"Ich weigere mich, zwischen der Diktatur des Kapitalismus und der Diktatur der Xenophobie zu wählen. Ja, wenn es so weit kommt, dass Le Pen gewinnt, werden wir Nichtwähler verantwortlich sein. Aber ich stehe dazu: Macron ist kein Mittel gegen Le Pen. Gewinnt er, wird das Le Pen in fünf Jahren zur Macht verhelfen. Seine Methode ist der Liberalismus: Wieso brauchen wir überall den Markt als Ordnungsfaktor? Ich glaube nicht daran. Und ich traue Macrons Ein-Mann-Bewegung nicht. Ein Mann allein kann nichts bewirken."

Myriam Ahnich, 26 Jahre, Forschungsassistentin für Gesundheitspolitik an der Universität Paris-Nanterre

"Ich habe beim ersten Wahlgang für Fillon gestimmt, doch jetzt überzeugen mich weder Macron noch Le Pen. Sie sind mir beide menschlich zuwider. Sie wollen beide nicht sparen. Von beiden weiß man nicht, mit welcher Mehrheit im Parlament sie eigentlich regieren wollen. Macron wird meiner Meinung nach fünf Jahre lang nichts tun. Le Pen will aus dem Euro raus, und ich bin dagegen. Dass sie die große Katastrophe wäre, glaube ich trotzdem nicht. Warum soll ich also wählen gehen? Frankreich wird immer Frankreich bleiben."

Nicolas Théry, 21 Jahre, Wirtschaftsstudent an einer Pariser Eliteuniversität

"Ich bin seit 1945 zu jeder Wahl gegangen, jetzt zögere ich zum ersten Mal. Mein Vertrauen in die Politik hat abgenommen. Gegen Le Pen spricht die Absolutheit ihrer Ideen, gegen Macron seine Tätigkeit als Berater von Hollande. Keine Sekunde glaube ich an seine Unbescholtenheit. Er sieht gut aus, aber das reicht nicht. Er wirkt wie eine Attrappe – dahinter ist nichts. Es bedarf einer echten Persönlichkeit, um diesen Staat zu führen."

Françoise Bouteiller, 96 Jahre, aus Paris, ehemalige Diplomatin und Trägerin des Ehrenlegion-Ordens für ihr Engagement für Frauenverbände nach dem Zweiten Weltkrieg

"Ich will Le Pen und Macron nicht gleichsetzen, aber ich kann mich bisher trotzdem nicht für Macron entscheiden. Ich habe im letzten Jahr zu viel Polizeigewalt bei den Demonstrationen gegen das neue Arbeitsrecht der sozialistischen Regierung erlebt. Ich habe zu viel Arroganz dieser Regierung gegenüber Ausländern erlebt. Gerade die, die jetzt zum Widerstand aller Republikaner gegen Le Pen aufrufen, haben die Themen der Rechtsextremen selbst besetzt und gefördert: zum Beispiel Premierminister Manuel Valls mit seiner Burkini-Debatte im letzten Jahr. Jetzt aber sagen sie: Es gibt keine andere Wahl, wir müssen gegen die Rechtsextremisten stimmen. Seit 2002, als Jean-Marie Le Pen in den zweiten Wahlgang kam, geht das bereits so. Sie lassen uns keine Wahl mehr. Für mich ist das keine Demokratie mehr. Meinen Schülern sage ich das nicht."

Emmanuel Snyders, 30 Jahre, Grundschullehrer aus Pantin bei Paris

"Ich werde nicht zwischen Pest und Cholera wählen, jedenfalls noch nicht. Ich warte noch bis Sonntag, ob ich mich entscheiden kann. Seit vier Jahren haben wir als ehemalige Beamte keine Rentenerhöhung mehr bekommen. Stattdessen plant Macron eine Erhöhung der Sozialabgaben, die auch wir Rentner zahlen sollen. Alle strittigen Gesetze Macrons, als er Wirtschaftsminister war, wurden mithilfe von Ausnahme-Paragrafen durchgesetzt, ohne jede Abstimmung im Parlament. Ich bin vollkommen gegen Le Pen. Aber Macron macht, was er will. Demokratie sieht anders aus."

Rollande Autissier, 82 Jahre, ehemalige Bahnhofsangestellte aus Paris