Weil wir nach dem Besuch des Sperrbezirks unsere Kleidung abgeben müssen, sehen wir etwas abgerissen aus, als wir Richtung Tschernobyl fahren. Nur meine Schuhe sind neu; das Paar, das ich getrost wegwerfen kann, ziehe ich besser erst an, wenn wir angekommen sind, sonst fällt die Sohle vorher bereits ab. Entlang der Autobahn und später der Landstraße sehen wir einen Friedhof nach dem anderen: auf dem freien Feld ein rechteckiges Stückchen Wald, das stets von dem gleichen, ausgerechnet himmelblauen Gitter eingezäunt ist. Unter den Birken drängen sich die Grabsteine wie Geschwister aneinander und blühen die Plastikblumen auch im Winter. Es sind gewöhnliche Friedhöfe, keine Massengräber, und doch ist jeder einzelne Totenacker in Weißrussland zugleich ein Denkmal des Krieges mit einer Skulptur oder einem Obelisken, mit Kränzen ebenfalls aus Plastik, und den Namen der Gefallenen im nächstgelegenen Dorf. Und wo es kein Dorf mehr gibt, weil es niedergebrannt worden ist, und auch keinen Friedhof, weil niemand überlebt hat, der sich an Verwandte oder Nachbarn erinnern könnte, steht ein einzelnes Denkmal ohne Friedhof auf dem Feld. Jeder vierte Weißrusse ist im Zweiten Weltkrieg umgekommen, ein weiteres Viertel von den Deutschen zum Arbeitsdienst verschleppt worden – die Hälfte der Bevölkerung war 1944 tot oder deportiert. Und nach ihrem Sieg vertrieben die Sowjets Hunderttausende nach Polen und sperrten Zehntausende in die Gulags.

Andere Länder haben Mahnmale, die an die Schrecken des Krieges und des Holocausts erinnern. Wer durch Weißrussland fährt, bekommt den Eindruck, dass das Land ein einziges Mahnmal ist. Dabei darf man sich nicht einmal aller Opfer ohne Vorbehalt erinnern, nicht der Opfer der stalinistischen Massenerschießungen von 1938 bis 1941, nicht der Polen, der Kriegsgefangenen oder der Juden, insofern sie als Juden ermordet worden sind, und auch nicht der Opfer "des wichtigsten Ereignisses des 20. Jahrhunderts", wie es Swetlana Alexijewitsch genannt hat, "ungeachtet der schrecklichen Kriege und Revolutionen": der Opfer von Tschernobyl. Der Reaktor explodierte am 26. April 1986 zwar auf dem Gebiet der heutigen Ukraine, doch siebzig Prozent des radioaktiven Niederschlags fiel über Weißrussland. "Die Weißrussen sind heute lebendige 'Blackboxes'", schrieb die Literaturnobelpreisträgerin in ihrem Buch über die Reaktorkatastrophe, mit dem sie Ende der neunziger Jahre berühmt wurde: "Sie zeichnen Informationen für die Zukunft auf. Für alle."

Als wir in Choiniki eintreffen, einer Ansammlung von Plattenbauten an sechsspurigen, kaum befahrenen Straßen, von dem aus der Sperrbezirk verwaltet wird, ist der zuständige Beamte nicht an seinem Platz. Als sich auch kein Vorgesetzter findet, der die Genehmigung für den Besuch unterschreibt, platzt mir der Kragen. Ständig beklage sich die Regierung, allein gelassen zu werden mit den Folgen der Reaktorkatastrophe, und jetzt flöge ein Berichterstatter eigens nach Weißrussland statt in die Ukraine, um sich zu informieren, besorge sich eine Akkreditierung des Außenministeriums, verabrede sich mit einem Beamten, fahre vier Stunden mit dem Auto – und werde unverrichteter Dinge wieder zurückgeschickt?

