Als David Bendels am Donnerstag vergangener Woche im hessischen Niemandsland auf die Bühne eines Gasthofs tritt und seine Rede beginnt, klingt er wie ein AfD-Politiker im Wahlkampf. Er schimpft auf Bundeskanzlerin Angela Merkel, auf Multikulti und auf die Gegendemonstranten, "rot lackierte Nazihanseln", die sich vor dem Gasthof versammelt hätten. Bei der Landtagswahl in Nordrhein-Westfalen gebe es nur eine Alternative, ruft er in den Saal: "die AfD!" Die 200 Zuhörer jubeln ihm zu. Im Saal sitzt auch Alexander Gauland, der AfD-Spitzenkandidat für die Bundestagswahl.

Doch Bendels ist kein AfD-Politiker. Er ist Vorsitzender des "Vereins zur Erhaltung der Rechtsstaatlichkeit und bürgerlichen Freiheiten e. V.", der seit Monaten in großen Kampagnen für die AfD wirbt. Allein in den vergangenen Wochen hat der Verein in Nordrhein-Westfalen rund 2000 Werbeflächen gemietet und 2,6 Millionen Exemplare der Wahlkampfzeitung Extrablatt verteilt, mit Texten über gierige Flüchtlinge und libanesische Banden in Essen. Auf den Plakaten steht: "Jetzt AfD wählen." Für Plakatwerbung und Druckkosten hat der Verein nach Recherchen der ZEIT allein im NRW-Wahlkampf bis zu vier Millionen Euro ausgegeben. Zum Vergleich: Das Budget der Grünen und der FDP liegt jeweils bei ungefähr einer Million Euro – für den kompletten Landtagswahlkampf.

Die AfD erklärte dennoch, der Verein sei ihr nicht bekannt. Trotz der millionenschweren Kampagnen. Und obwohl Vereinsvorsitzender Bendels in den vergangenen Monaten achtmal als Redner mit führenden Parteifunktionären wie Alice Weidel und eben Alexander Gauland aufgetreten ist. Was ist das für ein Verein? Und warum interessiert sich die AfD nicht für ihn?

Im Gasthaus in Hessen ist es nach den Wahlkampfreden Mitternacht geworden. David Bendels bestellt Weizenbier und erzählt: Nach seinem CSU-Austritt hätten ihn einige Leute, die aus einer bereits bestehenden Initiative einen Verein machen wollten, gefragt, ob er, Bendels, diesen Verein führen wolle?

Wer ihn genau angesprochen hat? Das könne er nicht sagen, meint Bendels. Weiß er denn, woher das Geld für die Kampagnen stammt? 14.000 Unterstützer habe der Verein, erklärt der Vorsitzende. Von der Oma, die nur einen Euro überweise, bis zum mittelständischen Unternehmer, der größere Summen spende. Kommen aber so Millionen zusammen? Und mit wessen Geld ging es los? "Darüber habe ich keinerlei Kenntnisse", erwidert Bendels. Die Mitglieder der Initiative sah Bendels bei der Vereinsgründung zum ersten Mal. Wer die Idee für den Verein gehabt habe, könne er auch nicht sagen.

Im Vereinsregister stehen, neben Bendels, sechs weitere Gründungsmitglieder. Anruf beim zweiten Vorsitzenden, einem ehemaligen Notar, und dessen Frau, ebenfalls Gründungsmitglied. Die Frau hebt ab und teilt mit: "Ich gebe keine Auskünfte. Danke schön."

Anruf beim Schatzmeister, einem ehemaligen Arzt: "Wir haben eine Abmachung, dass der Herr Bendels für den Verein spricht. Daran muss ich mich halten." Auch drei weitere Gründungsmitglieder weigerten sich, mit der ZEIT zu sprechen. Niemand von ihnen ist laut Bendels in der AfD, und einige scheinen nicht einmal über die Arbeit des eigenen Vereins Bescheid zu wissen. Es ist, als seien sie nur Strohleute. Aber für wen?

