Am Anfang dieser langen Nacht in Berlin muss Thomas Bachem sich bei den Anwesenden entschuldigen. Er trägt ein Sakko über dem weißen T-Shirt. Overdressed, findet er, für das, was jetzt kommt, hier in der Factory, einem fabrikartigen Bürogebäude. Um Bachem herum: neun junge Männer und eine Frau, viele mit Hoodies und Sneakers. Es geht um ihre Zukunft, sie sollen sich in Einzelgesprächen bewähren und gemeinsam Aufgaben lösen. Bis zwei Uhr nachts und dann wieder ab neun Uhr früh. "Keine Angst, wir kontrollieren nicht, wer dazwischen weiterarbeitet", sagt Bachem. Dann gibt es Pizza, dazu Cola, Club Mate und Red Bull.

Fast Food, Aufputschdrinks und eine Nachtschicht: Willkommen im ersten Auswahltest der Code University of Applied Sciences – einer neuen privaten Fachhochschule in Berlin, an der ab Oktober bis zu 100 Studenten Software Engineering, Interaction Design und Product Management auf Bachelor studieren können. Bachem wird dann der Kanzler der Hochschule sein, und sein Mitgründer, ein lockerer Typ mit Zopf, wird Präsident.

Willkommen an einer Hochschule, die so ungewöhnlich wie begehrt ist. Bei potenziellen Studenten, von denen sich schon mehr als 400 beworben haben. Bei Geldgebern, die zusammen fünf Millionen Euro investieren, allesamt bekannte Namen in der Berliner Gründerszene, Frank Thelen aus der TV-Sendung Die Höhle der Löwen etwa oder Trivago-Gründer Rolf Schrömgens. Und sie ist begehrt bei den Politikern, die um die Hochschule gebuhlt haben; Nordrhein-Westfalen lockte mit Fördermitteln in siebenstelliger Höhe, dann machte Berlin das Rennen, auch ohne finanzielle Hilfe. "Imagegründe", sagt Bachem, "in Berlin strahlt die Hochschule viel stärker als in Köln." Die Millionen der Investoren reichen ohnehin mindestens sieben Jahre, und dann soll sich die Hochschule selbst tragen. Willkommen auch in Thomas Bachems Lebensprojekt, das wohl so aufwendig ist wie kaum eines seiner Unternehmen vorher – und davon gab es einige, obwohl Bachem erst 31 Jahre alt ist und er unter den Bewerbern kaum auffallen würde, jedenfalls ohne das Sakko nicht.

Rückblende. Ein Herbsttag 2013 in einer Bar in Köln. Bachem erzählt die Geschichte, die er danach noch unzählige Male vortragen wird. Die Geschichte, die erklärt, warum er eine Hochschule gründen will, trotz aller Bürokratie und aller Kosten. Die Geschichte geht so: Mit zehn Jahren bekommt Bachem seinen ersten PC. Erst zockt er Spiele, dann bringt er sich im Kinderzimmer das Programmieren bei. Nach dem Abitur will er studieren, doch dann blättert er durch die Curricula klassischer Informatik-Studiengänge, zu theorielastig, findet er, zu weit weg von der Wirklichkeit. Also entscheidet er sich für Betriebswirtschaft. Nicht an einer großen, staatlichen Uni, sondern einer kleinen, privaten Hochschule, der Cologne Business School. Nebenher gründet er ein Videoportal mit, später entwickelt er ein Online-Spiel und baut schließlich eine Internetplattform auf, mit der sich ansprechende Lebensläufe für Bewerbungen erstellen lassen. Der Burda-Verlag kauft die Videoplattform, das Online-Netzwerk Xing sein Lebenslauf-Portal, Bachem ist Ende zwanzig und Millionär. In diesem Takt hätte es weitergehen können, hätte ihn nicht diese Idee mit der Hochschule verfolgt.

Denn immer fiel es ihm schwer, genügend gute Programmierer zu finden. Der Missstand herrscht landesweit: Deutschland fehlen die IT-Fachkräfte, der Technologieverband Bitkom ging Ende 2016 von 51.000 unbesetzten Positionen aus – 20 Prozent mehr als im Vorjahr. Die Lücke wächst. Zwar fangen mehr Schulabsolventen ein Informatik-Studium an als je zuvor, inzwischen sind es laut Bitkom fast 40.000 pro Jahr. Doch die Zahl steige zu langsam und zu viele Studenten brächen das Studium wieder ab, klagt der Bitkom, insbesondere im Grundstudium fehle oft die Praxisorientierung.

Bei Bachem setzte sich deswegen ein Gedanke fest: eine Fachhochschule aufbauen, die Software-Entwicklung mit Produktmanagement verbindet, praktische Erfahrungen bei Unternehmen und einen Bachelorabschluss bietet – englischsprachig, international ausgerichtet. Eine Hochschule, die noch dazu möglichst ohne Noten auskommt: Die Studenten erklimmen Level für Level zehn Kompetenzfelder. Die Hochschule für coder, sie soll ein bisschen werden wie ein Computerspiel.

Zurück in die Gegenwart. Die Bewerber haben sich in zwei Gruppen zusammengetan, sie haben sich Klebestreifen mit ihren Namen angeheftet, und jeder erzählt von der "Challenge" – dem Projekt, das er eigens für die Bewerbung entwickelt hat. Einer hat seiner Mutter in ihrem Job als Personalerin geholfen, Urlaubstage der Mitarbeiter zu erfassen. Ein anderer hat ein Programm entwickelt, mit dem Fotografen im Netzwerk Instagram populärer werden können.

Und dann ist da Julian Kodlin, lila Schal und Fusselpulli, der sagt, dass er gar nicht "coden", dafür aber aus Holz und Metall Möbel basteln kann, er designt lieber, als zu programmieren. Auch solche wie ihn soll die Code University locken: Menschen, die Produkte entwerfen und dann mit Programmierern entwickeln. Für die Bewerbung hat Kodlin etwas gestaltet, das seinem Bruder das Leben leichter machen soll. Bei dem türmen sich oft die Pfandflaschen. Kodlins Skizzen zeigen die Bedienoberfläche einer App, deren Nutzer angeben können, wenn sie Pfandgut loswerden wollen, andere Nutzer können es dann abholen. Sofort fängt die Runde an zu diskutieren: Soll der Erlös geteilt werden? Wie ließe sich die App am besten programmieren?