Natürlich erhoffe ich mir von meinem Wutausbruch, dass die Vorgesetzten an mögliche Folgen für ihre Laufbahn denken, falls die Berichterstattung allzu negativ ausfällt, aber am Ende ist es wohl mehr Mitleid, warum sich ein Biologe seufzend bereiterklärt, uns immerhin an den Rand des Sperrbezirks zu führen. Obwohl er Tarnkleidung trägt, strahlt er Gemütlichkeit aus, kugelrunder Bauch, Schnurrbart, Halbglatze und im Gesicht eine milde Verwunderung, was wir in dieser Gottverlassenheit zu suchen haben. Er selbst erforsche die Auswirkungen der Radioaktivität auf die Pflanzenwelt, berichtet er uns, während wir durch eine sogenannte Kann-Zone fahren, deren Bewohnern lediglich empfohlen wurde, ihre Häuser aufzugeben. Allerdings stelle er keine Auswirkungen fest.

© ZEIT-Grafik

"Sie stellen keine Auswirkungen fest?"

"Also, ich sehe sie nicht, will ich sagen. Natürlich stellen wir fest, dass die Werte erhöht sind. Aber sichtbare Mutationen hat es nur in den ersten Jahren gegeben. Inzwischen ist das ein ganz normales Stück Natur, das sich selbst überlassen ist. Wir haben sogar wilde Pferde jetzt."

"Und was ist mit den Auswirkungen auf die Menschen?"

"Das gehört nicht zu meinem Forschungsgebiet. Es gibt dort ja keine Menschen."

"Aber was ist denn mit Ihnen selbst? Ich meine, Sie und Ihre Kollegen halten sich doch vermutlich täglich im Sperrbezirk auf – haben Sie keine Angst?"

"Wir haben immer ein Messgerät dabei. Außerdem werden wir regelmäßig untersucht."

"Und was ist, wenn die Untersuchung negativ ausfällt?"

"Dann muss man einen Fehler gemacht haben."

"Einen Fehler?"

"Ja, man muss unachtsam gewesen sein. Oder man hat heimlich von den Beeren oder Pilzen gegessen. Man kann schon mal naschen, aber wenn man zu viele Beeren isst, fällt das eben auf, dann gehen die Werte nach oben."

"Und was passiert, wenn bei einem Mitarbeiter die Höchstwerte überschritten sind?"

"Dann wird er suspendiert oder sogar entlassen. Da sind wir sehr streng."

"Er wird entlassen, weil bei ihm eine zu hohe Radioaktivität gemessen wird?"

"Ja, er muss schließlich einen Fehler gemacht haben."

"Von uns bleibt keine Spur"

Es sind keine Dörfer, durch die wir fahren, es sind einzelne Häuser aus Holz, die in unterschiedlichen Abständen zum jeweils nächsten stehen, manchmal Zaun an Zaun, die meisten jedoch dreißig, fünfzig oder hundert Meter voneinander entfernt. Es waren einmal Dörfer. Die verlassenen Häuser wurden abgerissen, der Boden mehrere Meter tief abgetragen. Hierhin ziehe ohnehin niemand, erklärt uns ein Mann, den wir auf der Straße ansprechen, Förster von Beruf. Von hier ziehe man nur weg, und wenn man nicht wegziehe, werde das Haus abgerissen, sobald man stirbt.

"Von uns bleibt keine Spur."

Fünfhundert Häuser hätten hier dicht beieinandergestanden, es sei fast ein Städtchen gewesen mit einer eigenen Schule, mit Geschäften, einer Verwaltung und einem Gemeindesaal. Sogar einen Chor hätten sie gehabt, der in der ganzen Gegend berühmt gewesen sei. Jetzt seien noch dreißig Menschen übrig, und da vorne, das schöne Haus mit den verzierten Fenstergiebeln, das werde als Nächstes verschwinden. Vor ein paar Tagen war das Begräbnis. Strom gebe es noch, fließend Wasser nicht mehr, das holten sie sich aus dem Brunnen. Die Lebensmittel bringe zweimal die Woche ein fahrender Händler, der Bus halte schon lange nicht mehr.

