Das Erstaunliche an Kunstwerken ist ja, dass es überhaupt immer wieder Leute gibt, die sie erschaffen. Denn als nicht sonderlich schöpferischer Laie fragt man sich oft, wie es sein kann, dass jemand beispielsweise nach Botticellis Geburt der Venus noch den Mut aufbringt, ebenfalls den Pinsel in die Hand zu nehmen. Leider, und das ist die Kehrseite der Sache, sind viel zu viele so mutig. Das fällt besonders in der Literatur auf, vor allem wenn man sich durch Debütromane ackert. Goethe war 25, als sein Werther erschien, Thomas Mann 26, als die Buddenbrooks herauskamen, Uwe Johnson beim Erscheinen der Mutmassungen über Jakob ebenfalls 25. Mit solchen Meisterwerken im Kopf möchte man eigentlich meinen, Debütanten, die ja meist älter sind als die genannten, würden es sich dreimal überlegen, uns mit ihren allerbanalsten Adoleszenzromanen zu behelligen, in denen migrantische Mädels voll krass werden oder melancholische Jungs mehr oder minder schreckliche Familiengeheimnisse entdecken. Leider ist das ein Irrtum. Hand aufs Kritikerherz: Was einem ständig an Nichterzählwürdigem dann auch noch literarisch konventionell präsentiert wird, ist zum Verzweifeln.

Thomas Pynchon, von dem es nur drei Fotos gibt, auf einem Jugendbild. Seit seinem Debüt meidet er jede Öffentlichkeit. © ddp images

1963 erschien hingegen der Debütroman eines 25-jährigen Amerikaners. Darin steht ein venezolanischer anarchistischer Terrorist mit dem Kampfnamen Gaucho 1899 in den Florentiner Uffizien vor Botticellis zu stehlender Geburt der Venus; er findet sie ziemlich "fett und blond". Dem Leser, der diese fette Blonde nie mehr vergessen wird, kommt das Bild verdächtig vor, schließlich beginnt Venus mit dem Buchstaben V! Um diesen geheimnisvollen Buchstaben dreht sich schließlich alles in V., jenem phänomenalen Debüt von Thomas Pynchon. Er kreierte mit seinem Buch, das wie ein Paukenschlag den literarischen sechziger Jahren in den Ohren dröhnte, eine durchgedrehte Parallelgeschichte des 20. Jahrhunderts: Diverse Gestalten jagen durch die Jahrzehnte an allen möglichen Schauplätzen – Florenz, New York, Malta, Virginia – einer mysteriösen Megaverschwörung nach, die unsere Welt im Griff hat. Populär- und Hochkultur feiern hier eine literarische Orgie, befeuert vom grenzenlosen Wissen des jungen Autors. Wer zum Beispiel vom deutschen Völkermord in der Kolonie Deutsch-Südwestafrika etwas wissen wollte, hätte schon damals in diesem Roman viele präzise, apokalyptisch grausige Seiten darüber lesen können – deutschen Historikern fiel dazu erst Jahrzehnte später etwas ein.

Pynchons Lebensthema ist zwar uramerikanisch, aber heute längst global geworden: Was Paranoia ist und wie stark sie mit dem verbunden ist, was wir voreilig Realität nennen, das lernt man am besten bei Pynchon, und nach V. in weiteren sieben Romanen, allesamt Weltliteratur. Weshalb er noch nicht den Nobelpreis bekommen hat, bleibt unbegreiflich; die Megaverschwörung muss mittlerweile in Stockholm herrschen. Am 8. Mai wird das zeitlose Genie Thomas Pynchon 80 Jahre alt.