Suhan Jang war der perfekte Koreaner. Er hatte einen guten Job beim Elektronik-Giganten Samsung, dem Vorzeigekonzern des Landes. Mit seinen weichen Zügen könnte er zu einer der Boygroup-Bands gehören, mit denen Südkorea den popmusikalischen Weltmarkt erobert. Aber heute arbeitet der 32-jährige Suhan Jang an der Unterwanderung der nationalen Kultur und hat daraus ein vielversprechendes Geschäft gemacht.

Suhan hat eine Akademie für Aussteiger gegründet. Für Leute, die ihre Firma verlassen und ein neues, unabhängiges Leben anfangen wollen.

Für Suhan war, wie für viele seiner Landsleute im arbeits- und leistungsbesessenen Südkorea, die Firma lange der alles beherrschende Lebensmittelpunkt. "Zwanzig Jahre Ausbildung", sagt er, "hatten sich nur darum gedreht, den Job bei Samsung zu kriegen." Gute Noten in der Schule, um auf eine gute Universität zu kommen, um bei einem guten Unternehmen eine Stelle zu finden. Als er nach fünf Jahren bei Samsung merkte, dass ihn das Smartphone-Business zu langweilen begann, fühlte er sich hilflos. "Ich wollte herausfinden, wer ich war", bemerkt Suhan und lacht verlegen.

Im Westen ist Selbstfindung ein allgegenwärtiges Projekt, fast schon ein Klischee. In Korea ist es eine revolutionäre Neuerung, der Bruch mit einer mächtigen, tief verwurzelten Tradition, die Familie, Gruppe und Arbeit über den Einzelnen stellt.

Für Suhan kam die Befreiung mit einem Essay, den er im Internet veröffentlichte: Memoiren einer Kündigung. Darin berichtet er über die Abnabelung von seinem Unternehmen. Der Text fand ein enormes Echo. "Zum ersten Mal in meinem Leben", sagt er, "war ich sehr glücklich." Offenbar war er nicht allein mit seiner Unzufriedenheit und seinen Sehnsüchten. Es gab da eine Nachfrage – und er beschloss, dafür ein Angebot zu schaffen.

Es ist schwer, sich in diesen Wochen einen widersprüchlicheren Ort vorzustellen als Südkorea. Während die Welt beim Stichwort "Korea" an Kriegsgefahr denkt, herrscht hier Wahlkampf: In der kommenden Woche, am 9. Mai, wird ein neuer Präsident gewählt. Die bisherige Amtsinhaberin Park Geun Hye wurde nach wochenlangen friedlichen Protesten wegen eines Korruptionsskandals abgesetzt. Eine Staatskrise, aber auch eine Chance für demokratische Erneuerung. Die koreanische Gesellschaft steht unter Spannung, sie scheint getrieben vom Frust am Bestehenden und der Suche nach Alternativen.

Die Schule liegt im zweiten Stock eines Bürogebäudes in der Hauptstadt Seoul, über einer Zahnarztpraxis. Durch die Glasscheiben eines Klassenzimmers ist zu sehen, wie eine von Suhans vierzig Lehrkräften mit einer Gruppe das freie Sprechen und Diskutieren übt. Der "Lehrplan" beginnt mit einer Erkundung der eigenen Persönlichkeit und der eigenen Interessen. Dann folgen Fähigkeiten wie Schreiben, Reden oder Marketing, schließlich das Handwerkszeug der Unternehmensgründung. Der Absolvent der Aussteiger-Akademie macht sich am Ende vielleicht als IT-Dienstleister selbstständig, eröffnet ein Restaurant, publiziert einen Roman oder geht auf Weltreise. Der Kern der Sache ist, dass er selbst darüber entscheidet, wer er ist.

Die Südkoreaner schafften den Aufstieg. Doch wie werden sie glücklich?

Ein neuer Individualismus stellt die herrschende Ordnung infrage. Seit dem Gangnam Style- Video des Rappers Psy, das sich 2012 über die Angeberei der Neureichen lustig machte und mit über 2,8 Milliarden Aufrufen zum bis heute beliebtesten YouTube-Film wurde, weiß die Welt, dass die Südkoreaner nicht nur Fleiß können, sondern auch Ironie. Seit den 1960er Jahren hatte Südkorea seinen Daseinszweck in Wachstum und Fortschritt, mit einer großen Kraftanstrengung hat es den Sprung aus der Armut in die Industriegesellschaft und in die Hightech-Moderne des 21. Jahrhunderts geschafft.

Jetzt steht es vor der Frage, wie es von einem "Erfolgsmodell", einem Darling der Märkte, zu einem glücklichen Land werden kann.

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Ausgerechnet in diesem Augenblick wird Südkorea von der Kriegsdrohung als Geisel genommen. Das Land müsste in einem Konflikt zwischen den Vereinigten Staaten und Nordkorea als US-Verbündeter mit katastrophaler Verwüstung rechnen: Die Metropolenregion Seoul mit 25 Millionen Einwohnern liegt nur gut 50 Kilometer von der Grenze zum Norden entfernt, in Reichweite der nordkoreanischen Artillerie. Der Koreakrieg (1950 bis 1953), in dem Nordkoreaner und Chinesen auf der einen Seite gegen Südkoreaner und Amerikaner auf der anderen kämpften, hat Hunderttausende von Soldaten und Zivilisten das Leben gekostet und die Menschheit an den Rand eines dritten Weltkriegs gebracht. Südkorea ist im Norden an einen aggressiven Gangster- und Gulagstaat gefesselt, der seine Nachbarn bedroht und seine eigene Bevölkerung versklavt.

Besonders junge Südkoreaner vergessen oder verdrängen meist, dass sie in einem geteilten, explosionsgefährdeten Land leben. "Ich fühle mich hier wie in einer Filmkulisse", sagt die 27-jährige Jummy, mit der wir in die Entmilitarisierte Zone (DMZ) gefahren sind. Die Waffenstillstandslinie zwischen Süd- und Nordkorea wirkt wie seit 1953 eingefroren, ein förmlicher Friedensvertrag wurde nie geschlossen. Jummy ist gerade mit ihrem Englisch-Studium fertig, sie möchte Schauspielerin werden. Der Ausflug an die DMZ ist für sie wie ein Besuch in einem Freilichtmuseum des Kalten Krieges: Sperranlagen, Fotografieverbote, das Wrack einer im Krieg zerschossenen und jetzt ausgestellten Lokomotive. Auf Aussichtsplattformen stehen Ferngläser bereit, mit denen man über den Grenzfluss nach Nordkorea hinüberspähen kann wie in ein Reservat. "Was man da sieht, sind Propaganda-Dörfer", meint der 28-jährige Soon, der mit auf den Ausflug gekommen ist: keine normalen Felder mit echten Bauern, sondern eine Inszenierung für die Beobachter aus dem Süden.