Den ganzen Wahnsinn seiner Stadt in diesem Jubeljahr 2017 gießt Eckhard Naumann, SPD-Oberbürgermeister von 1990 bis 2015, in einen Satz: "Wenn Luther hier heute vom Himmel fiele, er würde sich wahrscheinlich immer noch zurechtfinden in seinem Wittenberg." Denn die Innenstadt, diese "Luther-Puppenstube", wie ein Stadtfüh rer sie nennt, sieht im Grunde noch aus wie damals, als der Reformator hier durch die Straßen streifte. Lediglich zwei Dinge unterscheiden das Wittenberg 2017 wirklich vom Wittenberg vor 500 Jahren. Erstens: So herausgeputzt, so schmuckkästchenhaft, so sauber geleckt war diese Stadt damals ganz gewiss nicht; so schön wie heute war Wittenberg vermutlich überhaupt noch nie. Zweitens: Die Menschen, die 2017 in dieser Stadt leben, können mit dem Glauben sehr viel weniger anfangen als jene von damals. Von den rund 48.500 Einwohnern Wittenbergs gehören mehr als 40.000 nicht zur Kirche. Hier hat die DDR ihr Werk verrichtet: Das Kernland der Reformation gehört zu den am stärksten entchristlichten Regionen Europas.

Trotzdem werden jetzt, zum Kirchentags-Jubiläumswochenende vom 24. bis 28. Mai, 200.000 Gäste nach Wittenberg kommen – die allermeisten davon Christen. Zur "Weltausstellung", die noch bis September in der ganzen Altstadt läuft, erwartet Wittenberg insgesamt gar eine halbe Million Besucher. Die Stadt atmet einen Sommer lang (und in Wahrheit schon seit Monaten) nichts anderes als Luther, Luther, Luther. Und Eckhard Naumann, der gebürtige Wittenberger, 69 Jahre alt, bekennender Protestant, wusste schon vor Jahren: Wir werden einiges zu tun haben, um unseren Atheisten zu erklären, wieso hier Ausnahmezustand für den Glauben herrschen wird. Müssen um Verständnis werben, dass die Hauptstadt der Reformation auch zur Hauptstadt der Reformationsparty wird.

"In den Jahren nach der Wende haben wir manchmal Sätze gehört wie: ›Erst hat uns die SED regiert, jetzt regiert uns die Kirche‹", sagt Naumann. Dass an jeder Ecke der Stadt Luthers gedacht wird, dass Wittenberg ein Freiluft-Reformationsmuseum ist, das hat immer viele aufgeregt. Ihm, Naumann, war klar: Wer die Menschen hier nicht gewinnt, kann nicht Hunderttausende in die Stadt holen.

Die vielleicht größte Herausforderung bei der Vorbereitung dieses Kirchentags war wohl: die Bewohner der Stadt von ihrem Fest zu überzeugen. Davon, dass es schön ist, wenn Millionen Menschen innerhalb weniger Monate eine Kleinstadt bereisen möchten.

Es gab deshalb einen ausgetüftelten Plan dafür, die Wittenberger zu begeistern. Dieser Plan ist, im Grunde, schon Jahre alt. Im Jahr 2008, fast zehn Jahre vor dem 500. Reformationsjubiläum 2017, initiierten Eckhard Naumann und seine Mitstreiter ein Projekt, das den Wittenbergern erklären sollte, warum Luther wichtig ist. Naumanns parteiloser Nachfolger, Torsten Zugehör, setzte es fort. Wie überzeugte man die Leute? Mit vielen, vielen Gesprächen, sagt Zugehör. "Wir haben die gesamte Bevölkerung zu Workshops eingeladen, zu Ideenwerkstätten, zu sogenannten Stadtgesprächen. Und da ging es dann – gut protestantisch – zur Sache." Ach ja? Wie denn? Ganz einfach: Verantwortliche von Stadt und Kirche informierten darüber, was sie planten. Die Bürger sagten, was sie davon hielten. Manchmal kamen ein paar Dutzend, manchmal Hunderte. Manchmal war es leise, häufig genug sehr laut.

"So ähnlich wie bei Luther", witzelt Torsten Zugehör: "Der hat auch seine eigene Unvollkommenheit in die Mitte gestellt – und so zum Begriff der Gnade gefunden." Gnade vor dem Bürger – die Urhoffnung jedes Politikers, in Wittenberg scheint das tatsächlich geklappt zu haben. Zugehör, das sagt er selbst, hat zugehört: "Wir haben öfter erst durch die Bürgerforen gemerkt, dass den Bürgern ganz andere Dinge Sorgen bereiten, als wir vorher gedacht hatten." Einmal, als das Wittenberger Heimatmuseum aus dem Stadtschloss ausziehen sollte, damit das Gebäude zur Gänze an die Kirche übergehen könnte, war der Zorn der Bürger so laut, dass der Oberbürgermeister sich nur mit Raffinesse zu helfen wusste: Er versprach den Leuten ein größeres, schöneres Museum. So kam es auch.

Zugehör sagt, dieses Bürgerformat habe so gut funktioniert, dass die Stadt es später auch in der Flüchtlingskrise anwenden konnte. Neu-Bürgermeister Zugehör und sein Vorgänger Eckhard Naumann laufen nun, in den Tagen und Wochen vor dem großen Fest, durch ihr Wittenberg und registrieren fast ein bisschen ungläubig, wie nach und nach die Kakofonie verstummt. Naumann erklärt sich das damit, dass man die Skepsis der Wittenberger immer ernst genommen habe. "Wir haben nicht zugelassen, dass die ganze Stadt völlig verluthert", sagt er. Man habe sich immer gewehrt dagegen, dass die Stadt sich in allzu großer Frömmigkeit ergeht. In den ersten zehn Jahren nach der Wende habe man das Gedenken an den Reformator sogar ziemlich ausgeklammert: "Wir haben zuerst die Plattenbauviertel saniert – und erst viel später in der Innenstadt richtig losgelegt", sagt Naumann: "Das war damals einfach wichtiger." Für die Akzeptanz. Fürs Klima.

Danach, glaubt Naumann, konnte die Bevölkerung damit leben, dass viele Millionen in die Innenstadt flossen – jene Innenstadt, in der kaum jemand wohnt, aber in der sich, schon seit DDR-Zeiten, Tag für Tag die Touristen stapeln. Pilger aus den USA und aus Korea, Schulfahrten aus ganz Europa und kirchliche Reisegruppen aus Deutschland. Sogar der Umstand, dass ausgerechnet der Marktplatz bis heute nicht saniert ist, sondern – vom Pflaster her – aussehe wie zu DDR-Zeiten, versteht Ex-Oberbürgermeister Naumann als Zugeständnis an die Wittenberger: "Die haben von einem sanierten Marktplatz nämlich herzlich wenig", sagt er. Sie wohnen ja woanders. Und so kann man zum Beispiel in die sanierten Plattenbaugebiete gehen, von denen Naumann spricht, um die Leute zu treffen, die erst wenig von Luther wissen wollten, aber sich jetzt eben doch auf das Jubiläum in ihrer Stadt freuen. Rings um die Altstadt, vor allem im Norden und Osten, liegen jene Stadtteile, die es in der Reformationszeit natürlich noch gar nicht gegeben hat. Wohnhäuser aus dem 19. Jahrhundert. Und vor allem Hochhäuser der DDR.