Blockflöte spielen

Leidenschaftlich gerne würde ich in einem Kirchenchor singen. Händels Halleluja, Mendelssohn Bartholdys Wie der Hirsch schreit oder Bachs Matthäus-Passion. Indes: Der liebe Gott gab mir kein Talent, ihm Loblieder zu schmettern. Ich kann so gar nicht singen.

Das ist traurig und wäre richtig schlimm, hätte ich nicht einen anderen Weg gefunden, Musik zu erzeugen. Ich spiele Blockflöte. Vor meinen Kindern habe ich das bislang verheimlicht, wegen ihrer Gnadenlosigkeit. Sie würden mein Hobby nur zum Beweis stilisieren, dass ich nie richtig erwachsen wurde. Blockflöte, würden sie sagen, das sei doch ein Kinderinstrument. Sie haben keine Ahnung, wie erwachsen man sein muss, wie gefestigt, um Luft in Holz zu pusten und darin nicht Versagen, sondern ein Volkslied zu erkennen.

Der Blockflöte verdanke ich, dass ich nicht schon als Kind aus der Musikwelt ausgemustert wurde. Damals waren Eltern noch nicht bereit, ein halbes Vermögen in ihren Nachwuchs zu stecken, damit der wie Lang Lang Klavier spielen kann. Wer ein Instrument lernen wollte, bekam eine Blockflöte. Er bestieg sein Klappfahrrad und radelte zum freiwilligen Musikunterricht der Grundschule, die Stunde kostete zwei Mark. Das Geld hatte man, wenn man Glück hatte, bei Ankunft noch in der Hosentasche. Oder man hatte es unterwegs verloren, wie ich zumeist, weswegen ich den Unterricht häufig unter dem geöffneten Fenster sitzend verfolgte, stumm die Töne mit übend.

Für zwei Mark erwartete niemand musikalische Höhenflüge, nicht die Eltern, nicht der Lehrer, nicht der Blockflötenschüler selber. Wenn man nicht gerade ein Wunderkind war, dann fiepste man jahrelang auf dem Instrument herum und wischte literweise Spucke aus dem Inneren. Ich war kein Wunderkind, aber ich fiepste und spuckte mit Inbrunst. Hauptsache, ich war Teil der wunderbaren Gemeinde von Musikmachern. Zudem liebte ich den Geschmack des Mundstücks, den Geruch von Holz und den der Schmiere, mit der man die beiden Flötenteile einrieb, damit sie sich aufeinandersetzen ließen.

Diese Sinneseindrücke kamen zurück, als ich nach Jahrzehnten der Blockflöten-Abstinenz – mir fehlte als Erwachsene der Mut, den Blockflötenverlachern meinerseits ins Gesicht zu lachen – auf dem Flohmarkt eine kaum benutzte Blockflöte fand. Nur einen Euro sollte sie kosten, was mich empörte, zeigte der Preis doch, wie gering dieses Instrument heute geschätzt wird.

Für weitere 50 Cent erwarb ich noch drei Notenheftlein dazu, deren vertrauter Anblick mein Herz hüpfen ließ: Die Mundorgel, Lieder aus Taizé, 100 Stücke für Blockflöte. Kaum waren die Kinder abwesend, holte ich das gute Stück aus seinem Versteck. Es roch, es schmeckte, es fühlte sich an wie früher. Meine Finger waren ziemlich steif, doch als ich mit Ein Mann, der sich Kolumbus nannt begann, bewegten sie sich von ganz allein auf den Blaslöchern.

Allerdings habe ich seitdem wenig Fortschritte gemacht – was an der häufigen Anwesenheit der Kinder liegen mag oder daran, dass kein Wunderkind eben auch keine Wundererwachsene wird. Ich bewege mich zwischen Bolle reiste jüngst zu Pfingsten und Herr deine Liebe oder, wenn es schmissiger sein soll, This Land Is Your Land und Laudato si. Oft spiele ich auch ohne Noten, erzeuge verträumte, anspruchslose Melodien. Mit der Flöte kam eine Leichtigkeit zurück, die lange verloren war.

Nach wie vor schätze ich auch den Geschmack des Mundstücks und das Ritual des Spucke-Auswischens. Es ist ein Akt, der mich erdet, wohnen ihm doch Selbstliebe (ich mag mich auch sabbernd) und Demut (der Mensch besteht zum größten Teil aus Wasser) inne. Am meisten aber gefällt mir das schräge Fiepsen, das manchen Tönen anhaftet. Wenn das hohe C sich wieder anhört wie ein Schaf bei der Schlachtung, dann weiß ich: Meine Flöte ist nicht nur Instrument, sondern Lehrmeisterin des Lebens. Sie zeigt mir, dass man auch einfach mal drauflospusten darf.