Der Mensch ist ein schlechtes Wissenstier. Vor allem, wenn es um ihn selbst geht, denkt er grob unwissenschaftlich. Wir neigen prinzipiell dazu, uns zu überschätzen. So halten sich rund 90 Prozent aller Autofahrer für überdurchschnittlich gute Fahrer. Auch ist die Mehrheit davon überzeugt, sie sei deutlich klüger als die Mehrheit. Und statt uns die viel zitierte eigene Meinung zu bilden, unvoreingenommen und nach Lage der Fakten, suchen wir oft nur nach jenen Argumenten, die unsere Vorurteile bestätigen.

All das belegt: Die eigene Überzeugung ist fehlbar, im Singular ist der Mensch eine höchst unzuverlässige Wissensquelle. Im Plural dagegen sieht die Sache anders aus. Zusammen mit anderen sind wir Menschen offenbar sehr gute Wissenstiere.

Gemeinsam schafft es Homo sapiens, Sonden ins Weltall zu schicken, künstliche Herzen zu verpflanzen und sogar den eigenen mentalen Schwächen auf die Schliche zu kommen. Und für alles haben Forscher die passende Fachsprache entwickelt. "Dunning-Kruger-Effekt" nennt sich etwa die allzu menschliche Tendenz, das eigene Können zu überschätzen. In ihren Studien stellten die Psychologen David Dunning und Justin Kruger fest, dass mangelnde Kompetenz nicht etwa zu Selbstkritik, sondern zu Selbstüberschätzung führt. "Wenn jemand inkompetent ist, dann kann er nicht wissen, dass er inkompetent ist", fasst Dunning die Ergebnisse zusammen. Um die eigene Unfähigkeit zu erkennen, brauche man schon eine gewisse Bildung.

Das zeigt, was wissenschaftliche Einsicht leisten kann: Statt zur Selbstüberhöhung führt sie zur Selbsterkenntnis. Dieses Wissen muss allerdings in der Regel hart erworben werden, und daran arbeitet auch dieser Teil der Zeitung, der mit dieser Ausgabe 25 Jahre alt wird. Seit dem 1. Mai 1992 gehört das "Wissen" zur ZEIT, seither gibt es ein Ressort dieses Namens im Blatt.

Gegenwärtig ist allenthalben von der Krise des Faktischen die Rede (ZEIT Nr. 17/17). Forscher sehen sich weltweit genötigt, für die Vernunft auf die Straße zu gehen. Gerade deshalb ist es ein guter Zeitpunkt für eine Selbstvergewisserung: Was soll, was kann Wissenschaft? Was nicht? Und was muss man von einem Journalismus erwarten, der diesen Prozess kritisch begleitet? Anders gefragt: Wie steht es heute um das heikle Dreiecksverhältnis von Wissen, Wissenschaft und Wahrheit?

Beginnen wir mit einer einfachen Frage: Warum heißt das Ressort überhaupt "Wissen", wo es sich doch offenkundig mit Wissenschaft beschäftigt? Mit der Angst vor saurem Regen, mit Tschernobyl und Aids-Hysterie waren die 1980er das Jahrzehnt, in dem die Bedeutung von Wissenschaftsjournalismus augenfällig wurde. Die ZEIT hatte damals schon lange eine eigenständige Wissenschaftsseite, Anfang der neunziger Jahre zogen viele andere Medien nach. Das "verspätete Ressort" hat der Kommunikationswissenschaftler Walter Hömberg den Wissenschaftsjournalismus genannt – "verspätet" im Vergleich mit klassischen Ressorts wie Politik, Wirtschaft oder Feuilleton.

Bei der Gründung des Ressorts war der Name ein Versprechen – einladend und anmaßend zugleich. "Wissen" sollte freundlich und zugänglich klingen: Wissenschaft mag für Fachleute sein, Wissen ist für alle da. Dies erklärte die Absicht, den Stand von Medizin und Technik, von Bildungs- und Forschungspolitik, von Natur- und anderen Wissenschaften verständlich und aktuell darzustellen.

"Die Wissenschaft hat festgestellt, dass Marmelade Schnaps enthält", heißt es in einem spöttischen Kinderlied. Uns hat immer mehr interessiert als die nackte Meldung: Was für ein Schnaps? Wer hat ihn in die Marmelade gegossen? Aus welchem Interesse? Wer verdient daran? Muss jetzt ein Marmeladenschutzgesetz her oder wenigstens eine Marmeladensteuer?

Diese Fragen nach Hintergründen, Interessen und Kontext sind heute wichtiger denn je, heute, da jedes Faktum angezweifelt wird (auch weil wir gelernt haben, Autoritäten zu misstrauen), heute, da jede Behauptung Anspruch auf Gleichwertigkeit zu erheben scheint (alternative Fakten). Deshalb hat auf unseren Seiten die Skepsis ebenso ihren Platz wie die Überzeugung, dass eine empirische, gemeinsam betriebene und kontrollierte Wissenschaft der beste Weg ist, der Wahrheit näher zu kommen.

Wohlgemerkt: näher zu kommen. Denn natürlich ist die Wissenschaft nicht im Besitz von Wahrheiten. Sie ist im Gegenteil ein Prozess, der davon lebt, scheinbare Gewissheiten immer wieder umzustoßen, Altbekanntes in neuem Licht erscheinen zu lassen. Auch in den vergangenen 25 Jahren gab es dafür reichlich Gelegenheit. Hier berichten wir beispielhaft von 25 Überzeugungen, Gewissheiten und Lehrmeinungen, die umgestürzt wurden und neuen Erkenntnissen wichen.