Warum er geblieben sei, frage ich. Man habe ihm eine Wohnung in Choiniki angeboten, erklärt der Förster, aber das sei auch nur zehn Kilometer entfernt, er sehe da keinen Unterschied, und überhaupt werde man überall auf der Welt krank. Haben sich denn die Erkrankungen nicht gehäuft? Von den Liquidatoren – Hunderttausende Freiwillige oder nicht so Freiwillige, die 1986 den Brand gelöscht und den Betonmantel um den Reaktor gebaut haben – seien viele gestorben, ja. Aber sie selbst – nein, alles im Normbereich, das werde jährlich überprüft. Mal seien die Werte höher, mal niedriger, das hänge wohl mit der Ernährung zusammen. Und die Kinder? Nein, bei den Kindern sei ihm auch nichts aufgefallen, freilich gebe es nur noch zwei. Dadurch hätten sie überhaupt erst von dem Unfall erfahren – dass eilig Kinder und Schwangere weggebracht worden seien. Er habe das damals vom Traktor aus beobachtet und sofort Schlimmes geahnt. Das Fernsehen habe erst Tage später von dem Unfall berichtet; selbst der 1. Mai sei noch wie jedes Jahr mit einer Parade gefeiert worden, nur ohne Kinder und Schwangere eben.

Eine ältere Frau stellt sich zu uns, grünes Kopftuch, Goldzähne, und erklärt, dass viele Nachbarn bereuten, fortgezogen zu sein, weil sie sich in der Stadt nicht zurechtfänden, besonders die Alten nicht. Manchmal kehrten sie zurück und küssten den Boden, auf dem ihr Haus stand. Viele hätten angefangen zu trinken, das sei ein größeres Problem als die Radioaktivität. Ja, die Pilze und Beeren seien dieselben, auch die Kartoffeln schmeckten wie früher, was dächten wir denn? Dass ihnen Hörner gewachsen seien? Gut, manche Beeren seien auffallend dunkel, von denen lasse sie die Finger.

Weil wir aus Deutschland sind, kommt die Frau auf den Krieg zu sprechen, der das Leben zuvor bereits in ein Davor und Danach geteilt hat. Einmal habe ihre Mutter einen jungen Soldaten im Keller angetroffen, der bitterlich weinte. Das, was hier passiert ist, das wird mit uns passieren, habe der Soldat gesagt. Als der Befehl eintraf, auch ihr Dorf anzuzünden, hätten die Deutschen untereinander diskutiert. Das bringe doch nichts mehr, hätten einige gesagt. Am Ende hätten die Deutschen die Häuser stehen lassen, als sie abzogen, deshalb gebe es das Dorf überhaupt noch. Ans Nachbardorf erinnere nur noch ein Gedenkstein.

Ob wir den Gedenkstein sehen können, frage ich. Der Biologe zögert, weil man dafür durch den Wald gehen muss, aber der Förster sagt, es gebe einen Trampelpfad. "Ewige Erinnerung an die Opfer des Faschismus" ist in den Stein geschrieben, darunter die Namen. Die Kränze wurden vermutlich schon vor Tschernobyl auf den Sockel gelegt, so rissig sind die Plastikfäden und so vergilbt die Farben. Wie auf allen Gedenksteinen dauerte der "Große Vaterländische Krieg" von 1941 bis 1945, obwohl er für Weißrussland bereits mit dem Hitler-Stalin-Pakt 1939 begann.

