Wenn Andreas Tschas sich inspirieren lassen will, dann klickt er auf YouTube. Unzählige Male hat sich der 34-jährige Kärntner eine Rede von John F. Kennedy aus dem Jahr 1961 schon angesehen. Darin schwört der amerikanische Präsident die Bürger darauf ein, einen Amerikaner zum Mond zu schicken. "Wir brauchen wieder Visionäre wie JFK, die eine positive und glaubhafte Zukunftsvision kreieren", sagt Tschas. Doch statt von einer Expedition ins All träumt er von bodenständigen Dingen: von ländlichen Regionen, die wieder aufleben, von kleinen Dörfern, Städten, Landstrichen, die wachsen und in ganz Europa als innovative Zentren aufblühen. Von jungen Menschen, die wieder in die Provinz ziehen, statt sie fluchtartig zu verlassen – so wie er es selbst getan hat.

Der Regen fällt auf das Autodach, während Tschas durch die Straßen von Haag fährt, einem 5.500-Einwohner-Ort in Niederösterreich. In Wien ist der junge Mann mit dem schwarzen Bart bekannt als Gründer des Pioneers-Festivals: einer Art Messe für Start-ups, welche die österreichische Szene maßgeblich vorangetrieben hat. Andreas Tschas hat damit einen Grundstein gelegt für den Hype rund um die jungen Unternehmen, der mittlerweile auch die Politik erreicht hat. Ein Paket von 185 Millionen Euro für Start-ups hat die Bundesregierung im vergangenen Jahr angekündigt. Wer als Politiker im Trend liegen möchte, der lässt sich bei Pioneers blicken, ob Christian Kern, Sebastian Kurz oder Harald Mahrer. Nur Andreas Tschas macht einen Schritt dorthin zurück, woher er kommt: aufs Land. Er hat sich aus der Geschäftsführung des Festivals zurückgezogen, um eigene Projekte zu verfolgen. Er will die Zukunft mitgestalten, sagt er – und das klingt aus seinem Mund gar nicht überheblich. Am Land, ob in Kärnten, in Graubünden in der Schweiz oder in Niederösterreich, will er im Kleinen wiederholen, was in Wien in die Wege geleitet wurde.

Tschas ist ein groß gewachsener Mann mit dunklen Haaren und angenehmer Stimme, der Jeans, Sneakers und Schiebermütze trägt und trotzdem nicht dem Klischee des hyperaktiven Gründers entspricht. Er wirkt entspannt, wenn er redet, lächelt viel. In Haag im Mostviertel ist er unterwegs, weil er in der Gegend ein Kompetenzzentrum für Agrartechnologie schaffen will. Dafür sollen bestehende Betriebe vernetzt, Labore und Universitäten angebunden und Start-ups dazu bewegt werden, aufs flache Land zwischen Bauernhöfen und Einfamilienhäusern zu ziehen. Wenn es Zukunftsjobs in der Region gibt, bleiben junge Talente da und ziehen andere Firmen an, so die Hoffnung. Die Stadt Haag und das Land Niederösterreich finanzieren ein erstes Konzept mit 25.000 Euro.

Trotz vieler Jahre in Wien ist Tschas’ Kärntner Dialekt noch deutlich zu hören. Aufgewachsen ist er auf einem Bauernhof in Bad Eisenkappel. Sein Vater war einer der ersten Vermögensberater in Österreich, der mit Aktien an der Wiener Börse handelte. Und einer, der schon damals das Finanzsystem kritisierte. Er beklagte die staatlichen Investitionen auf Pump und die wachsende Gier der Menschen. In den neunziger Jahren stieg er aus der Finanzbranche aus und zog sich auf den Bergbauernhof der Schwiegermutter zurück. Da war sein Sohn elf Jahre alt. Wo Kühe auf idyllischen Almwiesen grasten, träumte der junge Andreas davon, Erfinder zu werden. In der Schule war er faul, die Matura schafft er mit knapper Not. Obwohl die Lehrer ihm einen Lehrberuf nahelegten, ging er nach Wien, um Wirtschaft zu studieren.

Es folgte eine Zeit des Ausprobierens: Während des Studiums half Tschas einem mobilen Bauernladen auf die Beine, war kurze Zeit Sportmanager des FC Kärnten und gründete eine studentische Unternehmensberatung. Er traf andere Menschen in Wien und ganz Europa, die sich für Start-ups interessierten. Aus den Kontakten entstand schließlich das erste Pioneers-Festival in der Hofburg. Da war er 29 Jahre alt.

In Niederösterreich scheint Tschas nun weit von dieser Szene entfernt zu sein. Hier betont er in Gesprächen, dass er selbst vom Land kommt. Er ist eine Ausnahme in der oft egomanischen Gründerszene. Wenn ein Vorhaben präsentiert wird, lässt er anderen den Vortritt: seinem Projektmanager Rainhard Fuchs oder dem Bürgermeister von Haag. Wenn es allerdings um internationale Aspekte geht, beginnen seine Augen zu funkeln, und er übernimmt das Wort. Dann erzählt er, dass es auf der ganzen Welt noch keine Region gebe, die wirklich eine Expertise in Agrartechnologie aufgebaut habe. Dass israelische Start-ups an Österreich interessiert sein könnten, weil dort bereits Firmen an Innovationen in der Landwirtschaft arbeiten.

Dass sich die Region um Haag auf Agrartechnologie konzentrieren soll, ist das Ergebnis von mehr als 40 Interviews, die Tschas und sein Mitarbeiter in der Region geführt haben. Zwischen den Hügeln und Feldern haben sie einen Landwirt entdeckt, der mit Drohnen über Felder fliegt, um zu sehen, was die Rehe weggefressen haben. Einen Beerenbauern, der seine Früchte mithilfe von Sensoren bewässert. Zwei Wirtschaftsinformatiker und einen Physiotherapeuten, die erfolgreich teure Wagyurinder züchten. Eine Firma, die selbstfahrende Traktoren testet.