Von meinem Hotelzimmer in Minsk skype ich mit Juri Bandaschewski, der das Universitätsklinikum in Gomel geleitet hat, 140 Kilometer vom Reaktor entfernt. Nachdem er öffentlich über alarmierende Krebsraten gesprochen hatte, wurde der Nuklearmediziner 1999 verhaftet und sechs Jahre später ins Exil abgeschoben. Heute forscht er in Kiew. Ich frage ihn zunächst, ob die weißrussischen Behörden keine Daten sammelten oder sie einfach nur nicht veröffentlichten.

"Das weiß ich nicht. Es gibt seit zehn, zwölf Jahren keinen seriösen nuklearmedizinischen Beitrag aus Weißrussland. Aber wenn wir unsere Daten auf Weißrussland übertragen, das viel stärker von der radioaktiven Strahlung betroffen war, dann sehen wir, dass die Probleme nicht weniger, sondern mehr geworden sein müssen."

"Inwiefern?"

"Wir haben jetzt die zweite Tschernobylgeneration, also Menschen, die nach der Katastrophe geboren wurden. Aufgrund der genetischen Schäden ihrer Eltern sind sie schwächer geboren. Viele von ihnen sind inzwischen gestorben. Oder sie können keine Kinder zeugen. Oder wenn sie Kinder zeugen, vererben sie ihre Schäden weiter."

Ich berichte, dass der Geigerzähler nicht geblinkt habe, als ich im Sperrgebiet war – dann sei doch alles in Ordnung? Die Radioaktivität sei nicht mehr an der Oberfläche, klärt Bandaschewski mich auf. Man könne auf dem Boden stehen, aber man dürfe auf keinen Fall etwas essen, was im Boden wächst, denn über die Wurzeln gelange die Radioaktivität in die Nahrung. Auch Waldbrände seien sehr gefährlich. Ach, deshalb der Aussichtsturm am Checkpoint zum Sperrgebiet.

"Der Biologe, der uns herumgeführt hat, versicherte, dass alle Lebensmittel geprüft würden, bevor sie in den Handel kommen."

"Ja, man prüft sie, und wenn die Werte zu hoch sind, mischt man sie mit sauberen Lebensmitteln, bis die Norm halbwegs eingehalten wird. Und diese Lebensmittel werden im ganzen Land verteilt."

"Aber sind die Normen selbst denn vertretbar?"

"Nein, natürlich nicht, darüber rede ich doch die ganze Zeit. Für eine Generation, deren Erbgut bereits geschädigt ist, sind bereits geringere Dosen von Radioaktivität bedrohlich. Und mal abgesehen davon: Nahrung ist etwas anderes als ein Röntgenbild. In der Nahrung dürfte es überhaupt keine Radioaktivität geben."

"Dann ist das doch ... ich will nicht sagen Mord, aber fahrlässige Tötung, fahrlässige Massentötung."

"Das ist nicht fahrlässig, das geschieht wissentlich. Das ist Massenmord."

Und was mache ich nun mit den Schuhen? Muss ich beide Paare wegschmeißen, also auch die neuen?

Juri Bandaschewski lacht auf dem Bildschirm. "Ihren Schuhen wird schon nichts passiert sein", beruhigt er mich: "Waschen Sie das eine Paar, und behalten Sie es als Andenken an Tschernobyl."