Wir fahren weiter und kommen an Kuhweiden und Äckern vorbei, die offenbar frisch bestellt sind. Auch hier sei die kontaminierte Erde abgetragen worden, beruhigt uns der Biologe, und im Übrigen werde jedes Gemüse und Milchprodukt auf Cäsium, Strontium und andere Nuklide gemessen, bevor es in den Handel gelange. In der nächsten Zone darf noch nichts angepflanzt, auch nicht gejagt und kein Baum gefällt werden. Knapp fünfzig Kilometer von Tschernobyl entfernt erreichen wir den Checkpoint, an dem das "radioökologische Schutzgebiet" beginnt. Bewacht wird die Zufahrt von zwei Wärtern in Tarnuniform, von denen einer auf einem Holzturm achtgibt, dass der Wald nirgends brennt. Ansonsten beschränkt sich ihre Arbeit darauf, für ein bis drei Autos am Tag die Schranke zu öffnen, das Auto der Biologen, das Auto des Försters, das Auto der beiden, die noch im Sperrgebiet wohnen.

"Da wohnen noch zwei?", frage ich verdutzt.

"Ja", sagt der Wärter und erklärt, dass die Radioaktivität nicht überall gleichmäßig verteilt sei. An den Häusern der beiden sei der Wert niedriger gewesen, da hätten die Behörden ihrem Drängen nachgegeben und sie wohnen gelassen. "Ich frage mich auch, was die dort eigentlich machen. Sie reden nicht besonders viel."

"Jeder wählt sein Leben selbst", meint der Biologe, "und die beiden kommen halt ohne Diskothek aus."

"Sind es Brüder?", frage ich, weil ich mir irgendeine Art der Verbundenheit vorstellen muss, damit man es in der Einsamkeit, der Stille und der Gefahr aushält.

"Nein, einfach zwei Männer."

"Und die leben zusammen?"

"Nein, nein, in zwei Häusern", sagt der Wärter.

"So verdorben ist unser Volk noch nicht", merkt der Biologe an und lacht.

"Die Gesellschaft wird krank"

Wir fahren bereits nach Choiniki zurück, da fällt mir ein, dass ich immer noch die neuen Schuhe trage. Muss ich sie jetzt wegschmeißen? Der Biologe hat beteuert, dass man selbst im Sperrbezirk bedenkenlos arbeiten und sogar von den Beeren naschen könne. Auch die Dorfbewohner machten nicht den Eindruck, als würden sie sich um jeden Schritt sorgen. Und jeden Sommer, so erzählten sie uns, kommen von weither die Leute und sammelten Pilze im Wald.

"Was meinen Sie", frage ich den Biologen beim Abschied, "kann ich die Schuhe behalten? Sie waren ganz schön teuer, um ehrlich zu sein."

"Schmeißen Sie sie weg", empfiehlt er, der ansonsten findet, dass alles im Normbereich sei.

Auf dem Rückweg biegen wir an einem der Schilder ab, die auf eine Gedenkstätte verweisen: Das Lager von Osaritschi existierte nur eine Woche und bestand aus nichts als einem sumpfigen Wald, der mit einem Stacheldrahtzaun, Wachtürmen und Minen abgesperrt war. Auf dem kleinen Parkplatz steht ein einzelnes Auto mit weit geöffneten Türen und laut aufgedrehtem Techno – wahrscheinlich meinte der Biologe so etwas mit Diskothek. Als wir uns danebenstellen, schleicht ein Liebespaar aus dem Gebüsch, schaltet die Musik aus und fährt mit schüchternen Mienen davon. Ein paar Meter hinter dem Denkmal, an das bunte Plastikkränze gelehnt sind, ist der Zaun noch zu sehen und hinter dem Zaun der Sumpf, in dem die Wehrmacht bei ihrem Rückzug 70.000 Menschen zusammenpferchte, die nicht für den Arbeitsdienst taugten, also vor allem Alte, Kranke und Kinder – ohne Unterschlupf, ohne sanitäre Anlagen, ohne Essen und nur mit Schnee als Trinkwasser. Als die Rote Armee das Lager vorfand, war mehr als die Hälfte der Gefangenen erfroren, verhungert oder an einem Infekt gestorben. Ich versuche mir vorzustellen, was sich zwischen dem 12. und 17. März 1944 hinter dem Zaun ereignete, aber sehe nur den Sumpf.

