Sanft geht die Sonne über der toskanischen Hügellandschaft unter. Erhaben strahlt das Licht auf die Zypressen, ruhige Musik setzt ein, als auf dem Bildschirm die Mantren aufploppen. "Setze Grenzen", steht da, "Lasse die Vergangenheit hinter dir", "Fühle dich nicht unter Druck gesetzt, einem negativen Menschen zuzuhören".

Der einfühlsame Videoclip How to Deal with Toxic People ist nur einer von unzähligen seelischen Leitfäden, die derzeit im Netz kursieren und dazu dienen sollen, "giftige Personen" im eigenen Umfeld zu entlarven und den richtigen Umgang mit ihnen zu finden. "Gibt es Menschen, die Ihnen das Leben schwer machen, die nur an sich selbst denken?", heißt es in Fragebögen, die auf Facebook geteilt werden, die in Blogs erscheinen oder in Online-Aufritten von Lifestyle-Magazinen. Obskure Warnungen machen die Runde ("Es kann sein, dass Sie es mit einem Narzissten zu tun haben!"), wie in einem privaten Ärzteverbund werden Symptomlisten geteilt ("Beziehungsphobiker am Verhalten erkennen", "11 Anzeichen, dass es eine toxische Person in deinem Leben gibt").

Was genau eine toxische Person überhaupt ist, bleibt dabei oft unklar. Toxic people, die vom Namen her mehr nach einer harmlos-schlechten Band aus den Achtzigern klingen als nach üblen Psychopathen, scheint vor allem eine ungute Aura auszumachen. Giftige Menschen "sorgen für Stress", heißt es vage, sie jammerten ohne Unterlass und zögen andere damit runter. Manipulative "Drama-Queens" und "Klatschtanten" seien typisch, aber auch "mehrere Charaktereigenschaften" könnten unglücklich zusammenkommen. Nur eines scheint diese Personen alle zu verbinden: ihre Selbstsucht.

Ein wenig fühlt man sich an die albernen Kategorisierungen der Bravo-Psychotests erinnert, doch offenbar gibt es dafür auch unter Erwachsenen großen Bedarf. Bei Google hat der "Narzisst" bei der Anfrage "So erkennen Sie einen ..." längst den "Schlaganfall" und den "Dschihadisten" abgehängt. Als regelrechte "Narziphobie" beschreibt die New Yorker Autorin Kristin Dombek die neue Obsession, narzisstische Mitmenschen zu entlarven. Die zwanghafte Suche nach toxischen Menschen wäre damit ein eigenes Krankheitsbild. Ist sie das? Oder woher rührt der neue Diagnose-Wahn?

Die neue Rasterfahndung nach giftigen Menschen ist die Krönung der Therapiegesellschaft. Nach Jahren, in denen auf jedem Grabbeltisch Bücher dazu aufforderten, sich selbst zu heilen, Zeitschriften und Internetforen bei der Suche nach Krankheitsbildern halfen ("Bin ich depressiv?") und das Eingeständnis einer psychischen Krankheit im Netz zu einer regelrechten Mode wurde ("Ich bin depressiv!"), sind nun die anderen dran: Das Wissen, das man über sich selbst gewonnen hat, wird jetzt auf sie angewandt. Im Tonfall der Besorgnis werden im privaten Umfeld plötzlich lauter "Messies" und "Autisten" ausgemacht, die sich "neurotisch" oder "schizophren" verhalten, und auch für öffentliche Personen werden Gutachten erstellt, dann eben per pseudowissenschaftlicher Ferndiagnose ("Merkel leidet unter Kontrollsucht", "Trump ist ein gefährlicher Psychopath"). Dabei ist es nicht so, dass sich neuerdings alle über die realen Krankheitsbilder informiert hätten, allein ihre klinischen Bezeichnungen haben die Alltagssprache erobert.

Vielleicht, weil sie bedeutsamer wirken. Es reicht nicht mehr, wenn jemand einfach nur nervt. Erst wenn eine Diagnose vorliegt, kann man sich guten Gewissens abgrenzen.

Wo man pathologisieren kann, steigt außerdem das eigene Selbstbewusstsein. Und das schützt vor Kränkungen: der Chef, der üble Kritik übt? Der Typ, der auf Tinder nicht mehr antwortet? "Nehmen Sie es nicht persönlich!", diese Personen handeln so, weil sie krank sind.

Was auf den ersten Blick aussieht wie eine neue Sorge, ist tatsächlich die Lizenz zur Sorgenfreiheit. Ein paar Minuten am Tag auf Sonnenuntergänge schauen, beruhigende Sätze darüber lesen, dass es okay ist, sich nicht stressen zu lassen, Fragebögen ausfüllen, bei denen immer rauskommt, dass andere schuld sind, dem dringenden Rat folgen, sich nach all den anstrengenden "Giftzwergen" mal so richtig zu regenerieren – Ayurveda und Heilfasten als innere Reinigungskuren waren gestern. Heute reichen ein, zwei kleine Diagnose-Runden. Und man fühlt sich gesünder als je zuvor.