Wissen tritt unterschiedlich auf. Es kann nach Platon theoretisch sein – wahre, gerechtfertigte Meinung. Es kann nach Aristoteles empirisch sein, als Beobachtung einer Außenwelt, der Bildung einer Theorie und ihrer Überprüfung durch Erfahrungen. Der Linguist Noam Chomsky trennt angeborenes (eine rudimentäre Urgrammatik) von erworbenem Wissen (Regelgrammatik und Wortschatz). Der Soziologe Michael Polanyi unterschied 1966 zwischen explizitem und implizitem Wissen , die Psychologie zwischen deklarativem ("Stahl ist hart") und prozeduralem Wissen ("der erste Gang im VW Käfer ist oben links, hakt aber etwas") und beim deklarativen wiederum zwischen semantischem ("Wasser ist H2O") und episodischem Wissen ("als wir im Meer vor Nieblum badeten, war das Wasser noch sehr kalt").

Wissenschaftliches Wissen ist per Definition vorläufiges Wissen, unter dem Vorbehalt späteren Besserwissens. Und jede empirisch geprüfte These steht unter dem Vorbehalt besserer oder anderer empirischer Zugänge. Dass Aristoteles im 4. Jahrhundert vor Christus mit Blick auf die vielen Windungen des Gehirns dieses als "Kühlorgan" ansah und den Sitz des Verstands im Herz verortete, war in der Antike eine nachvollziehbare These. Dass frühe Mediziner nach Erfindung von Vergrößerungsglas und Mikroskop in Spermien kleine Homunkuli sitzen sahen, denen der weibliche Eidotter nur als Nahrung dient, war dem Zeitgeist einer egozentrischen Männergesellschaft geschuldet. Und dass Isaac Newton im 17. Jahrhundert Raum und Zeit als Grundkonstanten der Natur ansah, war ebenfalls verständlich – bis Einstein kam und uns eines Besseren belehrte.

Doch die Veränderung des wissenschaftlichen Weltbildes heißt eben nicht, dass Erkenntnisse beliebig und lediglich Moden und Mächten unterworfen wären – so wie es manche Kritiker der Wissenschaft im Verbund mit Esoterikern und Verschwörungstheoretikern heute gern behaupten. Denn es gibt zwischen wissenschaftlicher Skepsis und Beliebigkeit einen grundlegenden Unterschied, den Einstein einmal so ausdrückte: "Es lässt sich schwer sagen, was Wahrheit ist, aber manchmal ist es so einfach, eine Lüge aufzudecken."

Wissenschaft ist dadurch charakterisiert, dass sie selbst alles daran setzt, ihre Grenzen zu verschieben, ihre Sinne zu schärfen und zu erweitern. Der Homunkulus (und damit der alles gestaltende Mann) war in dem Moment vom Tisch, als die Mikroskope besser wurden und das Wunschbild sich unter ihren Linsen von selbst auflöste. Jeder, der heute GPS-Sender und Satellitennavigation nutzt, beweist damit die Richtigkeit von Einsteins Relativitätstheorie, die von manchen immer noch angezweifelt wird.

Doch bei aller technischen Erweiterung unserer Wahrnehmung ist die Wissenschaft längst nicht an ihr Ende gelangt (auch wenn dieses Ende immer wieder beschworen wird). So wie einst die optischen Mikroskope die Weltsicht revolutionierten, tun es heute die digitalen Lupen von Big Data und die selbstlernenden Netzwerke der künstlichen Intelligenz. Wie verändern sie unsere Umgebung, wie setzen wir sie zu unserem Nutzen statt unserem Schaden ein? Lauter Fragen für Forscher – und für Journalisten, die darüber berichten.

Dabei geht es nicht nur um einzelne Ergebnisse. Wenn Erkenntnisse und Fakten aus politischem Interesse infrage gestellt werden, muss man offenbar immer wieder daran erinnern, was die Aufgabe der Wissenschaft ist: kollektiv die Beschränkung unserer Biologie (Auffassungsgabe, Erinnerungsvermögen, Langsamkeit) und unserer Psychologie (Vorurteile, magisches Denken) zu transzendieren. Dazu hat sich die Wissenschaft selbst Regeln gegeben und jahrhundertelang an ihrem Kodex geschrieben. Zwar ist der moderne Forschungsbetrieb weit davon entfernt, perfekt zu sein. Dennoch gilt für ihn Ähnliches wie für die Demokratie, die bekanntlich von allen schlechten Staatsformen noch die beste ist.

Natürlich wird die Wissenschaft immer wieder zugeben müssen, wie wenig sie weiß. Aufgabe von Journalisten ist es dann, dieses Wenige einzuordnen. Das ist – bitteres Schicksal – oft dann der Fall, wenn wir verbindliche Erkenntnisse am dringendsten bräuchten: angesichts von Krisen und Katastrophen. Die Komplexität des Weltklimasystems, die radikale Unübersichtlichkeit der Folgen von Tschernobyl und Fukushima bringen uns an die Grenzen des Wissen-Könnens, wenn wir am dringendsten wissen wollen.

Dass Wissenschaft die Wahrheit nicht gepachtet hat, sollte kein Grund zur Resignation sein. Immerhin liefert sie die beste Methode, sich ihr anzunähern.Und vielleicht haben wir sogar am meisten gewonnen, wenn uns deutlich wird, wo die Grenzen unseres eigenen Horizonts verlaufen.