Vermutlich konnte nur ein Land wie Weißrussland, in dem sich die Traumata aneinanderreihen wie die Friedhöfe entlang der Autobahn und zugleich die Erinnerung so strikt reglementiert ist, eine Autorin wie Swetlana Alexijewitsch hervorbringen. Denn ihr Werk, darin auch formal einzigartig, besteht aus nichts als individuellen, tabuisierten, manchmal unscheinbaren, oft schockierenden, sich widersprechenden Erinnerungen. Als ich sie abends in ihrem Lieblingscafé treffe, einem italienisch inspirierten Lokal im Souterrain eines Plattenbaus im Zentrum von Minsk, fragt sie mich zunächst nach meinen Eindrücken.

"Es ist unglaublich, wie präsent die Vergangenheit ist, in jedem Dorf, an jeder Straße und in jeder Familie – mit wem man spricht, jeder hat seine Geschichte, die zugleich eine allgemeine Geschichte ist. Entsteht dadurch nicht auch eine Art kollektives Gedächtnis, egal, was der Staat vorgibt?"

"Nein", sagt Alexijewitsch entschlossen, "damit das Gedächtnis kollektiv wird, müssen die Erinnerungen aufgeschrieben werden."

Wie sieht sie heute den Umgang mit Tschernobyl, dreißig Jahre nach der Katastrophe, zwanzig Jahre nach ihrem Buch?

"Es gibt keinen Umgang", antwortet Alexijewitsch und erinnert daran, dass der Staat anfangs Geigerzähler verteilte und überall im Land Messstellen einrichtete, an denen man seine Lebensmittel untersuchen konnte. "Da sah jeder selbst, wenn es auf dem Gerät blinkte. Und welche Konsequenz hat der Staat gezogen? Er hat einfach die Produktion der Geigerzähler eingestellt und die Messstellen geschlossen."

"Was passiert mit einer Gesellschaft, wenn die Menschen nicht über ihre Traumata sprechen dürfen?"

"Sie wird krank", antwortet Alexijewitsch und verweist auf den grassierenden Alkoholismus, die hohe Selbstmordrate, vor allem aber auf die Bereitschaft, mit Lügen zu leben, die jeder durchschaue, die politische Passivität. Ihr Buch über Tschernobyl habe nur in den Jahren nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion entstehen können, als sich die alte Ordnung noch nicht restauriert hatte. Außerdem seien damals die Folgen der Radioaktivität offenkundig gewesen, da habe der Staat gar keine Möglichkeit gehabt, Tschernobyl aus dem öffentlichen Bewusstsein zu verdrängen. Jeder hätte in seinem Bekanntenkreis jemanden gehabt, der krank wurde, starb oder sein Haus aufgeben musste. Aber niemand könne dreißig Jahre mit der Angst leben, und so glaubten die Menschen gern, dass die Folgen von Tschernobyl bewältigt seien, und seien nicht irritiert, dass Jahr für Jahr neue Gebiete für die Landwirtschaft freigegeben würden. Und jetzt werde in Ostrowez nahe der Grenze zu Litauen sogar ein neuer Atommeiler gebaut, ohne dass sich vor Ort Widerstand bilde – in einem Gebiet, das bereits kontaminiert sei.

