Weil wir nach dem Besuch des Sperrbezirks unsere Kleidung abgeben müssen, sehen wir etwas abgerissen aus, als wir Richtung Tschernobyl fahren. Nur meine Schuhe sind neu; das Paar, das ich getrost wegwerfen kann, ziehe ich besser erst an, wenn wir angekommen sind, sonst fällt die Sohle vorher bereits ab. Entlang der Autobahn und später der Landstraße sehen wir einen Friedhof nach dem anderen: auf dem freien Feld ein rechteckiges Stückchen Wald, das stets von dem gleichen, ausgerechnet himmelblauen Gitter eingezäunt ist. Unter den Birken drängen sich die Grabsteine wie Geschwister aneinander und blühen die Plastikblumen auch im Winter. Es sind gewöhnliche Friedhöfe, keine Massengräber, und doch ist jeder einzelne Totenacker in Weißrussland zugleich ein Denkmal des Krieges mit einer Skulptur oder einem Obelisken, mit Kränzen ebenfalls aus Plastik, und den Namen der Gefallenen im nächstgelegenen Dorf. Und wo es kein Dorf mehr gibt, weil es niedergebrannt worden ist, und auch keinen Friedhof, weil niemand überlebt hat, der sich an Verwandte oder Nachbarn erinnern könnte, steht ein einzelnes Denkmal ohne Friedhof auf dem Feld. Jeder vierte Weißrusse ist im Zweiten Weltkrieg umgekommen, ein weiteres Viertel von den Deutschen zum Arbeitsdienst verschleppt worden – die Hälfte der Bevölkerung war 1944 tot oder deportiert. Und nach ihrem Sieg vertrieben die Sowjets Hunderttausende nach Polen und sperrten Zehntausende in die Gulags.