Laut Protokoll trafen sich am 21. September 2016 nicht nur die sieben Gründungsmitglieder in einem Stuttgarter Gewerbegebiet zur Vereinsgründung. Dabei war noch eine achte Person. Die "Leitung der Versammlung" übernahm der Stuttgarter Rechtsanwalt und Arzt Rolf Schlierer. Er war 20 Jahre lang Bundesvorsitzender der Republikaner. Bis heute ist er Mitglied dieser rechtsradikalen Partei.

Wieso leitete er die Gründungsversammlung? Er habe mit den Entscheidungen im Verein nichts zu tun, sagt Schlierer . "Ich war nur als Dienstleister für die rechtliche Beratung bei der Gründung dabei." Schlierer saß bis 2001 auch als Abgeordneter im Landtag von Baden-Württemberg. Dort beschäftigte er jahrelang einen Assistenten: Michael Paulwitz. Auch Paulwitz, Ende der Neunziger vom Verfassungsschutz beobachtet, war bis 2016 Mitglied der Republikaner – und gehört zum Umfeld des Vereins. Noch letztes Jahr wurde er dort als Verantwortlicher und Ansprechpartner im Impressum genannt. Paulwitz verdient sein Geld als Presseberater und erklärt, der Verein sei bloß ein Kunde gewesen. Wer ihn damals engagierte, könne er nicht sagen. Nach der Gründungsphase hätten sie nichts mehr mit dem Verein zu tun gehabt, sagen sowohl Paulwitz als auch Schlierer. Doch bei späteren Veranstaltungen waren sie Gäste. Und Schlierer informierte den Vorsitzenden Bendels unverzüglich über das Telefonat mit der ZEIT .

Eine millionenschwere Blackbox

In Deutschland sind anonyme Großspenden an Parteien verboten. Name und Adresse der Spender müssen nach dem Parteiengesetz veröffentlicht werden. Ein anonymer Verein, der mit Millionen den Wahlkampf unterstützt, ist darin nicht vorgesehen. Mithilfe des Vereins können Sympathisanten die AfD unterstützen, ohne dass ihre Namen bekannt werden. Er ist eine millionenschwere Blackbox.

Von Schlierer und Paulwitz führt die Spur von Stuttgart aus in die Schweiz. Dort arbeitet Alexander Segert. Seine Werbeagentur, die Goal AG, betreute von Beginn an den Webauftritt des Vereins, gestaltete die Plakatmotive, produziert das Extrablatt und baute auch die Website des Vereins auf. Vereinsvorsitzender Bendels war seit Februar 2017 mindestens viermal zu Besuch in der Schweiz. Er habe sich dort auch mit Segert und Mitarbeitern der Goal AG getroffen, gibt er auf Nachfrage zu. Was genau es zu besprechen gab, will er nicht sagen.

Alexander Segert machte sich in der Schweiz früh einen Namen als erfolgreicher Wahlkämpfer für die Rechtspopulisten der SVP. So kam er auch an Aufträge der rechten FPÖ in Österreich und beriet den Front National in Frankreich. Seit mindestens zwei Jahren arbeitet er außerdem für die ENF-Fraktion, den Zusammenschluss der rechten Parteien im Europaparlament. Einige von ihnen haben die Stiftung FENL gegründet. Auch deren Internetseite betreut Segerts Agentur. Zum Teil war sie auf demselben Server gespeichert wie die Seite des Vereins aus Stuttgart.

Die Stiftung und die dazugehörige Bewegung der rechten EU-Parteien bekamen in den vergangenen drei Jahren rund sieben Millionen Euro Steuergelder vom EU-Parlament zugewiesen. Ein Teil des Stiftungsgeldes fließt weiter zur Goal AG in die Schweiz. Wie viel genau, ist unklar, auch ob der Verein davon profitiert. Die europäischen Rechtspopulisten reagierten nicht auf ZEIT- Anfragen. Alexander Segert hingegen äußerte sich prompt: Er schaffe es nicht, zu antworten. "Leider habe ich im Moment viel zu tun."

Mitarbeit: Paul Middelhoff