Am nächsten Tag fahren wir mit Tatjana und ihrem Sohn Igor in ein Dorf, das nicht mehr existiert. Tatjana war 32 Jahre alt, als die Bewohner ins Kulturzentrum gerufen wurden, um zu erfahren, dass sie den Wald nicht mehr betreten, kein Wasser aus dem Brunnen trinken, kein Gemüse aus dem Garten essen, ihre Kinder nicht draußen spielen lassen durften. Dabei lag ihr Dorf fast dreihundert Kilometer nordöstlich von Tschernobyl, aber sie hatten Pech mit dem Wind. Diesmal habe ich die alten Schuhe angezogen, was Quatsch ist, wie mir einfällt – bin ich nach einem Tag schon paranoid? Wenn der Biologe in Choiniki recht hat, dann muss ich das neue Paar ohnehin wegschmeißen und stehe am Ende des Tages barfuß da. Zur Sicherheit habe ich heute einen Geigerzähler dabei.

Auf der Fahrt erzählt Tatjana, dass zunächst nur die Erde abgetragen, die Schulwände mit einem neuen Belag ausgestattet und alle Dorfbewohner ständig kontrolliert wurden. Ihre eigenen Werte waren fast im Normbereich; andere Mütter hingegen durften ihre Kinder nicht mehr stillen. Der Bezirksleiter betonte immer, es gebe keinen Anlass zur Sorge, und verstarb bald an Leukämie. Ihr Mann war Lehrer wie sie selbst und unterrichtete außer Mathematik noch Wehrschutz, deshalb kannte er sich ein wenig mit radioaktiven Strahlen aus und besorgte ihnen Jodtabletten. Die Bauern waren sorgloser und ließen bald schon wieder ihre Kinder vor die Tür. Einmal brachte ihr Schwiegervater, der Direktor an der Schule war, eine Zeitung aus der Tschechoslowakei mit nach Hause, die sie zu übersetzen versuchten, um an Informationen zu gelangen. Ein anderes Mal hieß es, dass Igor, der keine zwei Jahre alt war, erhöhte Strahlenwerte habe und sofort ins Krankenhaus müsse, das war der schlimmste Moment. Zum Glück fiel ihr rasch auf, dass Igor an dem Tag, der auf dem Formular stand, gar nicht untersucht worden war. Ein anderes Kind, das zufällig den gleichen Vor- und Nachnamen trug, war kontaminiert worden.

"Es ist schwer, mit etwas umzugehen, was du nicht siehst."

"Schauen Sie, wie schön es geworden ist"

Von Missbildungen bei Neugeborenen hat sie nichts gehört, aber gemerkt, dass mehr Menschen an Krebs sterben als früher; ob das mit Tschernobyl zusammenhängt, ist für sie schwer zu beurteilen. Aufgefallen ist ihr außerdem, dass ungewöhnlich viele Selbstmorde geschahen. Anfangs fühlte sie sich oft schlapp, dann hat sich der Organismus wohl nach und nach angepasst. Die Kinderärztin gab ihr zu verstehen, dass sie so schnell wie möglich umziehen sollten, noch vor der offiziellen Evakuierung, die erst sechs Jahre nach dem Reaktorunfall stattfand, da fiel der Entschluss, nicht auf eine Wohnung zu warten, die ihnen zugewiesen würde. Stattdessen suchten sie ihre neue Heimat mit dem Geigerzähler in der Hand. In Mogiljow, etwa hundertdreißig Kilometer von ihrem Dorf entfernt, fanden sie ein Viertel, in dem das Gerät nicht blinkte.

In der Bezirkshauptstadt Krasnopolje legen wir Rast ein, um mit der Vorsitzenden des kommunalen Parlaments zu sprechen, die eine ehemalige Arbeitskollegin von Tatjana ist. Die Begrüßung ist so herzlich wie auf dem Dorf und der Lokalpatriotismus der Vorsitzenden rührend. 26.000 lebten früher in Krasnopolje, heute sind es keine zehntausend, obwohl das Schulessen kostenlos ist und bis vor Kurzem Zuschläge aufs Gehalt gezahlt worden sind.

