Schmetterlinge, die sich auf den Kopf von Krokodilen setzen, um ihnen die salzigen Krokodilstränen wegzusaugen? Schafe, die so gezüchtet werden, dass sie ihre Wolle selbst abwerfen? Enten, die aus Sicherheitsgründen nur mit dem halben Gehirn schlafen? Igel, die in Eisbechern stecken bleiben? Solche Meldungen hat Eva Menasse ihren Erzählungen Tiere für Fortgeschrittene vorangestellt, wobei es dann meistens nicht um Tiere, sondern um Menschen geht, die in aufreibenden Patchwork-Konstellationen feststecken, auf patente Weise unglücklich sind oder sich gruppendynamisch zweifelhaft benehmen.

Welche Rückschlüsse tierisches Verhalten auf menschliches zulässt, ist zwar selbst unter Soziobiologen umstritten. Sicher ist dagegen, dass solche "Die Wissenschaft hat festgestellt"-Meldungen aus der Welt der Lurche, Dachse und Haie eine seltsame Sogwirkung haben: Es ist, als ob ein unbewusster Fabel-Detektor anspringt, der die eigene Spezies mit Genuss als durchschaubare Schnapp- und Beißtruppe dastehen lässt – obwohl sich Menasses Erzählungen gerade dadurch auszeichnen, dass man aus ihnen keine eindeutige Fabelmoral herausfiltern kann.

Gleich in der ersten Erzählung, Schmetterling, Biene, Krokodil, sind die Rollen auf exemplarische Weise unklar verteilt: Eine Frau namens Tom (sie besteht auf diesem Männernamen) bucht einen Familienurlaub in der Türkei, obwohl oder weil gerade ein langjähriger Freund gestorben ist. Vielleicht versucht sie, sich abzulenken, vielleicht hält sich die Trauer doch in Grenzen, vielleicht siegt der Pragmatismus, weil man mit den Kindern schließlich irgendwo hinmuss in den Ferien. Die Familie besteht aus Tom, ihrem Mann Georg, dessen beiden Kindern aus erster Ehe und dem gemeinsamen kleinen Sohn; dazu kommt Georgs Ex-Frau, die auf unheimliche Weise immer mit anwesend ist. Sie terrorisiert das Paar, indem sie unterstellt, dass Kleidungsstücke fehlen oder beschädigt sind, wenn die Kinder zu ihr zurückwechseln. Tom hat deswegen sämtliche Kleider heimlich nachgekauft und mit Ösen markiert; im Ernstfall kann sie damit nachweisen, dass Schaden oder Verlust nicht auf ihr Konto gehen.

Überhaupt, Verluste und Bilanzen: In diesem missglückten Pauschalurlaub zieht Tom eine gewisse Befriedigung daraus, ein junges schwedisches Paar zu beobachten. Sie ein ewig nölendes "dickes Rapunzel", er ein ostentativ devoter Schluffi. So jung und schon so unglücklich?, fragt sich die mittelalte und mittelunglückliche Frau; ihr Mann Georg dagegen findet nichts geheimnisvoll an dem bizarren Duo: "Sie bezahlt den Pfleger ihrer Launen nachts, mit diesem Übermaß an weichem Fleisch", lautet seine Diagnose, und: "Alle Beziehungen sind doch nur Geschäfte." Die Binsenweisheit ist komplexer, als es im ersten Augenblick aussieht, denn welches Tauschmodell wo und wie verfängt, lässt sich gerade nicht aufschlüsseln. Überall Krokodile – und überall Schmetterlinge, die sich am Leid der anderen laben. Dazu kommt: Die anfänglichen Krokodilstränen, die Tom um den toten Schulfreund weint, sind paradoxerweise womöglich die einzig echten, weil sie in eine Vergangenheit zurückführen, in der noch alles auf Anfang gestellt war.

