Niemand anderes als der Mensch ist es, der die Kriege macht. Was aber macht der Krieg aus dem Menschen?

Der Fotograf Andy Spyra aus Hagen, Jahrgang 1984, fotografiert christliche Minderheiten im Rahmen eines Langzeitprojekts. Bis auf Jordanien war er im gesamten Nahen Osten, er traf auf Christen in der Türkei, im Nordirak, Libanon, in Ägypten, Gaza, Palästina und Israel. Das erste Mal 2011. Warum gerade die Christen? Kümmert sich doch sonst keiner um die größte verfolgte politische Minderheit. Zahlen, die sich laut "Open Doors", einem internationalen Hilfswerk evangelikaler Prägung, auf über 100 Millionen belaufen, werden angezweifelt. Sie sind nur schwer belegbar.

Deswegen traut Andy Spyra lieber seinem Kameraauge anstatt fragwürdigen statistischen Erhebungen. Als der Fotograf vor sechs Jahren schon einmal in Erbil weilte, fotografierte er noch Gottesdienste, die in armenischer Sprache abgehalten wurden. Man sieht einen Soldaten mit einem Jesus-Tattoo auf dem Unterarm, die Kalaschnikow geschultert: 2011 machte Spyra das Foto von diesem christlichen Milizionär im Gottesdienst. Ein paar Jahre zuvor sah der Fotograf ihn schon einmal auf einer Recherchereise. Inzwischen wurde er zu einem Freund. Damals war der Junge 16 und übte sich im Breakdance auf der Straße. Zwei Jahre später begegnete er ihm in einem Flüchtlingslager in Erbil, wo er für eine dänische Hilfsorganisation arbeitete. Das alles lässt Spyra zu dem resignierenden Schluss kommen: "Wäre der Irak friedlich geblieben, hätte er wahrscheinlich ein ganz normales Leben gehabt."

Gläubig ist Andy Spyra nicht, obwohl er sich, wie er sagt, durchaus von religiöser Spiritualität angesprochen fühlt. Wenn schon Spiritualität, dann doch die eigene. Seine biografischen Bezüge will er nicht außer Acht lassen. Und da er aus einem christlichen Land komme, sei der Zugang zum Christentum nun mal am einfachsten. Der Antrieb, dieses Langzeitprojekt anzugehen, ist eher politisch-kultureller Natur. Spyra erschreckt es immer wieder, wie Religion zu machtpolitischen Zwecken missbraucht wird, ganz gleich, ob durch Christen oder Muslime.

Spyra ist kein Kriegsberichterstatter, der den Kugelhagel an vorderster Front noch um weitere Fotoschüsse anreichern will, keiner von denen, die Blut geleckt haben und irgendwann selbst zu Untoten werden in der Dauerkonfrontation mit Tod und Zerstörung.

Er ist der Würde auf der Spur. Sie blitzt manchmal auf, wenn sich wieder Leben regt nach so viel Tod. Er richtet seine Linse auf die Verheerungen des Krieges, ohne sich voyeuristisch daran zu weiden.

In Karakosch, einem von Christen bewohnten Ort unweit von Mossul, hat Spyra fotografiert, nachdem der IS ihn geräumt hatte. Zwei Jahre hat der dort gewütet, sämtliche Kirchen zerstört. Jetzt kehren die Christen zurück, stellen ihre Kreuze wieder auf. Und sie richten sich damit selbst auf. Ihre Kreuze sind mehr als nur Glaubenssymbole, sie sind auch Zeichen des politischen Triumphes, des Trotzes und der Standhaftigkeit. Als Hoheitszeichen stehen sie an Kontrollposten und sind gepflanzt auf Kirchenruinen. All diese Zeichen können nicht darüber hinwegtäuschen, dass die Christenheit in den meisten Regionen, in denen der Arabische Frühling religiöse Gräben aufriss, tief im Mark getroffen wurde. Das alte Ninive, heute Mossul, ist zerstört. Auch wenn sie im Nachbarort von Karakosch, in Bertaba, wieder gemeinsam Weihnachten feiern in der Kirchenruine. Spyra war dabei und schätzt trotz dieses berührenden Moments die Zukunft der Christen dort pessimistisch ein: Er meint, dass es das letzte Mal war, dass er im Irak auf Christen traf. In 30 Jahren wird dort allenfalls noch ein Museum an diese Kultur erinnern. Der große Exodus hat schon vor Jahren begonnen, und er ist nicht zu stoppen.

Spyra hat keine Antworten, wie man diese Absetzbewegung aufhalten könnte. Er fragt stattdessen: Wie lebt man Glaube, Liebe, Hoffnung nach so viel Fanatismus, Hass und Verzweiflung, wenn doch der Wunsch nach Vergeltung und die Sehnsucht nach Verzeihung sich stets gegenseitig in Schach halten?

Papst Franziskus hat bei seiner Ägyptenreise genau das noch einmal deutlich aufgezeigt, diese falsche Balance zu überwinden. Der Fotograf folgt darin dem Papst, indem er sagt, er habe auch sehr viele positive Beispiele gesehen dafür, wie Religion den Dialog und die Verständigung fördern kann. Gerade die Kirche öffnete ihm für seine Arbeit viele Türen zu Regionen, in die er sonst nicht so problemlos hätte gelangen können. Denn sie ist, anders als die weltlichen Organe dort, gut strukturiert. Je schwächer der Staat ist, als desto hilfreicher erwies sich die katholische Kirche.

Spyras Bilder aus dem Nachhall des Krieges sind verstörend, weil der uns so lieb gewordene sanfte Jesus mit dem Palmzweig so entlegen scheint. Hier steht er in blutiger Landschaft wie verloren zwischen den Trümmern und ist doch Trost für die geschundenen Seelen. Obwohl diese Christen mit der westlichen Welt die Religion teilen, sind sie doch ganz anders als wir. Spyra warnt uns mit seinen Bildern, mit seinen scharfen Konturen und seinem Schwarz-Weiß vor allzu bunt geträumten Missverständnissen. Denn sie stünden ihrer lokalpolitischen Kultur näher als unserer westlichen Tradition.

Heißblütig angefacht, kaltblütig geführt, im Krieg ist kein Platz für Warmherzigkeit. Doch Spyra bemüht sich um einen menschlichen Ansatz, er will in seinen Bildern auch die Nächstenliebe zeigen, die Empathie, das Mitfühlen und Einfühlen in diesen christlich-muslimischen Kulturraum, der uns nah und fern zugleich ist.