"Wir fühlen uns nicht vergessen", beteuert die Vorsitzende und verweist darauf, dass in allen öffentlichen Gebäuden regelmäßig die Strahlenbelastung gemessen werde und die Kinder die Sommerferien in einem Sanatorium oder sogar im Ausland verbrächten, um sich zu erholen. Wovon die Kinder sich erholen müssen, wenn sie gesund sind, weiß die Vorsitzende auch nicht so genau. Ein Anliegen ist es ihr, das neue Sportzentrum zu zeigen, so etwas gebe es nicht überall, und so stehen wir kurz darauf zwischen Whirlpool, Kinderbecken und einer professionellen 25-Meter-Bahn.

"Schauen Sie, wie schön es geworden ist. Und Sie haben noch gar nicht unsere Sauna gesehen."

Wir fahren an Feldern vorbei, die vor Kurzem gepflügt wurden, und Kieferwäldern, die noch jung sind. Erst nach einem Verbotsschild mit dem Zeichen für Radioaktivität ist die Natur sich selbst überlassen und vom Teer keine Spur geblieben. Am Wegrand liegen Baumstämme, die jemand weggeräumt hat. An einer Kreuzung steht ein verwittertes Denkmal aus Stein, auf dem nur noch wenige Namen zu entziffern sind, ein Iwan Saitew, ein Juri Jakimowitsch, "gefallen im Kampf mit den deutschen Faschisten"; das dazugehörige Dorf wurde bereits von der Wehrmacht abgebrannt.

Auch von Tatjanas Dorf scheint nur das Kriegsdenkmal erhalten zu sein. Aber dann zeigt ihr Sohn in den Wald, und mitten zwischen den Kiefern, die immerhin schon zwanzig, dreißig Jahre alt sind, erkenne ich die Grundmauern eines zweistöckigen Gebäudes. In dem Haus, dem Wohnheim der Lehrer, haben sie gewohnt. Das Letzte, woran sich Igor erinnert, ist sein Vater, der die Kabel durchtrennt. Warum er das tue, fragte Igor. Damit es keinen Kurzschluss gibt, antwortete der Vater. Die Bagger rückten meist über Nacht an, damit die Bewohner keine Zeit hatten, Türen, Fenster, Böden auszubauen, aber irgendwie erfuhr man immer vorab, welches Haus abgerissen werden sollte. Manche machten ein gutes Geschäft damit, ihre Häuser bis auf die letzte Holzlatte abzubauen, auf einen Transporter zu laden und in Moskau als Datscha zu verkaufen. Igor weiß nicht, warum das Wohnheim nicht unter der Erde begraben worden ist – vielleicht weil der Beton weniger Radioaktivität sammelt als das Holz, aus dem die anderen Häuser waren, oder weil der Abriss aufwendiger gewesen wäre.

Wir gehen weiter durch den Wald und kommen zum früheren Lebensmittelgeschäft, das ebenfalls aus Beton ist. Das Dach ist eingestürzt, die schweren Balken liegen kreuz und quer, aber an den Wänden erkennt man noch die Kacheln, wo die Käse- oder die Fleischtheke war.

"Früher gab es einen Parkplatz vor dem Geschäft", sagt Igor, "es gab Autos, das war nicht so ein abgelegenes Nest."

Schließlich erreichen wir das dritte Gebäude aus Beton, gleich neben dem Eingang das Direktorenzimmer, in dem Tatjana jeden Morgen bereits ihren kahlköpfigen Schwiegervater sah, wenn sie die Schule betrat. An den Wänden stehen die Daten der nächsten Klassentreffen: Jahrgang 89 versammelt sich jeden ersten Samstag im August. Wladimir, ruf mich an, wenn du das liest. Die Holzdielen sind herausgerissen, aber in der Turnhalle, die zugleich Aula war, hängen noch die Basketballkörbe an der Wand. Seltsamerweise blinkt der Geigerzähler nicht, als ich ihn an den Boden halte, weder im Gebäude selbst noch im Wald, der früher der Schulhof war. Nicht einmal meine Sohlen scheinen kontaminiert.

