Es war im Sommer 2016, vier Wochen nach dem Votum der Briten, als die Großbank Standard Chartered mit Sitz in London ein Team gründete, um die Folgen des Brexits zu prüfen. Rund zehn Personen begannen, Standorte in der Europäischen Union (EU) zu vergleichen. Es war die Zeit, in der viele Banker noch hofften, dass Großbritannien einen "weichen" Ausstieg wählen würde und sie auch künftig den EU-Finanzpass nutzen könnten. Mit ihm können Banken von London aus Kunden in ganz Europa bedienen.

Im Herbst verdüsterte sich die Stimmung. Tag für Tag mehrten sich Berichte, dass Premierministerin Theresa May die Argumente des Finanzdistrikts kaum berücksichtige. Ihr Mantra: "Brexit heißt Brexit." Bei Standard Chartered zog man Experten hinzu und fokussierte sich auf Frankfurt und Dublin.

Mitte Januar machte Theresa May mit einer Rede klar: Sie will einen "harten" Brexit. In dem Fall müssen viele Banken einen neuen Hauptsitz in der EU auswählen und Jobs verlagern. Am 29. März startete May offiziell den Ausstiegsprozess. Am 3. Mai entschied Standard Chartered: Frankfurt, der auch bisher schon größte Standort auf dem Festland, wird das neue Tor zum Kontinent. Die Bank ist derzeit eine von vielen, die derlei Beschlüsse fassen. Und sie ist ein gutes Beispiel dafür, wie wenig Umbauarbeiten der Brexit teils bedeutet.

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"Wir schaffen in Frankfurt nun die Infrastruktur, die wir brauchen, um eine Lizenz als Vollbank zu erhalten", sagt Deutschlandchef Heinz Hilger. Die Zahl von 100 Mitarbeitern werde aufgestockt. Zunächst aber nur um rund 20 Kräfte – wenig im Vergleich zur Londoner Zentrale mit 1.700 Menschen. "Rein operativ bedeutet der Brexit für uns keine große Veränderung", sagt Hilger. "Auch für unsere europäischen Kunden bleibt fast alles beim Alten."

Erst waren die Banker überrascht, dass die Regierung ihre Warnungen ignorierte. Nun scheinen die Folgen des Brexits tatsächlich überschaubar zu sein.

Die Finanzkrise führte zu einem Bruch im Verhältnis zwischen Banken und Regierung

Lange pflegten "die City", wie die Londoner Finanzwelt auch gern genannt wird, und die britische Politik eine innige Beziehung. Begonnen hatte sie 1986 mit Margaret Thatchers Big Bang, der eine Ära der Liberalisierung startete. London stieg zum größten Finanzzentrum der Welt auf und steuerte bald gut zehn Prozent zur britischen Wirtschaftsleistung bei. Die Regierungen, gleich welcher Partei, lockerten viele Regeln und senkten Steuern. Was gut ist für die Banken, sei gut für Großbritannien, glaubten sie.

Dann kam die Finanzkrise. Der britische Staat musste Northern Rock retten, die Royal Bank of Scotland und Lloyds TSB, mit zig Milliarden Pfund. Das Land sackte in eine tiefe Rezession. Der Chef der Finanzaufsicht sagte, die Branche sei teilweise "gesellschaftlich nutzlos". Die Regulierung wurde strikter.Selbst die Konservativen gaben sich nun unterkühlt.