Weil wir nach dem Besuch des Sperrbezirks unsere Kleidung abgeben müssen, sehen wir etwas abgerissen aus, als wir Richtung Tschernobyl fahren. Nur meine Schuhe sind neu; das Paar, das ich getrost wegwerfen kann, ziehe ich besser erst an, wenn wir angekommen sind, sonst fällt die Sohle vorher bereits ab. Entlang der Autobahn und später der Landstraße sehen wir einen Friedhof nach dem anderen: auf dem freien Feld ein rechteckiges Stückchen Wald, das stets von dem gleichen, ausgerechnet himmelblauen Gitter eingezäunt ist. Unter den Birken drängen sich die Grabsteine wie Geschwister aneinander und blühen die Plastikblumen auch im Winter. Es sind gewöhnliche Friedhöfe, keine Massengräber, und doch ist jeder einzelne Totenacker in Weißrussland zugleich ein Denkmal des Krieges mit einer Skulptur oder einem Obelisken, mit Kränzen ebenfalls aus Plastik, und den Namen der Gefallenen im nächstgelegenen Dorf. Und wo es kein Dorf mehr gibt, weil es niedergebrannt worden ist, und auch keinen Friedhof, weil niemand überlebt hat, der sich an Verwandte oder Nachbarn erinnern könnte, steht ein einzelnes Denkmal ohne Friedhof auf dem Feld. Jeder vierte Weißrusse ist im Zweiten Weltkrieg umgekommen, ein weiteres Viertel von den Deutschen zum Arbeitsdienst verschleppt worden – die Hälfte der Bevölkerung war 1944 tot oder deportiert. Und nach ihrem Sieg vertrieben die Sowjets Hunderttausende nach Polen und sperrten Zehntausende in die Gulags.

Andere Länder haben Mahnmale, die an die Schrecken des Krieges und des Holocausts erinnern. Wer durch Weißrussland fährt, bekommt den Eindruck, dass das Land ein einziges Mahnmal ist. Dabei darf man sich nicht einmal aller Opfer ohne Vorbehalt erinnern, nicht der Opfer der stalinistischen Massenerschießungen von 1938 bis 1941, nicht der Polen, der Kriegsgefangenen oder der Juden, insofern sie als Juden ermordet worden sind, und auch nicht der Opfer "des wichtigsten Ereignisses des 20. Jahrhunderts", wie es Swetlana Alexijewitsch genannt hat, "ungeachtet der schrecklichen Kriege und Revolutionen": der Opfer von Tschernobyl. Der Reaktor explodierte am 26. April 1986 zwar auf dem Gebiet der heutigen Ukraine, doch siebzig Prozent des radioaktiven Niederschlags fiel über Weißrussland. "Die Weißrussen sind heute lebendige 'Blackboxes'", schrieb die Literaturnobelpreisträgerin in ihrem Buch über die Reaktorkatastrophe, mit dem sie Ende der neunziger Jahre berühmt wurde: "Sie zeichnen Informationen für die Zukunft auf. Für alle."

Als wir in Choiniki eintreffen, einer Ansammlung von Plattenbauten an sechsspurigen, kaum befahrenen Straßen, von dem aus der Sperrbezirk verwaltet wird, ist der zuständige Beamte nicht an seinem Platz. Als sich auch kein Vorgesetzter findet, der die Genehmigung für den Besuch unterschreibt, platzt mir der Kragen. Ständig beklage sich die Regierung, allein gelassen zu werden mit den Folgen der Reaktorkatastrophe, und jetzt flöge ein Berichterstatter eigens nach Weißrussland statt in die Ukraine, um sich zu informieren, besorge sich eine Akkreditierung des Außenministeriums, verabrede sich mit einem Beamten, fahre vier Stunden mit dem Auto – und werde unverrichteter Dinge wieder zurückgeschickt?

Natürlich erhoffe ich mir von meinem Wutausbruch, dass die Vorgesetzten an mögliche Folgen für ihre Laufbahn denken, falls die Berichterstattung allzu negativ ausfällt, aber am Ende ist es wohl mehr Mitleid, warum sich ein Biologe seufzend bereiterklärt, uns immerhin an den Rand des Sperrbezirks zu führen. Obwohl er Tarnkleidung trägt, strahlt er Gemütlichkeit aus, kugelrunder Bauch, Schnurrbart, Halbglatze und im Gesicht eine milde Verwunderung, was wir in dieser Gottverlassenheit zu suchen haben. Er selbst erforsche die Auswirkungen der Radioaktivität auf die Pflanzenwelt, berichtet er uns, während wir durch eine sogenannte Kann-Zone fahren, deren Bewohnern lediglich empfohlen wurde, ihre Häuser aufzugeben. Allerdings stelle er keine Auswirkungen fest.

© ZEIT-Grafik

"Sie stellen keine Auswirkungen fest?"

"Also, ich sehe sie nicht, will ich sagen. Natürlich stellen wir fest, dass die Werte erhöht sind. Aber sichtbare Mutationen hat es nur in den ersten Jahren gegeben. Inzwischen ist das ein ganz normales Stück Natur, das sich selbst überlassen ist. Wir haben sogar wilde Pferde jetzt."

"Und was ist mit den Auswirkungen auf die Menschen?"

"Das gehört nicht zu meinem Forschungsgebiet. Es gibt dort ja keine Menschen."

"Aber was ist denn mit Ihnen selbst? Ich meine, Sie und Ihre Kollegen halten sich doch vermutlich täglich im Sperrbezirk auf – haben Sie keine Angst?"

"Wir haben immer ein Messgerät dabei. Außerdem werden wir regelmäßig untersucht."

"Und was ist, wenn die Untersuchung negativ ausfällt?"

"Dann muss man einen Fehler gemacht haben."

"Einen Fehler?"

"Ja, man muss unachtsam gewesen sein. Oder man hat heimlich von den Beeren oder Pilzen gegessen. Man kann schon mal naschen, aber wenn man zu viele Beeren isst, fällt das eben auf, dann gehen die Werte nach oben."

"Und was passiert, wenn bei einem Mitarbeiter die Höchstwerte überschritten sind?"

"Dann wird er suspendiert oder sogar entlassen. Da sind wir sehr streng."

"Er wird entlassen, weil bei ihm eine zu hohe Radioaktivität gemessen wird?"

"Ja, er muss schließlich einen Fehler gemacht haben."