Auf der Rückfahrt wieder der Hinweis auf ein Vernichtungslager an der Autobahn: Mindestens 60.000 Menschen wurden in Trostenez ermordet, die meisten davon Juden. Von den wenigen Juden, die das Lager überlebten, verschwanden nach der Befreiung viele als "Spione" im Gulag – anders konnte sich der NKWD nicht erklären, dass sie von den Deutschen am Leben gelassen worden waren. In der "radioökologischen Zone" macht der Kontaminierte sich schließlich auch selbst verdächtig.

"Das ist Massenmord"

Von meinem Hotelzimmer in Minsk skype ich mit Juri Bandaschewski, der das Universitätsklinikum in Gomel geleitet hat, 140 Kilometer vom Reaktor entfernt. Nachdem er öffentlich über alarmierende Krebsraten gesprochen hatte, wurde der Nuklearmediziner 1999 verhaftet und sechs Jahre später ins Exil abgeschoben. Heute forscht er in Kiew. Ich frage ihn zunächst, ob die weißrussischen Behörden keine Daten sammelten oder sie einfach nur nicht veröffentlichten.

"Das weiß ich nicht. Es gibt seit zehn, zwölf Jahren keinen seriösen nuklearmedizinischen Beitrag aus Weißrussland. Aber wenn wir unsere Daten auf Weißrussland übertragen, das viel stärker von der radioaktiven Strahlung betroffen war, dann sehen wir, dass die Probleme nicht weniger, sondern mehr geworden sein müssen."

"Inwiefern?"

"Wir haben jetzt die zweite Tschernobylgeneration, also Menschen, die nach der Katastrophe geboren wurden. Aufgrund der genetischen Schäden ihrer Eltern sind sie schwächer geboren. Viele von ihnen sind inzwischen gestorben. Oder sie können keine Kinder zeugen. Oder wenn sie Kinder zeugen, vererben sie ihre Schäden weiter."

Ich berichte, dass der Geigerzähler nicht geblinkt habe, als ich im Sperrgebiet war – dann sei doch alles in Ordnung? Die Radioaktivität sei nicht mehr an der Oberfläche, klärt Bandaschewski mich auf. Man könne auf dem Boden stehen, aber man dürfe auf keinen Fall etwas essen, was im Boden wächst, denn über die Wurzeln gelange die Radioaktivität in die Nahrung. Auch Waldbrände seien sehr gefährlich. Ach, deshalb der Aussichtsturm am Checkpoint zum Sperrgebiet.

"Der Biologe, der uns herumgeführt hat, versicherte, dass alle Lebensmittel geprüft würden, bevor sie in den Handel kommen."

"Ja, man prüft sie, und wenn die Werte zu hoch sind, mischt man sie mit sauberen Lebensmitteln, bis die Norm halbwegs eingehalten wird. Und diese Lebensmittel werden im ganzen Land verteilt."

"Aber sind die Normen selbst denn vertretbar?"

"Nein, natürlich nicht, darüber rede ich doch die ganze Zeit. Für eine Generation, deren Erbgut bereits geschädigt ist, sind bereits geringere Dosen von Radioaktivität bedrohlich. Und mal abgesehen davon: Nahrung ist etwas anderes als ein Röntgenbild. In der Nahrung dürfte es überhaupt keine Radioaktivität geben."

"Dann ist das doch ... ich will nicht sagen Mord, aber fahrlässige Tötung, fahrlässige Massentötung."

"Das ist nicht fahrlässig, das geschieht wissentlich. Das ist Massenmord."

Und was mache ich nun mit den Schuhen? Muss ich beide Paare wegschmeißen, also auch die neuen?

Juri Bandaschewski lacht auf dem Bildschirm. "Ihren Schuhen wird schon nichts passiert sein", beruhigt er mich: "Waschen Sie das eine Paar, und behalten Sie es als Andenken an Tschernobyl."