Im Sport spricht man von "The Big Mo", dem Momentum, das ein überlegenes Team auf seiner Seite hat. In der Politik ist das Momentum die Fähigkeit, die politische Lage zu dominieren und im besten Fall ihre Bewegung und Richtung zu beeinflussen. Seit den Wahlen in Schleswig-Holstein und Frankreich ist klar: Der große Mo sitzt wieder neben Angela Merkel.

Die Frage ist nun: Was fängt sie mit ihm an?

Die Abstimmungen vom vergangenen Sonntag folgten einer raffinierten Dialektik und haben Merkel zugleich vor eine schwierige neue Aufgabe gestellt.

Zunächst einmal nutzen die beiden so verschiedenen Wahlen der Kanzlerin massiv. Macrons Sieg stützt die liberalen Kräfte in Europa, an deren Spitze notgedrungen Merkel steht. In Kiel wurde deutlicher als fast je zuvor, wie sehr sich die Linien zwischen Innen- und Außenpolitik verwischt haben. Und zwar nicht nur abstrakt, sondern ganz konkret, wenn politisch abgerechnet wird: Fast ein Drittel der CDU-Wähler gab in Nachwahlbefragungen an, die Partei überhaupt nur deshalb gewählt zu haben, weil Merkel an ihrer Spitze steht. Und eine Mehrheit von gut 70 Prozent aller Wähler sagte: "Merkel sorgt dafür, dass es Deutschland in einer unruhigen Welt gut geht." Die CDU profitiert also offenkundig von Merkel, und die profitiert als nationales Zugpferd vor allem von ihrer Rolle als Krisenreaktionskraft Nummer eins in der Welt.

Wenn Merkel Macron helfen will, wird das für die Deutschen teuer

Nun wird es spannend. Denn die Wahl in Frankreich bringt es mit sich, dass an die Außenkanzlerin Merkel Anforderungen gestellt werden, die der Innenkanzlerin Merkel nicht unbedingt nutzen. Und die ihr auch weder vom Temperament noch inhaltlich liegen. Denn Merkel muss Macron helfen, wenn sie Europa helfen will. Und sie muss Europa helfen, wenn sie ihrer Paraderolle als umsichtige Staatenlenkerin weiter gerecht werden will.

Bezogen auf Frankreich und seinen neuen Präsidenten, wird helfen aber vielfach übersetzt mit: Deutschland muss mehr Geld ausgeben. Das dürfte Merkels Deutschen mehrheitlich nicht so gut gefallen. Dabei ist das Geld nicht einmal das Hauptproblem.

Merkel reagierte zu Beginn der Woche auf die Hilfsappelle, wie es ihre Art ist: zögerlich. Das Zögern erklärt sich zum einen mit ihren Erfahrungen: Merkel erlebte ihre erfolgreichsten Momente als Weltstaatsfrau, die klug auf Krisen reagiert und den nationalen Geldbeutel gut festhält. Als sie es einmal nicht tat, im September 2015, brachte das sie und ihre Partei ins Schleudern wie nie zuvor.

Der zweite Grund für die Zurückhaltung liegt in der Tatsache, dass in 135 Tagen in Deutschland gewählt wird. Der Wahlkampf beginne spät, viele Bürger entschieden ohnehin erst in den letzten beiden Wochen vor der Wahl, beruhigte Merkel ihre Leute, als die nach Martin Schulz’ Nominierung nervös wurden und verlangten, Merkel müsse mehr auf den Putz hauen. Stattdessen tat Merkel das, was Schulz mangels Amt nicht tun kann: einfach weiterregieren, Ivanka treffen, Scheichs besuchen, mit Putin streiten. Das nutzte ihr, obwohl Schulz weder schlimme Fehltritte machte, noch Merkel bahnbrechende neue Konzepte vorlegte. Gerecht ist das vielleicht nicht – aber es hat ja auch niemand gesagt, dass Big Mo ein Gerechtigkeitsfanatiker ist.

Vor der Bundestagswahl im September, so heißt es nun vielfach, werde sich in Sachen Europa nichts mehr tun. Macron aber und damit Europa kann nicht 135 Tage warten mit dem Anfangen. Denn der neue französische Präsident wird bereits in 100 Tagen an den Erwartungen gemessen werden, spätestens. Ihm helfen heißt also: Europäisch regieren statt bloß reagieren, Konzepte entwickeln, ein gemeinsames Projekt gar – mit nichts aber fremdelt Merkel so sehr wie mit Projektarbeit.

Wollte man auf Halten spielen, müsste man den Deutschen sagen: Keine Sorge, es ändert sich nichts. Und den Franzosen: Keine Sorge, jetzt ändert sich alles. Das Problem ist bloß: Die jeweils anderen hören das auch.

Da ist sie wieder, die europäische Öffentlichkeit, und man kann sie nicht für die Dauer des Wahlkampfs ausschalten. Es hilft alles nichts: Innen- und Außenkanzlerin werden gleichzeitig Politik machen (müssen). Nicht frühestens zwei Wochen vor der Bundestagswahl im September, sondern spätestens nach der Wahl in Nordrhein-Westfalen an diesem Sonntag.

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