Für diese Sonderausgabe haben wir den Zeichner David Czinczoll gebeten, Szenen aus Wittenberg zu illustrieren. © David Czinczoll für DIE ZEIT

Das Erste, was ich in meinem Leben sah, war Wittenberg. Okay, vermutlich waren es in Wirklichkeit die Handschuhhände einer wuchtigen Wittenberger Hebamme, aber Sie verstehen, was ich meine. Zwar lebten meine Eltern schon damals in einer der beiden 35 Kilometer entfernten Städte, die man heute gemeinsam Dessau-Roßlau nennt, und natürlich gab es auch dort genügend Krankenhäuser, immerhin ist die Doppelstadt sogar doppelt so groß, aber ich wurde nun eben als einziges Kind der gesamten Nachbarschaft im Exil geboren.

Lange suchte ich nach dem Grund dafür. War ich ein Findelkind und eigentlich der Sohn eines berühmten Piraten? Waren meine Eltern auf der Flucht, oder waren sie gerade damit beschäftigt, ein paar Blatt Papier an eine Kirche zu nageln, als ich die Fruchtblase durchstieß? Die Lösung war weitaus ernüchternder. Meine Mutter verriet sie mir ein paar Jahre später: Ich wurde in Wittenberg geboren, weil das dortige Krankenhaus als einziges in der Umgebung ein Ultraschallgerät besaß und man mit so einem coolen Schwarz-Weiß-Foto am Kühlschrank in der Gesellschaft der ausgehenden DDR knapp hinter Sigmund Jähn rangierte. Meine Eltern waren also einfach Poser.

Ich weiß nicht, wie lange meine Mutter und ich nach der Geburt noch im Krankenhaus weilten, immerhin wurde ich per Kaiserschnitt geboren, was ziemlich cool ist, denn der erste Kaiserschnitt in Deutschland erfolgte am 21. April 1610 genau wo? In Wittenberg! Und wer wurde fast auf den Tag genau 376 Jahre später ebendort geboren? Ich! Das ist doch mal eine echte Story, Mutter!

Was ich jedoch weiß, ist, dass ich seitdem nie mehr in Wittenberg war. Warum auch? Ich wohne seit Ewigkeiten in Leipzig, und das ist auch besser so. Außerdem fährt niemand aus Dessau-Roßlau nach Wittenberg, wo die Autos höhnisch das Kennzeichen WB tragen, was, wie alle wissen, "die Weltbesten" bedeutet und in erster Linie eine Beleidigung darstellt. Zwischen den Städten in Sachsen-Anhalt herrscht seit jeher eine sehr ausgeprägte Form gegenseitiger Verabscheuung und wechselseitiger Ignoranz. Niemand aus Dessau-Roßlau fährt nach Köthen. Niemand aus Köthen fährt nach Bernburg (wo liegt das eigentlich?). Und Halle, ach, reden wir nicht über Halle. Ja, der harte Kern sieht die erste aller Trennungen sogar schon zwischen den fünf Kilometer voneinander entfernten Ortsteilen Dessau und Roßlau selbst, quasi zwischen Mulde und Elbe. Daran konnte nicht einmal der Karat-Hit Über sieben Brücken musst du gehn etwas ändern, wobei der Nachbar meiner Eltern bis heute schwört, dass es in Wirklichkeit acht Brücken sind. Aber der Nachbar ist eben ein echter Roßlauer und würde Dessau nie im Leben betreten.

Meine beiden Cousins gingen in Wittenberg zur Schule, und immer, wenn ich bei ihnen zu Hause den Lokalteil der Zeitung studierte, verstand ich rein gar nichts. Ich wollte auch nichts verstehen, denn zu Hause gab es ja alles. Na ja, vieles. Oder sagen wir, wenigstens ein bisschen was. Auf jeden Fall mehr als in Wittenberg! Man denke da nur an das Bauhaus oder Kurt Weill. Bis heute ist Dessau-Roßlau absolut spitze. Erst kürzlich kürte das Projekt "Partnerschaft für Demokratie" Roßlau zum "rechtsextremen Leuchtturm", herzlichen Glückwunsch! Es gibt also gar keinen Grund, die Stadtgrenze Richtung Wittenberg zu überschreiten. Dessauerinnen und Dessauer fahren maximal bis nach Wörlitz, um durch die wunderbaren Parkanlagen zu spazieren. Dass diese jedoch eigentlich zum Landkreis Wittenberg gehören, nimmt man zähneknirschend in Kauf. Immerhin, die Unesco listet den Park als Weltkulturerbe unter dem Namen "Dessau-Wörlitzer Gartenreich", in your face, liebe Weltbeste!

Wobei das alles nicht ganz stimmt.

Passenderweise war ich sicher noch acht- oder neunmal im Krankenhaus in Wittenberg, weil der Nagel meines großen Zehs immer wieder einwuchs, die Freizeitangebote in Sachsen-Anhalt eher eingeschränkt waren und man ansonsten nur Nazi werden konnte. Eine Tradition, die sowohl Wittenberger als auch Dessau-Roßlauer Jugendliche bis heute pflegen, und wahrscheinlich auch ihre einzige Gemeinsamkeit. Was mich seither mit meiner Geburtsstadt verbindet, ist einzig und allein, dass der ICE zwischen Leipzig und Berlin dort regelmäßig hält und alle Reisenden immer so mitleidig gucken, wenn jemand aussteigen muss. Ich weiß, dass aus Wittenberg diese total schokoladigen Othello-Kekse kommen, aber ich mag keine Schokolade. Ich erinnere mich an den Army-Shop, wo ich mir mit 16 eine Bundeswehrjacke kaufte, nur um sofort das Deutschlandfähnchen auf dem Ärmel durchzustreichen, was zwei Jahre später bei meiner Musterung eher so mittelgut ankam, mir aber immerhin dazu verhalf, dass die Uniform-Leute nichts mehr mit mir zu tun haben wollten. Ich kenne den Agro-Chemie-Park, dessen Namen ich sehr lustig finde, weil ich mir immer vorstellen muss, wie dort sehr wütende Wittenbergerinnen und Wittenberger fluchend in großen Kesseln Salzsäure anrühren.