Für den Nachbarschaftsbesuch beim ehemaligen Ewigkeitsbürgermeister habe ich Schwarzwälder Kirschtorte, Bienenstich und Eierschecke gekauft. Das liest sich womöglich wie gezuckerte Lebensherrlichkeit. In Wahrheit laufe ich angepisst durch hysterischen Herbstregen. In einer Hand die vom Pissregen durchweichte Bäckertüte, die zweite Hand ballt sich taschenintern zur Faust. Warum so bitter? Weil in dieser Stadt sämtliche Türen geschlossen bleiben! Eben bin ich sogar aus der Kirche rausgeschmissen worden! Was heißt rausgeschmissen, nicht mal reingelassen haben sie mich, zum ökumenischen Friedensgottesdienst und den "Bachkantaten zum Mitsingen"! Ich würde in Neukölln nie auf die Idee kommen, zu Bachkantaten anzutanzen. Aber hier und heute, am Buß- und Bettag, sind sie das einzige gesellschaftliche Ereignis. Deswegen war die Maria-und-Martha-Kirche auch so schnell so hoffnungslos überfüllt. Sodass ein Türsteher an der Schwelle zum Gotteshaus postiert wurde, um jene abzuweisen, die zu gutgläubig auf die Kirchenkapazitäten Bautzens bauten.

Oder gestern. Da wollte ich zur Bürgersprechstunde der AfD. Ihr Protestparteibüro ist heimelig eingemietet in einem der süßen Altbautchen im Herzen der Stadt. In der Heringstraße 6, gegenüber vom altehrwürdigen Bierhof, wo der "Spieß des Monats" in einem Steinofen schmort. Frau Dr. Muster, Rechtsanwältin und AfD-Mitglied seit 2013, sollte die Sprechstunde leiten. Ihr erzählen die Bürger vielleicht, was sie anderen verschweigen, hatte ich gedacht. Und wäre wahrscheinlich nicht glücklicher, aber mit einem klareren Verständnis für das besorgte Bautzen herausgegangen. "Das Bürgertreffen mit Frau Dr. Muster muss heute leider entfallen", sagte ein A4-Zettel im Fenster. Keine Begründung, kein Alternativtermin für Deutschland.

Auch mein Versuch, am Stammtisch des Schützenvereins Platz zu nehmen, scheiterte, bevor er die Chance bekam zu scheitern. Einfach abgesagt.

Ob und wann die Bautzen Tigers Basketball spielen, wissen wohl nur die Illuminaten. Weil ich aber nun mal einen Körper habe, bin ich jetzt Mitglied in einem Fitnessstudio. Easy Sports heißt es und liegt im Gesundbrunnen, dem Viertel mit den niedrigen Einkommen und den hohen Häusern. Auf dem Weg dorthin stehen sich am Straßenrand links Plattenbauten und rechts Gartenlauben gegenüber.

Im Fitnessstudio habe ich Leopold kennengelernt. Leopold lebt auch erst seit einem Monat in Bautzen. Und wird noch zwei bleiben, um sich zum Wachpolizisten ausbilden zu lassen. Er pumpt, weil er sonst die Abschlussprüfung, die auch Fitnesstests vorsieht, nicht besteht. Zu Hause in Chemnitz würde er seine Freizeit nicht an Gewichte hängen. Überhaupt wirkt Leopold nicht wie ein künftiger Vollstrecker des staatlichen Gewaltmonopols. Er spricht weich, erinnert mit seinem Pilzkopf und der klobigen Brille an einen Geologiestudenten. Im Gegensatz zu seinem Drill-affineren Wachpolizei-Mitschüler Rolf. Rolf ermahnt Leopold gern, keine soften "Wessi-Klimmzüge" zu machen und die Füße anzuwinkeln.

