Zu den schönsten Partnerschaften, die uns die Kulturindustrie beschert hat, gehört die liebevolle Verbindung des Late-Night-Show-Moderators mit seinem Bandleader. Als der amerikanische Sender NBC mit der Tonight Show 1954 dieses Format erstmals durchs Land funkte, stand bereits ein Pianist, Dirigent und Komponist dem Gastgeber der Sendung zur Seite und einem kleinen Orchester vor: Lyle "Skitch" Henderson, der zuvor bei keinem Geringeren als Arnold Schönberg gelernt hatte.

Bis heute hält sich das damals etablierte Machtgleichgewicht in der Late Night. Natürlich ist der Moderator Boss, er klopft die Sprüche, und die dürfen auch auf Kosten seines Kapellmeisters gehen; das letzte Wort gehört dem Host. Aber: Was ist das schon gegen den richtigen Akkord, den passenden Griff in die Klaviatur, mit dem sich so viel mehr so viel besser ausdrücken lässt? Gute Late-Night-Moderatoren wissen, dass die Musik dem Witz überlegen ist, und beneiden ihre Bandleader darum.

Es ist deswegen völlig richtig, dass Albrecht Schrader sein Debütalbum Nichtsdestotrotzdem mit einem Instrumentalstück beginnen lässt, nix Gesang, nix Wörter, die Musik sagt ja genug, auch wenn das Vorbild eher Morricone als Schönberg ist. Der Hamburger Sänger, Liedermacher und Musikwissenschaftler Schrader besetzt seit Anfang des Jahres die letzte Stelle als echter Late-Night-Bandleader, die das deutsche Fernsehen noch bereithält: an der Seite von Jan Böhmermann im Neo Magazin Royal. Dass der 33-Jährige musikalisch viel auf dem Klavierkasten hat, versteht sich von selbst. Zuletzt holte man ihn deswegen aus seinem Kölner Exil in die Heimat zurück, damit er dort mit Pete Doherty dessen Hamburg Demonstrations im Studio einspielte.

Aber wie steht es um Schraders eigene Entertainer-Qualitäten? Aufschlussreich ist der Titel einer Abendveranstaltung, die er vor ein paar Jahren konzipiert und moderiert hat: "Die Galanacht der Langeweile". Welche Poetik sich dahinter verbirgt und dass Schrader damit für das Gegenteil von Langeweile sorgt, lässt sich auf seinem Debütalbum studieren. Etwa am Song Menschen Harmonieren Miteinander, der das alte Schlager-Sujet von der besonders menschlichen Menschlichkeit des Menschen beim Wort nimmt: "Schiffe stoßen oft zusammen / Autos machen Stau / Roboter sehen komisch aus / Und halten sich für schlau / Laptops streuen Viren / Babys haben kein Geld" und eben "nur Menschen harmonieren miteinander / In Gesprächen und im Verkehr". Dazu orgelt es kräftig im Hintergrund, und man muss sich Schrader als einen Menschen im Glitzeranzug vorstellen, mit zu großer Geste auf zu kleiner Bühne in Möbelhaus oder Flughafenbistro, wo der Zuschauer müde an einer Currywurst nagt, was dem Mann auf der Bühne aber nichts von seiner professionell guten Laune nimmt.

Das alles jedenfalls meint man aus dem Hall herauszuhören, der auf Albrecht Schraders Stimme liegt, wenn er sich in der Mitte des Songs plötzlich mit einem gesprochenen Monolog an sein Publikum wendet. Darin hält er der nicht humanen Welt ihre mangelnde Bereitschaft zur Zusammenarbeit vor. "Oder Häuser", sinniert er ins Mikro, "stehen total eng zusammen, aber interessieren sich überhaupt nicht füreinander".

Schrader muss ein achtes Sinnesorgan haben, für den Unterhaltungswert der Normalität. So wie er auf Konzerten gern die Melodie aus der Dallmayr-Werbung in sein Programm einbaut, kompiliert er seine Texte oft aus Satzfundstücken, die ihm irgendwo begegnet sind. "Junge Türken in der SPD", "Die Spanier essen spät", was Menschen eben so sagen. Schrader macht sich über diese kleinen Normalitäten nicht lustig, sondern nimmt sie auf schräge Weise ernst. "Menschen profitieren voneinander / Der Rest wird untergehen", lauten die letzten beiden Refrainzeilen seines anthropologischen Couplets Menschen Harmonieren Miteinander. Denn bevor es allzu anrührend wird, bricht in die Normalität dann doch der Horror ein.

"Lieb mich ganz normal", singt Schrader einmal so treffend auf Nichtsdestotrotzdem. Sollte also sein Vorgesetzter Böhmermann einmal hinwerfen, mit seinem Bandleader stände ein Nachfolger bereit, der wie kaum ein anderer versteht, dass Unterhaltung nichts anderes ist als die Kunst der Normalität.

Konzert: 24. 5., Kleiner Donner, Schulterblatt 73