Auch Eva Menasses vor vier Jahren erschienener Roman Quasikristalle war so ein anatomisches Theater, auf dessen Bühne menschliches Verhalten auf seine nicht allzu schmeichelhaften Triebfedern hin seziert wurde. Die Geschichte der lebenslustig-aufmüpfigen Heldin Xane Mole, zerlegt in ständig wechselnde Außenperspektiven, ergab ein verborgenes chemisches Grundmuster, das den einzelnen Lebenswirbeln nicht abzulesen war. Die barocke Erkenntnis, dass alles eitel sei, führt bei Menasse allerdings nie zu zynischem Triumphgeheul. Ja zu sardonischem Gelächter, Nein zu vernichtendem Sarkasmus: Diese Grundformel gilt auch in Tiere für Fortgeschrittene – selbst wenn nicht alle Erzählungen den gleichen eleganten Biss haben und einige sogar richtig misslingen.

Dann zum Beispiel, wenn die Dinge auf viel zu plakative Weise kaputt sind, wie etwa das nur noch dreibeinige Tischchen, das an eine längst ausgezogene Ex-Frau erinnert. Oder wenn die Tiere wie schlecht ausgestopfte Symbolständer in den Erzählungen herumstehen oder vielmehr -liegen, wie etwa das sterbende Reh, das doch nur auf die andere Waldseite wollte. Charly, ein erfolgreicher Regisseur, der zwischen Ehefrau und Geliebter switcht, findet das Tier auf der Straße – und fühlt sich gemeint. "Man muss den Wald manchmal wechseln, man muss sich frei fühlen, selbst wenn man es nicht ist", so denkt er sich die letzten Gedanken des Rehs. Und das ist dann doch ziemlich platt überfahren. Es sind überschaubar enge Milieus, in denen sich viele dieser Unfälle ereignen: Katastrophen von Besserverdienern, die sich selbst ein Bein stellen.

Fein geätzt und komisch, bei all dem verhandelten Unglück, werden die Erzählungen dagegen wieder, wenn sie psychologisch-moralisch so in der Schwebe bleiben wie in Raupen. Ein alter Patriarch versucht, die Demenz seiner Frau zu vertuschen; er pflegt sie weiterhin allein, während seine wütenden Töchter alles anders organisieren wollen. "Hüftsteife Menschen gießen Sekt in Bleikristallkelche, die einmal etwas Besonderes waren", heißt es einmal über das spezielle Unglück dieser Familie. Aber was treibt diesen knarzigen Patriarchen, der sich ähnlich wie Alfred, das abgedankte Familienoberhaupt in Jonathan Franzens Roman Die Korrekturen, in seine Kellerhöhle zurückzieht? Eine Mischung aus Liebe und Kontrollzwang? Oder Schlimmeres? Während seine Frau durchs Haus stolpert, feilt er bedächtig an der Todesanzeige.

Videolesung - Eva Menasse liest aus "Tiere für Fortgeschrittene" Jenna fährt nach Florenz und hat eine Panikattacke, die sie vor ihrer Familie zu verbergen versucht – nur eine der Erzählungen des Bandes. © Foto: Zehnseiten

Die letzte Erzählung, Enten, führt zurück in ein Patchwork-Ensemble, das demjenigen aus der Krokodil-Schmetterling-Symbiose gleicht. Diesmal fragt sich eine Frau namens Jenna, ob sie ihren Mann Ben verlassen soll. Gleichzeitig lässt sie das Leben ihrer Eltern Revue passieren, und wer Menasses Debütroman Vienna von 2005 gelesen hat, wird viel von der jüdisch-katholischen Familiengeschichte wiedererkennen, die dort erzählt wurde. "Mit minderen Problemen als dem Tod wollten Jennas Eltern nicht belangt werden": was für die Tochter bedeutet, dass ihr mittleres Unglück nicht zu zählen scheint. Liebe und Tod, Sehnsucht und Versagen kommen aber auch in den mittleren Lagen vor, und genau davon erzählen diese Geschichten. Tiere für Fortgeschrittene: das heißt nicht zuletzt, im großen Symbiosentheater sowohl dem Traurigen als auch dem Komischen einen Platz zu geben. Elegantes Stachelkostüm vorausgesetzt.

Eva Menasse: Tiere für Fortgeschrittene.
Kiepenheuer & Witsch, Köln 2017; 320 S., 20,– €