Die Grenze, vor der Harald Snitily in einem Kleinbus lauert, verläuft durch Olivenhaine und staubige Äcker. Der Grenzzaun und die Bäume erscheinen als dunkle Silhouetten auf dem Monitor, auf den der Kommandant des österreichischen Polizeikontingents starrt. Wärmequellen blitzen hingegen hell auf: Autos und Menschen. An den leuchtenden Flecken, die seine Wärmebildkamera einfängt, soll Snitily dunkle Machenschaften erkennen: Menschen, die versuchen, illegal die Grenze zu passieren.

Snitily spricht, als stammten seine Sätze aus der Dienstvorschrift, nur eingefärbt in Wiener Dialekt. Seine Dienststelle liegt in Wien-Hernals. Dort kontrolliert er Autofahrer am Gürtel und die Drogenszene bei der U-Bahn-Station Josefstädter Straße. Seit elf Monaten aber hat er nun einen mobilen Posten in der Lobby eines mazedonischen Hotels aufgeschlagen. Nacht für Nacht rückt er aus, parkt den Kleinbus mit eingebauter Überwachungstechnik auf einem der Hügel im Grenzgebiet und späht nach Griechenland. "Search and report" lautet der Auftrag der 20 österreichischen Polizisten, die für einen Assistenzeinsatz hierher versetzt wurden. Sichten sie eine unbekannte Wärmequelle, melden sie ihre Entdeckung den Kollegen aus Mazedonien. "Pro Woche stoppen wir rund 100 Flüchtlinge", berichtet Snitily. Was er nicht sagen kann: wie viele Menschen jeden Tag unbemerkt an ihm und seinem Infrarotsensor vorbeischlüpfen.

Der Grenzübergang von Griechenland nach Mazedonien markiert den Beginn der sogenannten Westbalkanroute, auf der 2015 und 2016 rund eine Million Flüchtlinge nach Kerneuropa gewandert waren. Die meisten hatten in überfüllten Booten von der Türkei zu den griechischen Inseln in der Ägäis übergesetzt und sich anschließend auf den Marsch durch Mazedonien, Serbien und Ungarn gemacht – in der Hoffnung, in einem der reichen europäischen Länder Aufnahme zu finden. Erst auf Druck Österreichs zogen vor einem Jahr die meisten Balkanländer ihre Grenzzäune hoch und hinderten die Flüchtlinge, teils mit rabiater Gewalt, vor einem Übertritt. Die Bilder von prügelnden ungarischen Polizisten und Familien mit Kleinkindern, die im Ödland vor Mazedonien auf der nackten Erde schliefen, zeugten von einem dramatischen Verlust humanitärer Werte innerhalb der Europäischen Union.

Nach wie vor betont Außenminister Sebastian Kurz bei jeder sich bietenden Gelegenheit, dass es vor allem ihm zu verdanken sei, wenn nun die endlosen Flüchtlingstrecks verschwunden, der Weg zu einem besseren Leben für die unerwünschten Zuwanderer verschlossen sei. Doch stimmt das tatsächlich?

Die Erfolgsmeldung des Ministers erzählt nur die halbe Geschichte. Knapp ein Jahr nach dem Versiegen des großen Exodus quer durch Südosteuropa stößt man in jedem Land entlang der Balkanroute auf Menschen, die dort auf ihrer Flucht gestrandet sind. Und ihre Zahl steigt stetig. Dicht ist die Westbalkanroute keineswegs. Das Durchkommen ist mittlerweile allerdings derart brutal geworden, dass nur noch die Verzweifelsten sich auf diesen Weg wagen.

Die Sonne über Griechenland brennt an diesem Vormittag erbarmungslos auf die 180 Container in der staubigen Öde unweit der mazedonischen Grenze. Rund 400 Menschen, zumeist aus Syrien, leben in dem griechischen Flüchtlingslager Nea Kavala, verwahrt in Stahlkisten wie eine Fracht, die niemand so recht haben will.

