Es sind keine Dörfer, durch die wir fahren, es sind einzelne Häuser aus Holz, die in unterschiedlichen Abständen zum jeweils nächsten stehen, manchmal Zaun an Zaun, die meisten jedoch dreißig, fünfzig oder hundert Meter voneinander entfernt. Es waren einmal Dörfer. Die verlassenen Häuser wurden abgerissen, der Boden mehrere Meter tief abgetragen. Hierhin ziehe ohnehin niemand, erklärt uns ein Mann, den wir auf der Straße ansprechen, Förster von Beruf. Von hier ziehe man nur weg, und wenn man nicht wegziehe, werde das Haus abgerissen, sobald man stirbt.

"Von uns bleibt keine Spur."

Fünfhundert Häuser hätten hier dicht beieinandergestanden, es sei fast ein Städtchen gewesen mit einer eigenen Schule, mit Geschäften, einer Verwaltung und einem Gemeindesaal. Sogar einen Chor hätten sie gehabt, der in der ganzen Gegend berühmt gewesen sei. Jetzt seien noch dreißig Menschen übrig, und da vorne, das schöne Haus mit den verzierten Fenstergiebeln, das werde als Nächstes verschwinden. Vor ein paar Tagen war das Begräbnis. Strom gebe es noch, fließend Wasser nicht mehr, das holten sie sich aus dem Brunnen. Die Lebensmittel bringe zweimal die Woche ein fahrender Händler, der Bus halte schon lange nicht mehr.

Warum er geblieben sei, frage ich. Man habe ihm eine Wohnung in Choiniki angeboten, erklärt der Förster, aber das sei auch nur zehn Kilometer entfernt, er sehe da keinen Unterschied, und überhaupt werde man überall auf der Welt krank. Haben sich denn die Erkrankungen nicht gehäuft? Von den Liquidatoren – Hunderttausende Freiwillige oder nicht so Freiwillige, die 1986 den Brand gelöscht und den Betonmantel um den Reaktor gebaut haben – seien viele gestorben, ja. Aber sie selbst – nein, alles im Normbereich, das werde jährlich überprüft. Mal seien die Werte höher, mal niedriger, das hänge wohl mit der Ernährung zusammen. Und die Kinder? Nein, bei den Kindern sei ihm auch nichts aufgefallen, freilich gebe es nur noch zwei. Dadurch hätten sie überhaupt erst von dem Unfall erfahren – dass eilig Kinder und Schwangere weggebracht worden seien. Er habe das damals vom Traktor aus beobachtet und sofort Schlimmes geahnt. Das Fernsehen habe erst Tage später von dem Unfall berichtet; selbst der 1. Mai sei noch wie jedes Jahr mit einer Parade gefeiert worden, nur ohne Kinder und Schwangere eben.

Eine ältere Frau stellt sich zu uns, grünes Kopftuch, Goldzähne, und erklärt, dass viele Nachbarn bereuten, fortgezogen zu sein, weil sie sich in der Stadt nicht zurechtfänden, besonders die Alten nicht. Manchmal kehrten sie zurück und küssten den Boden, auf dem ihr Haus stand. Viele hätten angefangen zu trinken, das sei ein größeres Problem als die Radioaktivität. Ja, die Pilze und Beeren seien dieselben, auch die Kartoffeln schmeckten wie früher, was dächten wir denn? Dass ihnen Hörner gewachsen seien? Gut, manche Beeren seien auffallend dunkel, von denen lasse sie die Finger.

Weil wir aus Deutschland sind, kommt die Frau auf den Krieg zu sprechen, der das Leben zuvor bereits in ein Davor und Danach geteilt hat. Einmal habe ihre Mutter einen jungen Soldaten im Keller angetroffen, der bitterlich weinte. Das, was hier passiert ist, das wird mit uns passieren, habe der Soldat gesagt. Als der Befehl eintraf, auch ihr Dorf anzuzünden, hätten die Deutschen untereinander diskutiert. Das bringe doch nichts mehr, hätten einige gesagt. Am Ende hätten die Deutschen die Häuser stehen lassen, als sie abzogen, deshalb gebe es das Dorf überhaupt noch. Ans Nachbardorf erinnere nur noch ein Gedenkstein.

Ob wir den Gedenkstein sehen können, frage ich. Der Biologe zögert, weil man dafür durch den Wald gehen muss, aber der Förster sagt, es gebe einen Trampelpfad. "Ewige Erinnerung an die Opfer des Faschismus" ist in den Stein geschrieben, darunter die Namen. Die Kränze wurden vermutlich schon vor Tschernobyl auf den Sockel gelegt, so rissig sind die Plastikfäden und so vergilbt die Farben. Wie auf allen Gedenksteinen dauerte der "Große Vaterländische Krieg" von 1941 bis 1945, obwohl er für Weißrussland bereits mit dem Hitler-Stalin-Pakt 1939 begann.

Wir fahren weiter und kommen an Kuhweiden und Äckern vorbei, die offenbar frisch bestellt sind. Auch hier sei die kontaminierte Erde abgetragen worden, beruhigt uns der Biologe, und im Übrigen werde jedes Gemüse und Milchprodukt auf Cäsium, Strontium und andere Nuklide gemessen, bevor es in den Handel gelange. In der nächsten Zone darf noch nichts angepflanzt, auch nicht gejagt und kein Baum gefällt werden. Knapp fünfzig Kilometer von Tschernobyl entfernt erreichen wir den Checkpoint, an dem das "radioökologische Schutzgebiet" beginnt. Bewacht wird die Zufahrt von zwei Wärtern in Tarnuniform, von denen einer auf einem Holzturm achtgibt, dass der Wald nirgends brennt. Ansonsten beschränkt sich ihre Arbeit darauf, für ein bis drei Autos am Tag die Schranke zu öffnen, das Auto der Biologen, das Auto des Försters, das Auto der beiden, die noch im Sperrgebiet wohnen.

"Da wohnen noch zwei?", frage ich verdutzt.

"Ja", sagt der Wärter und erklärt, dass die Radioaktivität nicht überall gleichmäßig verteilt sei. An den Häusern der beiden sei der Wert niedriger gewesen, da hätten die Behörden ihrem Drängen nachgegeben und sie wohnen gelassen. "Ich frage mich auch, was die dort eigentlich machen. Sie reden nicht besonders viel."

"Jeder wählt sein Leben selbst", meint der Biologe, "und die beiden kommen halt ohne Diskothek aus."

"Sind es Brüder?", frage ich, weil ich mir irgendeine Art der Verbundenheit vorstellen muss, damit man es in der Einsamkeit, der Stille und der Gefahr aushält.

"Nein, einfach zwei Männer."

"Und die leben zusammen?"

"Nein, nein, in zwei Häusern", sagt der Wärter.

"So verdorben ist unser Volk noch nicht", merkt der Biologe an und lacht.