Von Missbildungen bei Neugeborenen hat sie nichts gehört, aber gemerkt, dass mehr Menschen an Krebs sterben als früher; ob das mit Tschernobyl zusammenhängt, ist für sie schwer zu beurteilen. Aufgefallen ist ihr außerdem, dass ungewöhnlich viele Selbstmorde geschahen. Anfangs fühlte sie sich oft schlapp, dann hat sich der Organismus wohl nach und nach angepasst. Die Kinderärztin gab ihr zu verstehen, dass sie so schnell wie möglich umziehen sollten, noch vor der offiziellen Evakuierung, die erst sechs Jahre nach dem Reaktorunfall stattfand, da fiel der Entschluss, nicht auf eine Wohnung zu warten, die ihnen zugewiesen würde. Stattdessen suchten sie ihre neue Heimat mit dem Geigerzähler in der Hand. In Mogiljow, etwa hundertdreißig Kilometer von ihrem Dorf entfernt, fanden sie ein Viertel, in dem das Gerät nicht blinkte.

In der Bezirkshauptstadt Krasnopolje legen wir Rast ein, um mit der Vorsitzenden des kommunalen Parlaments zu sprechen, die eine ehemalige Arbeitskollegin von Tatjana ist. Die Begrüßung ist so herzlich wie auf dem Dorf und der Lokalpatriotismus der Vorsitzenden rührend. 26.000 lebten früher in Krasnopolje, heute sind es keine zehntausend, obwohl das Schulessen kostenlos ist und bis vor Kurzem Zuschläge aufs Gehalt gezahlt worden sind.

"Wir fühlen uns nicht vergessen", beteuert die Vorsitzende und verweist darauf, dass in allen öffentlichen Gebäuden regelmäßig die Strahlenbelastung gemessen werde und die Kinder die Sommerferien in einem Sanatorium oder sogar im Ausland verbrächten, um sich zu erholen. Wovon die Kinder sich erholen müssen, wenn sie gesund sind, weiß die Vorsitzende auch nicht so genau. Ein Anliegen ist es ihr, das neue Sportzentrum zu zeigen, so etwas gebe es nicht überall, und so stehen wir kurz darauf zwischen Whirlpool, Kinderbecken und einer professionellen 25-Meter-Bahn.

"Schauen Sie, wie schön es geworden ist. Und Sie haben noch gar nicht unsere Sauna gesehen."

Wir fahren an Feldern vorbei, die vor Kurzem gepflügt wurden, und Kieferwäldern, die noch jung sind. Erst nach einem Verbotsschild mit dem Zeichen für Radioaktivität ist die Natur sich selbst überlassen und vom Teer keine Spur geblieben. Am Wegrand liegen Baumstämme, die jemand weggeräumt hat. An einer Kreuzung steht ein verwittertes Denkmal aus Stein, auf dem nur noch wenige Namen zu entziffern sind, ein Iwan Saitew, ein Juri Jakimowitsch, "gefallen im Kampf mit den deutschen Faschisten"; das dazugehörige Dorf wurde bereits von der Wehrmacht abgebrannt.

Auch von Tatjanas Dorf scheint nur das Kriegsdenkmal erhalten zu sein. Aber dann zeigt ihr Sohn in den Wald, und mitten zwischen den Kiefern, die immerhin schon zwanzig, dreißig Jahre alt sind, erkenne ich die Grundmauern eines zweistöckigen Gebäudes. In dem Haus, dem Wohnheim der Lehrer, haben sie gewohnt. Das Letzte, woran sich Igor erinnert, ist sein Vater, der die Kabel durchtrennt. Warum er das tue, fragte Igor. Damit es keinen Kurzschluss gibt, antwortete der Vater. Die Bagger rückten meist über Nacht an, damit die Bewohner keine Zeit hatten, Türen, Fenster, Böden auszubauen, aber irgendwie erfuhr man immer vorab, welches Haus abgerissen werden sollte. Manche machten ein gutes Geschäft damit, ihre Häuser bis auf die letzte Holzlatte abzubauen, auf einen Transporter zu laden und in Moskau als Datscha zu verkaufen. Igor weiß nicht, warum das Wohnheim nicht unter der Erde begraben worden ist – vielleicht weil der Beton weniger Radioaktivität sammelt als das Holz, aus dem die anderen Häuser waren, oder weil der Abriss aufwendiger gewesen wäre.

Wir gehen weiter durch den Wald und kommen zum früheren Lebensmittelgeschäft, das ebenfalls aus Beton ist. Das Dach ist eingestürzt, die schweren Balken liegen kreuz und quer, aber an den Wänden erkennt man noch die Kacheln, wo die Käse- oder die Fleischtheke war.

"Früher gab es einen Parkplatz vor dem Geschäft", sagt Igor, "es gab Autos, das war nicht so ein abgelegenes Nest."

Schließlich erreichen wir das dritte Gebäude aus Beton, gleich neben dem Eingang das Direktorenzimmer, in dem Tatjana jeden Morgen bereits ihren kahlköpfigen Schwiegervater sah, wenn sie die Schule betrat. An den Wänden stehen die Daten der nächsten Klassentreffen: Jahrgang 89 versammelt sich jeden ersten Samstag im August. Wladimir, ruf mich an, wenn du das liest. Die Holzdielen sind herausgerissen, aber in der Turnhalle, die zugleich Aula war, hängen noch die Basketballkörbe an der Wand. Seltsamerweise blinkt der Geigerzähler nicht, als ich ihn an den Boden halte, weder im Gebäude selbst noch im Wald, der früher der Schulhof war. Nicht einmal meine Sohlen scheinen kontaminiert.

Auf der Rückfahrt wieder der Hinweis auf ein Vernichtungslager an der Autobahn: Mindestens 60.000 Menschen wurden in Trostenez ermordet, die meisten davon Juden. Von den wenigen Juden, die das Lager überlebten, verschwanden nach der Befreiung viele als "Spione" im Gulag – anders konnte sich der NKWD nicht erklären, dass sie von den Deutschen am Leben gelassen worden waren. In der "radioökologischen Zone" macht der Kontaminierte sich schließlich auch selbst verdächtig.