Auf der staubigen Straße zwischen den Containern spielen die vierjährige Awrad und ihre fünfjährige Schwester Baraa. Dschaber Ali Alaanisi, der 38-jährige Vater der Kinder, sitzt in einer der Wohnboxen und kocht Kaffee. Seine Frau erscheint aus der winzigen Schlafkammer nebenan. "Ich bin froh, hier zu sein", sagt Alaanisi. Seine Gesichtszüge sagen etwas anderes. Müde und in sich gekehrt wirkt er. Nur seine beiden Kinder tollen quietschlebendig herum.

Alaanisi erzählt von seiner Heimat Kuwait, seinem Leben im Irak, der Verfolgung, der Flucht über das Meer. Seit knapp einem Jahr lebt er nun in diesem Container. Irgendwann wird die EU ihn von hier in ein anderes Land transferieren. Wann und wohin das sein wird, weiß Alaanisi nicht. Wahlmöglichkeiten sind nicht vorgesehen im sogenannten Relocation-Programm, das die Menschen auf die Mitgliedsländer aufteilen soll. "Alles, was wir tun können, ist warten", sagt der Familienvater.

Auf legalem Weg kommen derzeit ohnehin kaum noch Flüchtlinge auf das griechische Festland. Wer über das Mittelmeer auf eine der griechischen Inseln übersetzt, landet in einem der überfüllten Insellager und wird von dort aus in die Türkei zurückgebracht. So sieht es der Deal zwischen der EU und der Türkei vor. Die meisten Flüchtlinge steuern deshalb gleich Italien an. Rund 45.000 Flüchtlinge erreichten allein in diesem Jahr auf diesem Weg Europa. In Griechenland kamen seit Januar laut den offiziellen Zahlen der UN-Flüchtlingshilforganisation gerade einmal rund 6.000 an. Fraglich ist, wie viele der Neuankömmlinge es mithilfe von Schleppern von den Inseln aufs Festland schaffen oder gleich den Weg von der Türkei nach Bulgarien nehmen.

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"Die Balkanroute in ihrer alten Form gibt es nicht mehr. Nach wie vor probieren es aber Tausende Flüchtlinge über diesen Weg nach Westeuropa", sagt Karl Kopp von der deutschen Hilfsorganisation Pro Asyl. Vor allem für jene, die nicht aus Syrien kommen und daher wenig Chance auf Aufnahme in das Relocation-Programm haben, bleibt der Weg über die mit Stacheldraht gesicherten Grenzen die einzige Hoffnung. Für Familien ist dieser Weg zu beschwerlich. Meist sind es junge Männer aus den Elendsgebieten dieser Welt, die sich allein oder mit Schleppern über die Grenzen wagen. Noch immer kursieren in ihren Herkunftsländern und vor allem auch im Internet märchenhafte Berichte über die paradiesischen Zustände, die sie erwarten würden, wenn sie es erst einmal in die europäische Wohlstandszone geschafft hätten. Von den Entbehrungen, dem Schmutz der Camps, der Ablehnung, auf die sie stoßen, und der kümmerlichen Existenz am Rand der Gesellschaft, die ihnen zugedacht ist, findet sich nichts in diesen Schilderungen. Flüchtlingshelfer sind überzeugt, dass die verführerischen Lügengeschichten gezielt von Schleppern im Umlauf gebracht werden, um Kundschaft anzulocken.

Die Bedingungen für Flüchtlinge haben sich seit der Schließung der Balkanroute geändert. "In den Ländern entlang der Balkanroute gibt es für die Fliehenden keine Rechtsstaatlichkeit. Hier herrscht das Gesetz des Dschungels!", sagt Kopp, der entlang der gesamten Route eine "enorme Brutalisierung gegen Flüchtlinge" beobachtet.

Flüchtlinge - "Ich denke, mir geht es eher um die Realität" Im Rahmen eines Berliner Kunstprojekts bauen Geflüchtete Häuser aus ihrer Vergangenheit als Modelle nach. Orte, die von Krieg und Zerstörung, aber auch von dem Leben davor erzählen. © Foto: ZEIT ONLINE