Man kann einer Rede des FDP-Vorsitzenden Christian Lindner kaum zuhören, ohne irgendwann an seinen verstorbenen Vorgänger Guido Westerwelle erinnert zu werden. Das liegt sicherlich an den wiederkehrenden liberalen Themen, der Entfesselung der Ökonomie, der Ermutigung des leistungsbereiten Individuums oder dem freiheitlichen Lebensgefühl, das helfen soll, den beklagenswerten Stillstand zu überwinden. Aber mehr noch kommt die Erinnerung von dem forcierten Gestus, dem hohen Ton der Avantgarde, als stünden der Redner und seine Partei exklusiv mit der Zukunft im Bunde. Wie einst Westerwelle, so verkündet heute sein Nachfolger Politik auf hohem Erregungslevel. Manchmal bekommt das rauschhafte Züge. Guido Westerwelle musste erfahren, wie gefährlich das werden kann.



Die beiden haben noch mehr gemeinsam. So wie Westerwelle Mitte der neunziger Jahre, muss heute Lindner die Partei aus einer existenziellen Krise führen. Auch der jetzige FDP-Chef ist am Beginn seines Rettungsprojektes noch so jung, dass ihm im Erfolgsfall eine große politische Karriere bevorsteht. Wie einst Westerwelle. Umgekehrt bedeutete Scheitern ein Scheitern auf ganzer Linie. Der Einsatz ist zu hoch, als dass sich nach einem Misserfolg die politische Laufbahn auf geringerem Niveau fortsetzen ließe.

Guido Westerwelle erreichte sein Ziel im Herbst 2009. Er erzielte mit der FDP das beste Ergebnis ihrer Geschichte und er brachte die Partei zurück an die Macht – bevor er, innerhalb eines Jahres, wie unter Zwang sein Lebenswerk zerstörte. Im Frühjahr 2011 wurde er als FDP-Vorsitzender gestürzt, im Herbst 2013 scheiterte die FDP bei der Bundestagswahl an der Fünfprozenthürde.

Christian Lindner ist seither damit beschäftigt, die Folgen dieses Desasters zu beheben. Immerhin, gegenüber Westerwelle hat er einen entscheidenden Vorteil. Er hat dessen Beispiel vor Augen.

Als Westerwelle 1994 FDP-Generalsekretär wurde, war er nicht nur bestürzt über die machtpolitische und intellektuelle Erosion seiner Partei, sondern zugleich euphorisiert vom heraufziehenden neoliberalen Zeitgeist. Wenn die Perspektive eines effizienten Staates, einer deregulierten Wirtschaft und einer leistungsorientierten Gesellschaft in die Zukunft wies, dann würde die "neue FDP" nicht nur ihre Krise überwinden, sondern zugleich ihren Status als bloße Funktionspartei. Unter dem provokativen Slogan vom "Ende der Gefälligkeitsdemokratie" trieb der junge Generalsekretär die Liberalen damals in eine Grundsatzdebatte, an deren Ende sie sich nicht nur ein neues Programm, sondern auch eine neue Rolle erkämpft hatte. Die FDP wurde zum Treiber der politischen Auseinandersetzung. Und für eine kurze Phase wurde Westerwelle zum Protagonisten einer Wende, deren Wirkung noch Jahre später bis in die rot-grünen Agenda-Reformen hinein wirksam war.

Wer so für sich wirbt, leidet nicht unter Selbstzweifeln

Lindner hat ein klarer umrissenes Ziel. Er will die Rückkehr in den Bundestag. Die Zäsur 2013 war so tief, dass sie gleichsam automatisch der Erneuerung Bahn brach. Die alte Garde trat ab, Lindner trat an die Spitze. Er und kein anderer trägt jetzt die Verantwortung. Auf den allfälligen Spott, die FDP verkomme zu einer One-Man-Show, reagiert er gereizt. Dabei genießt er sie. Wie sehr, das kann man an seinem neuesten Werbe-Clip erkennen. Er handelt von einem Politiker in der Arena endloser Wahlkämpfe, nicht von Politik, nur von ihm selbst und wie er seine Kampagne lebt. Markante Fotos in schnellen Schnitten: Lindner nachdenklich, Linder kämpferisch, Lindner sportlich, Lindner fertig. Aber immer stylish, blendend, gut aussehend. Wer so für sich wirbt, leidet nicht unter Selbstzweifeln. Er findet, dass er die Botschaft verkörpert. Ganz und gar authentisch nennt Lindner den Clip. So, genau so habe er sich im vergangenen Jahr während seiner 150.000 Kilometer langen Wahlkampftour gefühlt.

Anders als unter dem frühen Westerwelle hat sich die FDP nach ihrem Absturz 2013 keiner programmatischen Rosskur unterzogen. Ein breiter definierter Wirtschaftsliberalismus, die politische Vorkämpferrolle bei der Digitalisierung, Bildung als Schlüsselthema und, ein wenig zurückgenommen, der Klassiker Steuern und Abgaben. Mit spektakuläreren Inhalten geht Christian Lindner nicht hausieren. Nur wie er hausieren geht, ist spektakulär. Die Wahlkampfbühne hat er in einen Laufsteg verwandelt, er tänzelt zu seinen Pointen, er freut sich über den Zulauf. Die Leute sind fasziniert. Lindner bietet ihnen Politik als Entertainment.

Westerwelle musste zeit seines Lebens um Erfolg und Anerkennung kämpfen. Er fühlte sich notorisch missverstanden. Umso anfälliger war er für den Spott der politischen Konkurrenz und der Medien. Und umso zwanghafter versuchte er, sich immer aufs Neue zu beweisen. Je länger er kämpfen musste, desto verkrampfter wurde er.

Von solchen Zwängen scheint Lindner unbehelligt zu sein. Er ist ein Überflieger, einer, dem alles, was er anpackt, leicht von der Hand geht, der sich weder über mangelnden Erfolg noch über fehlende Anerkennung beklagen kann. Schon als Teenager machte er PR, damals noch in der Wirtschaft. Mit 21 Jahren zog er in den Düsseldorfer Landtag. Bei ihm sieht alles entspannt und spielerisch aus.

Auch Westerwelle wirkte nicht von Beginn an verbissen. Doch die Widerstände und Rückschläge brachten ihn aus der Spur. Wie im Wahljahr 2002. Drei Jahre Opposition hatte er hinter sich, mit Rot-Grün regierten die "Alt-68er", seine neue FDP war schon wieder out – also suchte er nach verrückteren Formen des politischen Marketings: Westerwelle im Big-Brother-Container, als Kanzlerkandidat, im Guidomobil, unterwegs auf den Zeltplätzen im Osten. Zusammen mit Jürgen Möllemann träumte er von einer "bürgerlichen Protestpartei", die den Gutmenschen und ihrem korrekten Gerede Paroli bieten und die Unzufriedenen mobilisieren sollte. Der Tabubruch wurde zur Methode, mit der sich die FDP an diejenigen heranmachte, die später Wutbürger genannt wurden.