Kann es sein, dass unsere Gesellschaft ihre Stärke vergisst, weil populistische Wirklichkeitsbehauptungen kaum merklich die Wahrnehmung verschoben haben?

Eine solche tektonische Verschiebung vollzieht sich gegenwärtig auf dem Feld der Energiepolitik, meint nun Claudia Kemfert. Ihre Stimme hat Gewicht: Die 48-jährige Kemfert war Beraterin der EU, ist Mitglied im Sachverständigenrat für Umweltfragen, parteilos, eine ausgewiesene Wissenschaftlerin am Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung in Berlin, ein unerschrockener Medienprofi zugleich. Sie gilt als die Expertin, so sehr, dass ein unfeiner User Kemferts wissenschaftliche Publikationsliste aus dem Wikipedia-Eintrag gelöscht hat. Der Aktivist nennt sich "Informationswiedergutmachung".

Kemfert greift an: Sie trägt die Diagnose einer gefährlichen Vergessenheit in ihrem neuen Buch im Kampfmodus vor: Das fossile Imperium schlägt zurück. Warum wir die Energiewende jetzt verteidigen müssen. Sie stellt dar, wie die alten industriellen Riesen und die neuen Oligarchen der fossilen und atomaren Energieversorgung jene demokratischen Volkswirtschaften lähmen, die sich auf die erneuerbaren Energien ausrichten.

Ihre These lautet: Es herrscht Krieg. Während in den Vereinigten Staaten der Oligarchenkönig Donald Trump die Reindustrialisierung Amerikas durch die Vorherrschaft des Ancien Régime aus Kohle, Öl und Atom sichern will, während Putins Russland seine Macht auf den Reichtum an Erdgas und Öl gründet, während die Emissionen alle Höchstwerte toppen und die sanftmütigen Ökologen noch immer entgeistert auf die mächtigen Leugner des Klimawandels starren – währenddessen ist die europäische, demokratische Energiewende in Gefahr.

Höchste Zeit, ruft Kemfert, selbst in den Kampf zu ziehen, mit Argumenten und Demonstrationen, in den Parlamenten und Institutionen, denn Aufschub verträgt die Energiewende nicht, weder ökonomisch noch im Blick auf die Glaubwürdigkeit Deutschlands in der Welt: weil es nach herkulischen Kraftanstrengungen nun Verträge, EU-Normen, internationale Abkommen gibt (Paris, Marrakesch, Klimaschutzplan und so fort). Und altmodisch ökologisch: weil die Energiequellen der atomarfossilen Welt der Schöpfung nicht zumutbar sind.

Kemferts Argument: Der Umbau war politisch verabredet, jetzt aber wissen die Marktakteure und Bürger nicht, woran sie sind. Eine Wirtschaft kann so nicht gedeihen. Denn Energie gleicht in modernen Gesellschaften dem Blut in den Adern. Die Ökonomin streitet deshalb für die Erneuerbaren als tragfähige Energiebasis, aber die Demokratin empört sich darüber, dass eine Vereinbarung nicht mehr wirksam sei, die Europas Stärke symbolisiere. Alle beklagen Europas Wanken. Aber diese europäische Errungenschaft ist wie vergessen.

Rückblende, wichtig zur historischen Vergewisserung, bei Kemfert Teil 1: Deutschland hat sich seit den späten neunziger Jahren, mit einem Rollback 2005, dann aber dezidiert seit 2011 regierungsverbindlich für die Ausrichtung der Volkswirtschaft auf erneuerbare Energien entschieden; diese Energiewende, die sich bis 2050 über Jahrzehnte erstrecken soll und auf einen Anteil von 80 Prozent Erneuerbaren zielt, wurde schnell zu einer deutschen Erfolgsgeschichte, schon heute wird ein Drittel des Stroms in den Haushalten aus Erneuerbaren gedeckt, und die Überproduktion reichte im Winter 2016/17 gar, um Strom nach Frankreich zu exportieren.

Die Gesellschaft, selbstbewusst, war der Politik anfangs um Nasenlängen voraus: Die bastelnden Bürger hatten längst begonnen, zur allseitigen Überraschung, sich durch Solarzellen auf dem Dach und Heizkraftwerke im Keller von der alten atomarfossilen Energiewelt zu verabschieden, als die Politik nach dem Reaktor-GAU von Fukushima neu an den gesetzlichen Rahmen zu schrauben begann.

Der Umbau der Energieversorgung stockt

Das deutsche Erneuerbare-Energien-Gesetz (EEG), das, staatlich eingehegt, Märkte für diese Quellen schaffen sollte, wurde da längst überall kopiert, ebenso wie das Wort "Energiewende" in den Sprachen der Welt. Alles schien gut unterwegs. Bis 2050 sollte es geschafft sein, einschließlich der Dekarbonisierung des Verkehrs, der verbesserten Energieeffizienz beim Heizen und Wohnen, insgesamt eine ansehnliche Arbeitsbeschaffung für den deutschen Mittelstand und für die Landwirtschaft, als lokale künftige Energieerzeuger. Guter Plan!

