinandersetzung mit diesem Genie. Monteverdi, am 15. Mai 1567 in Cremona auf den Namen Claudio Zuan Antonio getauft, kann an seinem 450. Geburtstag auf eines der steilsten Comebacks der komponierenden Zunft zurückblicken. Vor 50 Jahren war er bestenfalls ein Geheimtipp, eine Figur für Spezialisten, die oft selbst nicht wussten, wie man ein Zink bedient oder eine Linie ornamentiert.

Heute ist der Erfinder der Oper, der singenden Individuen auf der Bühne, zugleich einer ihrer Stars: Orfeo, Ulisse und Poppea, seine drei erhaltenen großen Theaterwerke, werden dauernd gespielt. An ihnen, an der Marienvesper, an seinen Madrigalen sind Interpreten gewachsen, die mit der Praxis, für die er schrieb, innig vertraut sind und längst alle dogmatischen Krämpfe hinter sich gelassen haben. Als vor fünf Jahren an der Komischen Oper Berlin alle drei Stücke in einem knallbunten Arrangement für moderne und folkloristische Instrumente zu erleben waren, darunter Pedalharfen und arabische Einsaiter, zeigten sich selbst Insider der alten Musik höchst animiert.

Und selbstverständlich hat sich auch die Musikwissenschaftlerin Silke Leopold, Autorin des besten neuen Buchs über Monteverdi, zur jüngsten Uraufführung begeben. Man will ja wissen, wie es ihm in Begegnungen mit späteren Kollegen ergeht, zu denen nach Vincent d’Indy, Carl Orff, Hans Werner Henze, Elena Kats-Chernin nun auch Annette Schlünz stößt. 1964 in Dessau geboren, zählt sie zum tonangebenden Kreis gegenwärtiger Komponist(inn)en. Sie ist die erste, die aus den vibrierenden Verbindungen zwischen alter und neuer Musik besetzungstechnische Konsequenzen für ein Treffen mit Monteverdi zieht: Concerto Köln spielt auf historischen Instrumenten auch neue Töne, Saxofon, E-Gitarre, Akkordeon, Percussion greifen ein in die alte Partitur.

Das könnte voll danebengehen, sei es in der dreisten Beliebigkeit einer Übermalung oder weil sich erwiese, dass neben ein paar Takten von divino Claudio alles andere kümmerlich wirkt. Welch enorme Substanz im Combattimento komprimiert ist, das merkt man tatsächlich: Obwohl die knapp 20 Minuten dieses Werks abschnittsweise auf etwa 90 Minuten Tre Volti verteilt sind, erlebt man Monteverdis Werk als grundlegenden Impuls des Abends. Das spricht nicht gegen, sondern für die Arbeit von Annette Schlünz, die mit empfindlichen Strukturen und meisterlichem Handwerk an die Töne ihres Kollegen anknüpft, seine und ihre Musik mitunter ineinanderschiebt als zwei aktuelle Sprachen: So entsteht auch ein "Combattimento di Annette e Claudio".

Eine selbstbewusste Liebeserklärung also, kein feministisches Tribunal, bei dem der Erfinder des Musiktheaters auf den Topf gesetzt würde. Die Librettistin Ulrike Draesner stellt den barocken Protagonisten auch keineswegs aufgeklärte Gutmenschen gegenüber, sondern ein emotional verkrüppeltes Gegenwartspaar: eine Chlora, die von Deutschland aus amerikanische Drohnen in Werweißwostan steuert und Blutbäder unter "EKIA" verbucht, "enemy killed in action", und einen Tankred, der im Nahen Osten Handys verkauft. Eine zerbrochene Sockenwaschbeziehung, sprachlich zwischen Militärvokabular und einer Lyrik angesiedelt, die mit dem "Mond in den Haaren" Verlorenes spiegelt und Tasso-Motive einspeist, wenn etwa "der strahl zur brust dir ausdringt".

Besonders für den Bariton Dietrich Henschel ist das eine gigantische Herausforderung. Er singt nicht nur Monteverdis Ritter und Schlünz’ Handlungsreisenden, sondern auch die eigentlich tenorale Hauptstimme im Combattimento, jenen Zeugen und Erzähler, dessen Worte Monteverdi in den Instrumenten plastisch macht, knapp und radikal wie nie zuvor. Henschel ist überall unterwegs, in und vor dem schlichten Gerüst, mit dem Fred Pommerehn die kleine Bühne des Schwetzinger Schlosstheaters eingefasst hat, und übertrifft in der szenischen Intensität noch die seiner herb leuchtenden Stimme. Derweil würde den Streichern des Concerto Köln, in zwei Etagen aufs Gerüst verteilt, die rhythmische Prägnanz und klangliche Präsenz ihrer Attacken wohl leichter fallen, wenn der souveräne Dirigent Arno Waschk sie direkt vor sich hätte.

Die Frauenstimmen sind überragend – von Petra Hoffmann als Clorinda und Chlora bis zum Vokalquartett der Damen, die in Schlünz’ Partitur gleichsam die Nervenenden der kaputten Beziehung fortspinnen und zwischendurch blütenrein ein Crucifixus von Palestrina singen. Aber warum muss Chlora dabei dauernd von der Waschmaschine fallen? Wo immer sich klingend Räume öffnen und Emotionen deutlich werden, verordnet Regisseurin Ingrid von Wantoch Rekowski den Akteuren eine Kollektion symbolschwanger verunklarender Gesten und Gänge. Dazu passen schauerlich die Salatschüsselhelme und Strumpfhauben, die Kostümbildner José Luna allen, auch den Musikern, überzieht wie ein kollektives Verhütungsmittel gegen die Kraft des Musiktheaters.

Die setzt sich freilich trotzdem durch. Die Ungewissheit unserer Zeit wird hörbar in den kostbar transparenten Strukturen von Annette Schlünz, der Ruf nach Nähe, und Claudio Monteverdi begegnet dem keineswegs als glaubensfester Tröster. Dass er in die Sprache eindringt, bis sie aufbricht wie die Linien seines Erzählers selbst, dass Verzweiflung mitspielt, dass jeder Akkord wie ein Schritt auf gerade entstehendem Weg klingen kann – das wird im Gegenüber und Ineinander beider Musiksprachen deutlicher denn je. Wer das Combattimento lieber ungebrochen hört, hat wachsende Auswahl – darunter die jüngste Einspielung mit Rinaldo Alessandrini. Wer aber glaubt, es sei uns fern, der kann in Schwetzingen Monteverdi als Zeitgenossen seiner Zukunft entdecken.

Am 7. Mai wird "Tre Volti" im Hörfunk auf SWR2 übertragen.