Vierzehn maschinengeschriebene Seiten in englischer Sprache, der Stil knapp, protokollarisch, unsentimental, und doch verrät jede Zeile, wie sehr der Autor unter dem Bann des Erlebten steht. Gerade 23 Jahre ist er alt, ein Soldat in britischen Diensten, Manfred Gans. Ein Deutscher, geboren 1922 in Borken im Münsterland.

Was der Name nicht verrät: Manfred Gans entstammt einer jüdischen Familie, der Vater Moritz ist ein hochdekorierter Weltkriegsveteran; einen Lungenflügel und ein Bein gab er fürs Vaterland. Vorsitzender der Jüdischen Gemeinde war er, erfolgreicher Textilunternehmer. 1938, im Jahr der Pogromnacht, schicken er und seine Frau Else die beiden jüngeren Söhne, Manfred und Theo, nach London. Der ältere, Karl, ist bereits ausgewandert, nach Palästina. Die Eltern bleiben in Deutschland. Die Kinder, hoffen sie, werden bald heimkommen. Vielleicht im nächsten Sommer schon.

Nach sieben Jahren, im Frühjahr 1945, betritt Manfred wieder deutschen Boden, als Private Freddy Gray. Seit 1943 gehört er der 3 Troop an, einer geheimen britischen Eliteeinheit aus 87 Männern, fast ausnahmslos Juden, die aus dem Deutschen Reich nach England geflohen sind. Gans’ Einheit hilft den alliierten Truppen bei der Invasion in der Normandie 1944 mit geheimdienstlichen Methoden. Durch Frankreich geht es der alten Heimat zu. Stationierung im niederländischen Goes.

Hier entsteht bei Kriegsende Manfred Gans’ Bericht. Vierzehn Seiten, die heute im Archiv des Holocaust Memorial Museum in Washington liegen. Doch nicht vom D-Day, nicht vom Vormarsch der 3 Troop handeln sie, sondern von einer sechstägigen privaten Reise, die Gans im Mai 1945 unternimmt, mit Erlaubnis seines Vorgesetzten, der ihm Jeep und Fahrer stellt. Nach Theresienstadt nahe Prag will er. Dort, im Konzentrationslager, vermutet er seine Eltern, dort, hofft er, haben sie überlebt.

Tausend Kilometer liegen vor ihm. Drei Tage ist Manfred Gans unterwegs. Eine Fahrt durch Europa im Moment des totalen Kollapses: Wo verlaufen die Fronten? Welche Regeln gelten? Gelten überhaupt welche?

Die Aufzeichnungen, hier erstmals auf Deutsch in gekürzter Fassung zu lesen, lassen, so ruppig sie im Ton sind, einen sensiblen politischen Beobachter erkennen. Ganz beiläufig bieten sie ein Psychogramm der befreiten, der besiegten Deutschen, die dem deutschen Juden, dem jüdischen Deutschen Gans so fremd geworden sind.

Tag eins. Wir sind startklar. Der Fahrer weiß erst seit einer Viertelstunde von dem geplanten Trip. "Lucky chap", sagen einige. Wir verlassen GOES gegen zwölf Uhr mittags. In ROSENDAAL nehmen wir zwei Kanadier mit. Sie kommen aus Brüssel. "VE [Victory in Europe] Day in B. Have we had a time!"

KLEVE – EMMERICH – BOCHOLT, überall totale Zerstörung. Bob, mein Fahrer, hat so etwas noch nicht gesehen und kann es nicht fassen. Die Kanadier reißen Witze: "Da steht noch ein heiles Haus, da wohnen verdammte Einheimische [bloody natives], viel zu gut für die!"

Meine Karte ist ungenau, aber ich kenne mich hier aus. BOCHOLT ist kaum wiederzuerkennen. Alles kaputt. Eine Schenke in einem schönen Haus, die Briten trinken Tee und essen Kuchen im Garten. In der Ecke sitzt ein hübsches Mädchen. Überall sonst würde man sie belagern, hier kümmert sie keinen. Das Fraternisierungsverbot funktioniert gut bei Tageslicht.

Als wir durch BORKEN kommen, fahre ich langsamer. Die alliierte Militärverwaltung hat unser altes Haus bezogen. Sie haben es wieder hergerichtet. Es sieht prächtig aus, das freut mich. Das wird den Jerries [abfällig für Deutsche] eine Lehre sein. Mit ihrem Hang zum Mystischen werden sie die Lektion schon verstehen.

Über die bekannte Straße nach MÜNSTER. Wir kommen in die US-Zone, reden mit ein paar Soldaten. "Wann können wir endlich nach Hause?", fragen sie.

Wir beschließen, uns ein paar Eier zu besorgen, halten am nächsten Bauernhof und verlangen welche. Die Leute sind nervös. Sie bieten uns die doppelte Menge an. Ich gebe ein paar Zigaretten. Eine Frau kommt rein und fragt nach einem Quartier – eine von Millionen deutschen Flüchtlingen.

In MÜNSTER stelle ich fest, dass die deutschen Kasernen nun von den Amerikanern bezogen wurden. Ich erinnere mich an die Zeit, als ich vor dieser Kaserne stand und zusah, wie die deutschen Soldaten gedrillt wurden. Ich hätte mir nicht träumen lassen, dass ich hier eines Tages bei den Amerikanern im Offiziersquartier übernachten würde.

Talk mit den Yankees. Alle sprechen nur davon, dass die deutschen Mädchen sie verrückt machen. "Erlaubt uns, sie zu vergewaltigen oder zu erschießen", verlangen sie. In der Nähe sind Franzosen, Polen etc. stationiert. Sie fraternisieren, wie es ihnen passt. Ich gehe zu Bett mit dem Gedanken, dass die Moral komplett in Scherben liegt, was deutsche Mädchen anbelangt.