Dann kamen Terrorattacken, Brexit et cetera. Und das Jahrhundertprojekt verschwand in den Kulissen, zumal diskurstrainierte Intellektuelle sich zumeist wenig für Wärmespeicher, Bruttoendverbräuche, Netzausbau oder Abwrackprämien für Kohlekraftwerke interessierten oder wie sonst die neoskurrilen Austragungsfelder des Politischen von Industriegesellschaften im Bastelmodus heute heißen.

Ende der Rückblende. Und nun die Gegenwart.

Der Umbau der Energieversorgung stockt, beklagt Claudia Kemfert, der Ausbau ist gebremst, die Spielräume schließen sich. Es seien zu viele alte Kraftwerke am Netz und produzierten Überschüsse. Ein verbindlicher Kohleausstieg bis 2040 müsse her. Energieintensive Unternehmen profitierten vom billigen Strompreis, auf Kosten der Verbraucher. Die müssten fatalerweise die Kosten des Netzausbaus tragen wie auch die der Abwrackprämien, die auf den Strompreis draufgelegt werden, als müsse das sein, als habe der Staat nicht seinerzeit alle Kosten und Risiken der Atomindustrie auf seine Schultern genommen, um den Verbrauchern billigen Strom zu garantieren.

Die Bauart der Energiewende ist ja tatsächlich in ihren Subventionsmechanismen so vertrackt, dass, je billiger der Strom wird, desto höher die Kosten für die privaten Haushalte steigen, ausgerechnet – gerade weil das Überangebot an Strom den Preis an der Börse stark sinken ließ. Außerdem: Der Zugang zur Produktion von Erneuerbaren sei inzwischen viel zu eng, Bürger und ihre Genossenschaften würden ausgebremst, nur große Unternehmen und Finanzkartelle hätten da Marktchancen. Überall verzerrte Preise, ganz im Interesse der alten Monopolisten mit ihrer kraftvollen Lobbyarbeit.

Und kaum einer merkt es, siehe oben, dass unterdessen neue Mythen entstehen: Die Energiewende könne nicht klappen.

Diese Trugbilder, die nun selbst in Kemferts Bekanntenkreis auftauchten, empören die Wissenschaftlerin am meisten, die will sie abräumen, mit didaktischer Wucht, Fakten gegen Postfakten. Daraus besteht Teil 2 dieses Buchs, Beispiel: "Postfakt 4: Es drohen Blackouts", Engpässe in der Stromversorgung also, dagegen dann Kemfert: "Fakt: Das deutsche Stromnetz ist das sicherste weltweit. Eine Überlastung der Netze droht nicht durch erneuerbare Energien, sondern durch die großen Mengen konventioneller Energie, die trotz aller Klimaziele nach wie vor eingespeist werden, zwei von drei neuen Trassen dienen dem Transport von Kohlestrom. Gefahr für die Energiesicherheit droht allerdings durch die Abhängigkeit von Kohle, Gas- und Ölstaaten, aus der wir uns durch einen zügigen Ausbau der Erneuerbaren lösen können."

Analog bei "Postfakt 5: Die Energiewende lässt die Strompreise explodieren" oder "Postfakt 10: Mit seinem Alleingang isoliert sich Deutschland". Die Postfakten alle je fett gedruckt, darauf ebenso gefettet Kemferts Widerspruch, sodann Seite um Seite Belege, Begründungen. Hier kämpft eine Wissenschaftlerin entschlossen um jeden Meter Terrain ihrer Arbeit.

Wäre da nicht das leidige Problem mit der Tatsächlichkeit, das auch vor Claudia Kemferts Expertenwerk natürlich nicht haltmacht. Mag sie noch so entschlossen zwischen Postfakt und Fakt unterscheiden, unumstritten sind auch ihre Fakten nicht. Auch angesehene Vorkämpfer der Energiewende teilen manche Befunde nicht. Felix Matthes etwa, energiepolitischer Experte am Berliner Öko-Institut: Der Kohleausstieg müsse sein, entgegnet er, doch der Netzausbau diene nicht dem Transport des überschüssigen Kohlestroms, er sei vielmehr notwendig, um den Strom aus Erneuerbaren von der Küste in den Süden zu schaffen. Ein dezentrales, digitales Stromsystem, wie es Kemfert vorschwebt, sei nicht realistisch. Expertenstreit.

Das aber wäre dann Politik: der offene, verständliche Disput um den Weg. Der hohe Strompreis ist der heißeste Streitgegenstand, der Netzausbau, die Speichertechniken: fast ebenso heiß. Man möchte tief Luft holen: Ist es denkbar, dass eine Gesellschaft, die mit ihrem Staat erprobtermaßen handlungsfähig ist wie kaum eine andere auf der Welt, die Energiewende verspielt? Sie muss im Wahlkampf neu zum Politikum werden, damit die Gesellschaft entscheiden kann, wie das Blut zirkulieren soll, das den Kreislauf erhält.

Sonst entscheiden halt andere.

Claudia Kemfert: Das fossile Imperium schlägt zurück. Murmann Verlag, Hamburg 2017; 132 S., 14,90 €, als E-Book 10,99 €