Der Kirchentag naht: In drei Wochen wird Wittenberg zur Metropole der Religion. © David Czinczoll für DIE ZEIT

Es ist paradox: 500 Jahre nach dem Beginn der Reformation trauen viele in Deutschland der Stadt, von der aus Luther die Welt veränderte, das Reformationsjubiläum nicht recht zu. Wittenberg sei zu klein, heißt es gerne, zu abgelegen, zu ungläubig und, auch das, zu ostdeutsch für ein gesamtdeutsches Großereignis wie den Kirchentag 2017. Dessen Abschlussgottesdienst mit 200.000 erwarteten Besuchern drohe deshalb in Wittenberg im Verkehrschaos zu enden. Warum also den Kirchentag nicht gleich ganz nach Berlin transferieren?

In Berlin findet man die Macht, das Geld und die Menschen, die es für die Organisation braucht: Auf der Berliner Fanmeile ist man an euphorisierte Massen gewöhnt. Da kommen 200.000 Menschen, egal ob die Deutsche Nationalmannschaft die Europameisterschaft vergeigt oder Angela Merkel mit dem zum Kirchentag importierten Barack Obama über Krieg, Frieden und vielleicht auch übers Evangelium diskutiert.

Gegen die Größe, die Internationalität Berlins stinkt Wittenberg zwangsläufig ab. Berlin, das ist das Zentrum eines neuen, vor Stärke und Selbstbewusstsein strotzenden Deutschlands. Wittenberg dagegen, das ist die Provinz, mit der dieses Deutschland immer weniger zu tun haben will. In der Provinz, so das Vorurteil, ist vom Wahl-, Ess- bis zum Frisierverhalten alles rückständig, piefig, defizitär. Deshalb erwartet Deutschland heute wenig von seiner Provinz und traut ihr noch weniger zu. Bereits vorhandene Komplexe in der Peripherie bekommen so beständig Futter und nähren den Glauben der Menschen dort, rückständig, vergessen und abgehängt zu sein. Bis der Minderwertigkeitskomplex selbst dann noch mitschwingt, wenn man meint, sich per Imagebroschüre der Welt präsentieren zu müssen, etwa indem man wie die Stadt Wittenberg zum Lutherjahr 2017 die lokale Stickstoffindustrie als besonders sehenswert preist oder den Bürgern angesichts der nationalen Feierlaune einhämmert: "Langeweile nicht gestattet!"

Dabei hat Luther vor 500 Jahren vorgelebt, dass Provinz relativ ist und man auch von Wittenberg aus die Welt aus den Angeln heben kann, wenn man sagt, woran man glaubt, und glaubt, was man sagt. Doch 500 Jahre nach Luthers Thesenanschlag an die Pforte der Schlosskirche (den es so wahrscheinlich nie gegeben hat) steckt der Glaube in Deutschland in der Krise.

Dass Luther in Wittenberg und nicht in Berlin wirkte, erscheint vielen Wittenbergern mittlerweile wie ein glücklicher Zufall oder auch ein Witz der Geschichte. Schließlich gehören 27 Jahre nach dem Ende der DDR nur noch rund 17 Prozent der Wittenberger überhaupt einer Kirche an. Die "Verlutherung" der Innenstadt mit protestantischen Devotionalienlädchen muss also vielen Einwohnern suspekt erscheinen – und wirkt nur umso merkwürdiger und gewollter, je mehr Wittenberger an Luther verdienen, ohne mit dem, woran er glaubte, noch etwas anfangen zu können. Je näher das Jubiläum rückt, desto schwerer fällt es jedoch, sich der in Wittenberg aus ökonomischen und lokalpatriotischen Gründen verordneten Luther-Verehrung zu entziehen, desto begeisterter muss man sein vom Reformator. Ansonsten ist man ein Nestbeschmutzer und Festverderber.

Eine große historische Verkrampfung beherrscht 2017 Wittenberg. Sie ist nicht provinzspezifisch, auch wenn sie sich hier in der Provinz besonders gut beobachten lässt. Anzutreffen ist sie auch andernorts, überall dort, wo mit Luther-Nudeln, Luther-Bier und Luther-Socken eine Luther-Lockerheit behauptet wird, die nicht mehr ist als ein frommer Wunsch. Oder wo man versucht, aus der Feier des Thesenanschlags, der eine Kirchenspaltung und 30 Jahre Krieg nach sich zog, einen Staatsakt und eine gesamtdeutsche Wohlfühlveranstaltung zu machen, anlässlich deren wirklich jeder Amtsträger einmal sein Herz am Rednerpult erwärmen darf.

Gerne wird der Reformator dabei beschränkt auf die perfekte Anekdote und den kernigen Spruch als Beweis für Lebensnähe. Praktisch, dass sich sein Antlitz zudem auch noch dekorativ auf Tassen und 1.000-Teile-Puzzles drucken lässt. Als Ikone und Zitat bleibt Luther so auch weiterhin vermittelbar in einer Gesellschaft, die sich paradoxerweise vom Christentum immer weiter entfernt, je mehr sie sich auf der Socke auf einen großen Helden des Abendlands beruft. Das verbindet die Metropole Berlin mit der Provinzstadt Wittenberg. Das relativiert die Stärke des einen und die Schwäche des anderen und macht beide gleichermaßen ratlos, was mit Luther 500 Jahre nach der Reformation noch anzufangen ist.

Nur dass einen in Wittenberg nichts von dieser Ratlosigkeit ablenkt, kein übersteigertes Metropolen-Selbstbewusstsein und keine nationale Hybris, keine Angela Merkel, kein Barack Obama und regelmäßig stattfindende Massenbesäufnisse auf der Fanmeile schon gar nicht. In der Provinz, das war schon immer so, ist Deutschland so groß, mutig, renitent und der Zukunft zugewandt, aber auch so klein, ängstlich, piefig und verletzlich, wie Deutschland nun mal ist.

Deshalb lohnt es, heute nach Wittenberg zu fahren und sich der großen Luther-Ratlosigkeit auszusetzen, bis einen irgendwann der heilige Zorn packt und man die Luther-Socke, mit der die Stadt wie tapeziert erscheint, am liebsten 95-mal an die Schlosskirche nageln würde. Um so ein Zeichen zu setzten, dass es so nicht weitergehen kann mit der Historisierung und Banalisierung des Christentums, dass alles besser ist, sogar der Zorn, als die Leidenschaftslosigkeit, mit der man heute aus dem Reformationsjubiläum je nach Gusto einen Staatsakt, ein Event, eine organisatorische Herausforderung oder eine gute Gelegenheit für gute Geschäfte macht. Vor 500 Jahren wirkte Martin Luthers Zorn in Wittenberg schon einmal entkrampfend auf die Christenheit. Es gibt keinen besseren Ort, um sich dessen zu erinnern.