Bei den letzten zwei Trainings regte sich Rolf auch sehr darüber auf, dass der Brand des Husarenhofs schon als ausgemachtes Naziverbrechen gilt. Obwohl die Ermittlungen das noch gar nicht erhärtet haben. Ansonsten trainieren ziemlich viele erhärtete junge Männer in Dynamo-Dresden-T-Shirts im Easy Sports. Meistens feuern sie sich gegenseitig an: "Na los, du Lappen", oder: "Nur zwanzig Wiederholungen mit fünfzig Kilo? Was ein Schlaffi!" Manchmal aber, zum Beispiel wenn es um Trinkflaschen geht, reden sie anders: "Ist die grüne Trinkflasche deine?" – "Nein, meine ist die pinke." – "Ah, okay, ich wollte nicht draus trinken. Ich hab ein wenig Schnupfen gerade und möchte dich nicht anstecken. Ich weiß ja, du willst nächste Woche besonders Schultern und Unterarme trainieren." – "Ja, danke, lieb von dir." Wieder an den Hanteln: "Na los, du Schlappschwanz!"

Ich war inzwischen viermal Gewichte stemmen und habe mich selten muskulöser gefühlt. Gleichzeitig wurde ich wohl noch nie als so muskellos eingestuft wie bei Easy Sports.

Durchnässt klingele ich beim ehemaligen Ewigkeitsbürgermeister Christian Schramm. Ein Vierteljahrhundert regierte er Bautzen mit christdemokratischer Agenda. Sanierte Altstadt und Haushalt und hinterließ eine wirtschaftlich erstaunlich gesunde ostdeutsche Kleinstadt. Auch das Kornmarkt-Center entstand unter seiner Ägide. Andererseits verlor er in 24 seiner 25 Amtsjahre kein kritisches Wort über Rechtsextremismus. Erst in den Schlusszügen seiner Laufbahn fanden diese Begriffe in Schramms politisches Vokabular. Zumindest jaulen das die jüngeren liberalen Bautzener, die in der Zeit aufwuchsen. Also jene, die noch da und nicht geflohen sind, vor dem Problem, das es nicht gibt. Und einige Leute im Rathaus bestätigen, dass Schramm Nazis lebendigschwieg.

"Ja, hallo?"

"Herr Schramm, ich heiße Kapitelman. Ich bin zwei Häuser weiter eingezogen. Und würde mich sehr gern mit Ihnen über Bautzen unterhalten."

Die Haustür geht auf. Der ehemalige Ewigkeitsbürgermeister kommt mir im Treppenhaus entgegen. Rüstig, in schwarzem Unterhemd, das auch im Alter kräftige Oberarme freigibt. Auf einen Unterarm ist ein christliches Kreuz tätowiert. (Blöde Bachkantaten!) Wir begrüßen uns freundlich, wobei ich klarstelle, dass ich nicht nur Nachbar, sondern auch Journalist bin. Herr Schramm bittet mich in seinen Flur, um zu erklären, dass es kein Kucheninterview geben wird. "Wenn man raus ist, sollte man sich auch raushalten." Immer noch im Flur, fragt Herr Schramm, ob ich mein bisheriges Bautzen in drei Sätzen zusammenfassen kann. Ich raffe es lieber in drei Phasen: Friedfertige Schnuckelstadt zu Beginn. Dann verängstigt-perverse Schweigstadt, in der Flüchtlinge von Nazis gejagt werden und die Polizei ein falscher Freund ist. Oder nichts von alledem, nun in Phase drei, in der ich nicht weiß, was ich über Bautzen denken soll.

"Über die aktuellen Ereignisse bin ich entsetzt", sagt Schramm und klingt aufrichtig betroffen. "Aber das sind Symptome des gesellschaftlichen Pendels. Die auch in anderen Städten auftreten." Die Frage, warum das Pendel in Bautzen so heftig schwingt, besprechen wir nicht. Weil der ehemalige Ewigkeitsbürgermeister mich dazu einlädt, mich zu verabschieden, und eine weitere Bautzener Tür sich schließt.

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