DIE ZEIT: Frau Henning, Umfragen von Datingportalen bestätigen regelmäßig, dass in Hamburg sowohl die attraktivsten Single-Männer als auch die hübschesten Single-Frauen leben. Gleichzeitig gibt es nirgends so viele Singles wie hier – warum finden die sich nicht?

Ann-Marlene Henning: Die Frage ist, wollen die sich überhaupt finden? Für viele ist das Singledasein absolut attraktiv, es bedeutet schließlich: Alles dreht sich immer nur um mich. Singles lernen zwar durchaus Leute kennen, nur dann passt dieses und jenes nicht – und man zieht weiter. So werden viele auf Dauer unglücklich. Sie denken: Es gibt bestimmt noch was Besseres, und kommen nie wirklich an. Datingportale verstärken manchmal noch die Wegwerfmentalität.

ZEIT: Überdurchschnittlich viele solcher Portale haben ihren Sitz in Hamburg – ist diese Haltung hier besonders ausgeprägt?

Henning: Vielleicht ist es generell ein Großstadtphänomen? Und eine politische Sache? In Dänemark, wo ich aufgewachsen bin, sind Familie und Beziehungen hohe gesellschaftliche Werte, politisch ist für eine gute Vereinbarkeit von Familie und Arbeit gesorgt. Deutsche Singles stecken in einer Zwickmühle. Sie sehnen sich nach einer Partnerschaft, wollen aber auch nichts aufgeben. Ich sehe das an mir selbst: Frau im besten Alter mit Karriere, da ist viel Zeit im Leben von vornherein mit Arbeit verplant. Ich habe zum Glück einen Partner, der verständnisvoll ist und Zeit hat, aber wäre das nicht so – da würde es schnell eng werden. Mit kleinen Kindern wäre es so nicht gegangen.

ZEIT: Viele sagen, Sie hätten eine "dänische Art". Was ist denn im Gegensatz dazu die "Hamburger Art"?

Henning: Ich weiß noch sehr gut, wie es war, als ich damals in Hamburg ankam: Die Form musste gewahrt werden. Es galt feine Zurückhaltung. Die Dänen dagegen werten in jeder Hinsicht Direktheit und entspannte Lebensfreude höher. So kommt man besser ins Gespräch. Interessant fand ich auch: Als wir die Fotos für mein erstes Buch gemacht haben, wollten wir junge Paare in Hamburg finden – und keiner, wirklich keiner hat mitgemacht. Dann sind wir in einen Park in Berlin und haben sofort 23 Paare gefunden, von denen nur eins abgesprungen ist.

ZEIT: Dabei heißt es doch, Hamburg sei so liberal.

Henning: Solange es um den Sex der anderen geht, stimmt das auch. Sex ist eine private Angelegenheit, und das sollte auch so bleiben. Trotzdem ist es hilfreich, sagen zu dürfen: Ich habe ein Problem. Das scheint in Hamburg etwas schwieriger zu sein. Es gibt hier einfach viele Dinge, über die man nicht spricht. Sex gehört definitiv dazu.

ZEIT: Sie arbeiten jetzt seit mehr als zehn Jahren als Sexologin in Hamburg. Wie hat sich das Beziehungsleben der Hamburger in dieser Zeit verändert?

Henning: Die Leute haben weniger Zeit für sich. Ich frage meine Klienten immer: Wann sind Sie überhaupt mal gleichzeitig zu Hause in wachem Zustand und ohne Bildschirm vor der Nase? Eigentlich müssten die erst mal ein Zeitmanagement-Seminar belegen, bevor sie zu mir kommen. Das ist in den letzten Jahren ganz extrem geworden. Ich kenne Leute, die sind von oben bis unten verplant und wollen dann noch einen 400-Euro-Job annehmen, ja wann denn?

ZEIT: Viele können sich das Leben in dieser Stadt sonst nicht leisten.

Henning: Das stimmt, die einen kämpfen, weil das Geld nicht reicht. Aber gerade hier in Hamburg gibt es auch Unzählige, die den ganzen Tag mit allem Möglichen beschäftigt sind, um ihr bürgerliches Bild nach außen zu pflegen. Hier ist es sehr wichtig, dass die Kinder ein besonders smartes Hobby haben: Hockey, Segeln, Reiten. Das muss alles bezahlt und organisiert werden. Der Mann ist von früh bis spät damit beschäftigt, das Geld dafür ranzuschaffen. Die Frau fährt die Kinder im großen Auto überall hin – von außen sieht alles schön aus, aber für Beziehung bleibt wenig Aufmerksamkeit. Unglückliche Klienten beschreiben es so.

ZEIT: Welche Rolle spielt dieses Imagedenken im Liebesleben?

Henning: In dieser Stadt eine sehr wichtige. Da sagt ein Klient etwas patzig zum Partner: "Dir ist immer wichtiger, was die Nachbarn denken." Oder andersrum: "Scheidung kommt nicht infrage, alle denken doch, wir sind so ein tolles Paar." Meine Erfahrung zeigt, dass der Druck, nach außen hin zu performen, im bürgerlichen Milieu hoch ist. Vorsichtig gesagt: Wer auf Vernissagen, Empfängen und wichtigen Geschäftsessen zu Gange ist, muss ja eine Fassade aufbauen, wozu heute auch eine sichere, erfolgreiche sexuelle Ausstrahlung gehört.

ZEIT: Eine große Online-Partnervermittlung hat ihre Mitglieder nach Einkommen und "sexueller Motivation" gefragt. Das Ergebnis: je höher die sexuelle Motivation, desto höher auch das Einkommen. Gibt es dafür eine Erklärung?

Henning: Vielleicht. Für Sexualität braucht es einen gewissen Drive. Drive heißt: Ich will was! Vielverdiener legen eine solche Energie meist auch im Job vor. Und andersrum: Wer mehr verdient, kann ausgeglichener sein, weil es keinen finanziellen Druck gibt. Das ist gut für die Lust auf Sex. Man muss aber aufpassen, nicht allzu simple Zusammenhänge herzustellen.

ZEIT: Eine andere Umfrage zeigt, dass es mehr als 70 Prozent der Frauen anziehend finden, wenn ein Mann handwerklich geschickt ist. Hat er ein Händchen für Einrichtung, finden das nur gut zwanzig Prozent attraktiv. Müsste unsere Gesellschaft über diese Rollenverteilung nicht langsam hinweg sein?