Es gab in den achtziger Jahren einen tollen Zusammenschluss von Künstlern, die "Lord Jim Loge". Deren prominenteste Mitglieder waren Martin Kippenberger und Albert Oehlen, das Motto war "Keiner hilft Keinem", das gedruckte Zentralorgan hieß Sonne Busen Hammer. Der bescheidene Daseinszweck der Loge war, das Sonne Busen Hammer - Logo bekannter zu machen als den Schriftzug von Coca-Cola. Und auch wenn Kippenbergers genialer Vorschlag, dieses Ziel durch die Einrichtung eines weltweiten Sonne Busen Hammer - U-Bahn-Netzes zu erreichen, bei geringeren technischen und finanziellen Schwierigkeiten gewiss zum Erfolg geführt hätte – so war das Vorhaben am Ende natürlich bloß größenwahnsinnig gemeint, ein Witz. Größer als Coca-Cola werden kann man nicht, das weiß doch jeder.

Sie reisen durch Usbekistan. Nach achtstündiger Buckelfahrt stolpern Sie in einem Weiler mit staubbelegter Zunge aus dem Minibus. Sie sind geplagt von furchtbarem Durst. Leitungswasser sollte man hier nicht trinken. Aber da, im Dreck, ein Kiosk! Vertraut darauf die Schnörkel, weiß auf rot: Coca-Cola. Sie wissen: Coca-Cola kann man überall ohne Bedenken trinken.

Einmal war ich auf einer sehr abgelegenen Insel vor Mosambik. Zu einer Dorfhochzeit schlürften die greisen Obersten bei Feuerschein und Trommelmusik langsam, vorsichtig und voller Genuss – Coca-Cola. Jeder eine kleine schöne Flasche. Wenn Ihnen jemand sagt: Coca-Cola können Sie hier nicht kaufen, dann müssen Sie gerade auf dem Mond sein – oder in Nordkorea. Coca-Cola ist das Universalste, was wir auf der Welt haben. Coca-Cola ist größer als Jesus.

Doch nichts, Menschenbrüder, bleibet, wie es war. Einmal mehr wird der Horizont weggewischt und versinkt jede Gewissheit im Mahlstrom der Zeit. Coca-Cola taumelt, wankt, ist angeschlagen. Der Umsatz des Unternehmens, so musste die Weltöffentlichkeit kürzlich erfahren, sank in diesem Quartal das achte Mal in Folge. Der Profit brach gar um 20 Prozent ein! Das Unternehmen muss reagieren und will nun "schlank" werden. Wir wissen, was das heißt: Entlassungen. 800 Millionen Dollar sollen eingespart werden. Das bedeutet, es werden zunächst 1.200 Stellen gestrichen. Nun muss man, bei allem Mitgefühl mit den Entlassenen, durchaus zugeben: Das ist irgendwie auch nicht schlimm. Selbst Menschen, die gerne Coca-Cola trinken, wissen: Coca-Cola ist nicht gut. Coca-Cola ist ein ruchloser Konzern, der die Unterschichten dieser Welt krank macht. Wenn man nur Coca-Cola trinkt, dann fallen einem die Zähne aus, und man wird ein fetter Diabetiker.

Coca-Cola weiß das natürlich selbst und setzt vermehrt auf zuckerfreie, süßstoffgesättigte Versionen. Offenbar mit mäßigem Erfolg. Der Konzern leidet genau wie seine industrielle Konkurrenz an dem berechtigt erwachenden Wunsch der Menschen, gesund zu leben. Die Leute trinken jetzt mehr Wasser, Smoothies und Tee. Coca-Cola ist nicht mehr zeitgemäß. So ist das einerseits.

Auf der anderen Seite ahnt man, dass das allmähliche Verschwinden der Marke ein unerhörtes Loch in das Weltgespinst reißen wird. Das bloße Vorhandensein des Zeugs an allen Ecken und Enden der Welt bedeutet auch, dass alles mit allem verbunden ist, dass man überall etwas Vertrautes finden wird. Mit dem Verblassen dieser globalen Marke verblasst ein Code, eine Lingua franca des 20. Jahrhunderts, die zunächst einmal ohne Ersatz scheint. Denn in der großen Weiße, die auf das Verblassen folgt, dämmert keine neue Ordnung, sondern es blüht das Chaos neuer und alter Zeichen, die keiner Hierarchie mehr unterstehen. Google-Logo, IS-Flagge, Wallstreet-Stier, Putin-Ikone, keines dieser Symbole erscheint ansatzweise so bekannt und verlässlich. Sie wissen schon, wie das gemeint ist.

Die Wahrheit ist, dass wir, die selbstkritisch erzogenen Kinder des Westens, Coca-Cola als Emblem unserer kapitalistischen Kultur zwar wenig Liebe entgegenbringen, dass diese schöne geschwungene Flasche, der schöne verschlungene Schriftzug zugleich aber so etwas waren wie das Siegel einer Ordnung, die uns vertraut und zumindest in dieser Hinsicht lieb war. Der Untergang von Coca-Cola geht einher mit dem Ende des amerikanischen Jahrhunderts, das wir vielleicht in der gleichen Weise vermissen werden wie Kinder die eigenen, nervigen Eltern dann, wenn die das Zeitliche gesegnet haben.

Denn: Wer weiß, wer danach Herr im Haus sein wird.