Wir fahren bereits nach Choiniki zurück, da fällt mir ein, dass ich immer noch die neuen Schuhe trage. Muss ich sie jetzt wegschmeißen? Der Biologe hat beteuert, dass man selbst im Sperrbezirk bedenkenlos arbeiten und sogar von den Beeren naschen könne. Auch die Dorfbewohner machten nicht den Eindruck, als würden sie sich um jeden Schritt sorgen. Und jeden Sommer, so erzählten sie uns, kommen von weither die Leute und sammelten Pilze im Wald.

"Was meinen Sie", frage ich den Biologen beim Abschied, "kann ich die Schuhe behalten? Sie waren ganz schön teuer, um ehrlich zu sein."

"Schmeißen Sie sie weg", empfiehlt er, der ansonsten findet, dass alles im Normbereich sei.

Auf dem Rückweg biegen wir an einem der Schilder ab, die auf eine Gedenkstätte verweisen: Das Lager von Osaritschi existierte nur eine Woche und bestand aus nichts als einem sumpfigen Wald, der mit einem Stacheldrahtzaun, Wachtürmen und Minen abgesperrt war. Auf dem kleinen Parkplatz steht ein einzelnes Auto mit weit geöffneten Türen und laut aufgedrehtem Techno – wahrscheinlich meinte der Biologe so etwas mit Diskothek. Als wir uns danebenstellen, schleicht ein Liebespaar aus dem Gebüsch, schaltet die Musik aus und fährt mit schüchternen Mienen davon. Ein paar Meter hinter dem Denkmal, an das bunte Plastikkränze gelehnt sind, ist der Zaun noch zu sehen und hinter dem Zaun der Sumpf, in dem die Wehrmacht bei ihrem Rückzug 70.000 Menschen zusammenpferchte, die nicht für den Arbeitsdienst taugten, also vor allem Alte, Kranke und Kinder – ohne Unterschlupf, ohne sanitäre Anlagen, ohne Essen und nur mit Schnee als Trinkwasser. Als die Rote Armee das Lager vorfand, war mehr als die Hälfte der Gefangenen erfroren, verhungert oder an einem Infekt gestorben. Ich versuche mir vorzustellen, was sich zwischen dem 12. und 17. März 1944 hinter dem Zaun ereignete, aber sehe nur den Sumpf.

Vermutlich konnte nur ein Land wie Weißrussland, in dem sich die Traumata aneinanderreihen wie die Friedhöfe entlang der Autobahn und zugleich die Erinnerung so strikt reglementiert ist, eine Autorin wie Swetlana Alexijewitsch hervorbringen. Denn ihr Werk, darin auch formal einzigartig, besteht aus nichts als individuellen, tabuisierten, manchmal unscheinbaren, oft schockierenden, sich widersprechenden Erinnerungen. Als ich sie abends in ihrem Lieblingscafé treffe, einem italienisch inspirierten Lokal im Souterrain eines Plattenbaus im Zentrum von Minsk, fragt sie mich zunächst nach meinen Eindrücken.

"Es ist unglaublich, wie präsent die Vergangenheit ist, in jedem Dorf, an jeder Straße und in jeder Familie – mit wem man spricht, jeder hat seine Geschichte, die zugleich eine allgemeine Geschichte ist. Entsteht dadurch nicht auch eine Art kollektives Gedächtnis, egal, was der Staat vorgibt?"

"Nein", sagt Alexijewitsch entschlossen, "damit das Gedächtnis kollektiv wird, müssen die Erinnerungen aufgeschrieben werden."

Wie sieht sie heute den Umgang mit Tschernobyl, dreißig Jahre nach der Katastrophe, zwanzig Jahre nach ihrem Buch?

"Es gibt keinen Umgang", antwortet Alexijewitsch und erinnert daran, dass der Staat anfangs Geigerzähler verteilte und überall im Land Messstellen einrichtete, an denen man seine Lebensmittel untersuchen konnte. "Da sah jeder selbst, wenn es auf dem Gerät blinkte. Und welche Konsequenz hat der Staat gezogen? Er hat einfach die Produktion der Geigerzähler eingestellt und die Messstellen geschlossen."

