Das berühmte Fisch-Zitat des britischen Mathematikers Alfred North Whitehead (1861–1947) gilt heute wohl mehr denn je. So flapsig es klingt, so intensiv hatte Whitehead sich mit Wissenschaftsgeschichte und -philosophie auseinandergesetzt. Anders als der große Denker Thomas Kuhn, der mit dem "Paradigmenwechsel" den Begriff für die seltenen Revolutionen in Theorien und Weltbildern liefern sollte, weist Whiteheads "Fisch" darauf hin, wie alltäglich und zahlreich die kleinen Revisionen im akademischen Alltag sind. Gestürzte Gewissheiten, überholte Lehrmeinungen und Entdeckungen, die vermeintliche Klarheiten beseitigen – unzählige Forscher haben sich damit arrangieren müssen. So wie in diesen Beispielen.

1 Im Gehirn Erwachsener entstehen keine neuen Nervenzellen mehr.

Es waren ja bloß Vögel. Bereits in den achtziger Jahren hatte der New Yorker Neurobiologe Fernando Nottebohm nachgewiesen, dass in den Gehirnen erwachsener Kanarienvögel neue Nervenzellen wachsen – besonders im Frühling, wenn die männlichen Singvögel ihr Liedrepertoire für die Paarung erweitern. Obwohl es ähnliche Befunde auch für Säugetiere wie Ratten gab, hielten Hirnforscher fast bis zur Jahrtausendwende daran fest, dass bei erwachsenen Menschen keine Hirnzellen mehr sprießen. Das Dogma erschütterte erst der Neurowissenschaftler Peter Eriksson. 1998 konnte er im Gehirn verstorbener Patienten neu entstandene Neurone zweifelsfrei identifizieren. Heute geht man davon aus, dass die "adulte Neurogenese" des Menschen unter anderem für die Gedächtnisbildung eine wichtige Rolle spielt – also ganz ähnlich wie bei den Kanarienvögeln. Josephina Maier

2 Monsterwellen können höchstens 15 Meter hoch werden.

Sie geistern als "Monsterwellen", "Kaventsmänner" oder "freak waves" durch die Literatur. Doch nie erbrachte jemand den Beweis, dass diese Riesenwellen mehr waren als Seemannsgarn. Mehr noch, Forscher hatten die maximale Höhe für natürliche Ozeanwellen auf 15 Meter festgelegt – dementsprechend legten Werften ihre Schiffe darauf aus, 16,5 Meter hohen Wellen trotzen zu können. Doch in der Neujahrsnacht 1995 hielt sich eine Welle nicht an diese Vorgabe. Eine automatische Messanlage an der norwegischen Ölbohrplattform Draupner-E zeichnete in der Nordsee 26 Meter Wellenhöhe auf. "Draupnerwelle" wurde die Woge getauft. Mittlerweile sind die mathematischen Modelle, die solche Monster erklären, akzeptiert. Und die 35-Meter-Walze, die 2001 um ein Haar das deutsche Kreuzfahrtschiff Bremen im Südatlantik versenkt hat, könnte die größte beobachtete (!) Welle aller Zeiten gewesen sein. Urs Willmann

3 Deutschland hat gute Schulen.

Diese Gewissheit wurde am Vormittag des 4. Dezember 2001 zertrümmert, als Bildungsforscher in Berlin die Ergebnisse der Pisa-Studie bekannt gaben. Unsere Schulen seien leistungsfähig und gerecht, in jedem Fall besser als die anderer Staaten – davon war die Nation der Dichter und Denker überzeugt gewesen. Doch der erste große internationale Schulvergleich bewies das glatte Gegenteil: Beim Lesen, Rechnen und in den Naturwissenschaften landeten deutsche Schüler nur im unteren Drittel der Länderwertung, jeder vierte Neuntklässler befand sich auf Grundschulniveau, nirgendwo anders hatte die soziale Herkunft einen so großen Einfluss auf den Lernerfolg. Die Pisa-Ergebnisse waren Schock und Schmach zugleich. Sie führten zu einer (Dauer-)Selbstbefragung der Bildungsnation und zu einem schulpolitischen Aktivismus, der bis heute anhält. Martin Spiewak

4 Der Neandertaler ist ein toter Ast der Evolution.

Seit 1856 im Neandertal unweit von Düsseldorf Knochen gefunden wurden, weiß der moderne Mensch um seinen Vetter aus der Urzeit, diesen Ausgestorbenen. 1998 nährte Erik Trinkhaus mit einem Knochenfund den Verdacht, einzelne unserer Ahnen hätten sich mit dem Cousin gepaart. Noch eindeutiger hybride Knochen bestätigten dies 2006. Wer aber hätte vermutet, dass sich die Subspezies Neandertalensis noch heute auf der Welt tummeln könnte? Seit 2010 der in Leipzig forschende Paläogenetiker Svante Pääbo die Entschlüsselung des Neandertalergenoms vermeldete, können wir vergleichen. Nun wissen wir, dass Europäer und Asiaten ein bis vier Prozent Neandertalergene in sich tragen. Insgesamt dürfte die Hälfte des Cousingenoms noch existieren – bemerkbar an blauen Augen, heller Haut, hellen Haaren oder unserer Neigung zu Allergie und Depression. Vom angeblich toten Ast geht viel Leben aus. Urs Willmann

5 Peak Oil steht unmittelbar bevor.

Das globale Fördermaximum für den wichtigsten Treibstoff der Industriegesellschaft ist sehr bald erreicht: Seit hundert Jahren sind Wissenschaftler davon überzeugt. Am Ende des Ersten Weltkriegs wurde "Peak Oil" für die 1920er Jahre prognostiziert. Und 1992 gingen manche sogar davon aus, dass der Gipfel bereits überschritten sei. Tatsächlich war die weltweite Fördermenge Mitte der achtziger Jahre gesunken. Doch das war nur der kurzfristige Effekt sparsamerer Automotoren sowie erdgasbetriebener Kraftwerke und Heizungen. Dann, mit dem Boom in Schwellenländern wie China, stieg die Förderung wieder. Bislang haben wohl nur einzelne Länder Peak Oil hinter sich, etwa Deutschland (1968) und Großbritannien (1999). Für die USA galt lange 1970 als das Jahr des Fördermaximums. Doch dann wurden ab 2008 mithilfe von Fracking unkonventionelle Ölvorkommen erschlossen, und die Produktion erreichte dort 44 Jahre später einen neuen Gipfel. Dirk Asendorpf