Das deutsche Erneuerbare-Energien-Gesetz (EEG), das, staatlich eingehegt, Märkte für diese Quellen schaffen sollte, wurde da längst überall kopiert, ebenso wie das Wort "Energiewende" in den Sprachen der Welt. Alles schien gut unterwegs. Bis 2050 sollte es geschafft sein, einschließlich der Dekarbonisierung des Verkehrs, der verbesserten Energieeffizienz beim Heizen und Wohnen, insgesamt eine ansehnliche Arbeitsbeschaffung für den deutschen Mittelstand und für die Landwirtschaft, als lokale künftige Energieerzeuger. Guter Plan!

Dann kamen Terrorattacken, Brexit et cetera. Und das Jahrhundertprojekt verschwand in den Kulissen, zumal diskurstrainierte Intellektuelle sich zumeist wenig für Wärmespeicher, Bruttoendverbräuche, Netzausbau oder Abwrackprämien für Kohlekraftwerke interessierten oder wie sonst die neoskurrilen Austragungsfelder des Politischen von Industriegesellschaften im Bastelmodus heute heißen.

Ende der Rückblende. Und nun die Gegenwart.

Der Umbau der Energieversorgung stockt, beklagt Claudia Kemfert, der Ausbau ist gebremst, die Spielräume schließen sich. Es seien zu viele alte Kraftwerke am Netz und produzierten Überschüsse. Ein verbindlicher Kohleausstieg bis 2040 müsse her. Energieintensive Unternehmen profitierten vom billigen Strompreis, auf Kosten der Verbraucher. Die müssten fatalerweise die Kosten des Netzausbaus tragen wie auch die der Abwrackprämien, die auf den Strompreis draufgelegt werden, als müsse das sein, als habe der Staat nicht seinerzeit alle Kosten und Risiken der Atomindustrie auf seine Schultern genommen, um den Verbrauchern billigen Strom zu garantieren.

Die Bauart der Energiewende ist ja tatsächlich in ihren Subventionsmechanismen so vertrackt, dass, je billiger der Strom wird, desto höher die Kosten für die privaten Haushalte steigen, ausgerechnet – gerade weil das Überangebot an Strom den Preis an der Börse stark sinken ließ. Außerdem: Der Zugang zur Produktion von Erneuerbaren sei inzwischen viel zu eng, Bürger und ihre Genossenschaften würden ausgebremst, nur große Unternehmen und Finanzkartelle hätten da Marktchancen. Überall verzerrte Preise, ganz im Interesse der alten Monopolisten mit ihrer kraftvollen Lobbyarbeit.

Und kaum einer merkt es, siehe oben, dass unterdessen neue Mythen entstehen: Die Energiewende könne nicht klappen.

Diese Trugbilder, die nun selbst in Kemferts Bekanntenkreis auftauchten, empören die Wissenschaftlerin am meisten, die will sie abräumen, mit didaktischer Wucht, Fakten gegen Postfakten. Daraus besteht Teil 2 dieses Buchs, Beispiel: "Postfakt 4: Es drohen Blackouts", Engpässe in der Stromversorgung also, dagegen dann Kemfert: "Fakt: Das deutsche Stromnetz ist das sicherste weltweit. Eine Überlastung der Netze droht nicht durch erneuerbare Energien, sondern durch die großen Mengen konventioneller Energie, die trotz aller Klimaziele nach wie vor eingespeist werden, zwei von drei neuen Trassen dienen dem Transport von Kohlestrom. Gefahr für die Energiesicherheit droht allerdings durch die Abhängigkeit von Kohle, Gas- und Ölstaaten, aus der wir uns durch einen zügigen Ausbau der Erneuerbaren lösen können."

Analog bei "Postfakt 5: Die Energiewende lässt die Strompreise explodieren" oder "Postfakt 10: Mit seinem Alleingang isoliert sich Deutschland". Die Postfakten alle je fett gedruckt, darauf ebenso gefettet Kemferts Widerspruch, sodann Seite um Seite Belege, Begründungen. Hier kämpft eine Wissenschaftlerin entschlossen um jeden Meter Terrain ihrer Arbeit.

Wäre da nicht das leidige Problem mit der Tatsächlichkeit, das auch vor Claudia Kemferts Expertenwerk natürlich nicht haltmacht. Mag sie noch so entschlossen zwischen Postfakt und Fakt unterscheiden, unumstritten sind auch ihre Fakten nicht. Auch angesehene Vorkämpfer der Energiewende teilen manche Befunde nicht. Felix Matthes etwa, energiepolitischer Experte am Berliner Öko-Institut: Der Kohleausstieg müsse sein, entgegnet er, doch der Netzausbau diene nicht dem Transport des überschüssigen Kohlestroms, er sei vielmehr notwendig, um den Strom aus Erneuerbaren von der Küste in den Süden zu schaffen. Ein dezentrales, digitales Stromsystem, wie es Kemfert vorschwebt, sei nicht realistisch. Expertenstreit.

Das aber wäre dann Politik: der offene, verständliche Disput um den Weg. Der hohe Strompreis ist der heißeste Streitgegenstand, der Netzausbau, die Speichertechniken: fast ebenso heiß. Man möchte tief Luft holen: Ist es denkbar, dass eine Gesellschaft, die mit ihrem Staat erprobtermaßen handlungsfähig ist wie kaum eine andere auf der Welt, die Energiewende verspielt? Sie muss im Wahlkampf neu zum Politikum werden, damit die Gesellschaft entscheiden kann, wie das Blut zirkulieren soll, das den Kreislauf erhält.

Sonst entscheiden halt andere.

Claudia Kemfert: Das fossile Imperium schlägt zurück. Murmann Verlag, Hamburg 2017; 132 S., 14,90 €, als E-Book 10,99 €