"Was passiert mit einer Gesellschaft, wenn die Menschen nicht über ihre Traumata sprechen dürfen?"

"Sie wird krank", antwortet Alexijewitsch und verweist auf den grassierenden Alkoholismus, die hohe Selbstmordrate, vor allem aber auf die Bereitschaft, mit Lügen zu leben, die jeder durchschaue, die politische Passivität. Ihr Buch über Tschernobyl habe nur in den Jahren nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion entstehen können, als sich die alte Ordnung noch nicht restauriert hatte. Außerdem seien damals die Folgen der Radioaktivität offenkundig gewesen, da habe der Staat gar keine Möglichkeit gehabt, Tschernobyl aus dem öffentlichen Bewusstsein zu verdrängen. Jeder hätte in seinem Bekanntenkreis jemanden gehabt, der krank wurde, starb oder sein Haus aufgeben musste. Aber niemand könne dreißig Jahre mit der Angst leben, und so glaubten die Menschen gern, dass die Folgen von Tschernobyl bewältigt seien, und seien nicht irritiert, dass Jahr für Jahr neue Gebiete für die Landwirtschaft freigegeben würden. Und jetzt werde in Ostrowez nahe der Grenze zu Litauen sogar ein neuer Atommeiler gebaut, ohne dass sich vor Ort Widerstand bilde – in einem Gebiet, das bereits kontaminiert sei.

Am nächsten Tag fahren wir mit Tatjana und ihrem Sohn Igor in ein Dorf, das nicht mehr existiert. Tatjana war 32 Jahre alt, als die Bewohner ins Kulturzentrum gerufen wurden, um zu erfahren, dass sie den Wald nicht mehr betreten, kein Wasser aus dem Brunnen trinken, kein Gemüse aus dem Garten essen, ihre Kinder nicht draußen spielen lassen durften. Dabei lag ihr Dorf fast dreihundert Kilometer nordöstlich von Tschernobyl, aber sie hatten Pech mit dem Wind. Diesmal habe ich die alten Schuhe angezogen, was Quatsch ist, wie mir einfällt – bin ich nach einem Tag schon paranoid? Wenn der Biologe in Choiniki recht hat, dann muss ich das neue Paar ohnehin wegschmeißen und stehe am Ende des Tages barfuß da. Zur Sicherheit habe ich heute einen Geigerzähler dabei.

Auf der Fahrt erzählt Tatjana, dass zunächst nur die Erde abgetragen, die Schulwände mit einem neuen Belag ausgestattet und alle Dorfbewohner ständig kontrolliert wurden. Ihre eigenen Werte waren fast im Normbereich; andere Mütter hingegen durften ihre Kinder nicht mehr stillen. Der Bezirksleiter betonte immer, es gebe keinen Anlass zur Sorge, und verstarb bald an Leukämie. Ihr Mann war Lehrer wie sie selbst und unterrichtete außer Mathematik noch Wehrschutz, deshalb kannte er sich ein wenig mit radioaktiven Strahlen aus und besorgte ihnen Jodtabletten. Die Bauern waren sorgloser und ließen bald schon wieder ihre Kinder vor die Tür. Einmal brachte ihr Schwiegervater, der Direktor an der Schule war, eine Zeitung aus der Tschechoslowakei mit nach Hause, die sie zu übersetzen versuchten, um an Informationen zu gelangen. Ein anderes Mal hieß es, dass Igor, der keine zwei Jahre alt war, erhöhte Strahlenwerte habe und sofort ins Krankenhaus müsse, das war der schlimmste Moment. Zum Glück fiel ihr rasch auf, dass Igor an dem Tag, der auf dem Formular stand, gar nicht untersucht worden war. Ein anderes Kind, das zufällig den gleichen Vor- und Nachnamen trug, war kontaminiert worden.

"Es ist schwer, mit etwas umzugehen, was du nicht siehst."