Nun fing also im Angesicht all der Krisen die Ära eines neuen politischen Bewusstseins an. Als in jenen Morgenstunden immer klarer wurde, dass nicht die Demokratin Hillary Clinton gewählt worden war, sondern ein Milliardär ohne Umgangsformen, politisches Programm und vor allem ohne jegliche Erfahrung. Die Verletzlichkeit unserer seit Jahrzehnten als gottgegeben angenommenen demokratischen Nachkriegsordnung wurde einem da wie durch einen Schlag auf den Hinterkopf bewusst. Dieser Schlag hat offenbar bei vielen unmissverständlich die Einsicht hervorgebracht, dass bloßes Hoffen nicht mehr reicht, sondern dass man wieder etwas tun muss. So ist eine neue Ernsthaftigkeit ausgebrochen.

Die Ernsthaftigkeit, mit der auch die Franzosen am vergangenen Wochenende ziemlich eindeutig für Emmanuel Macron, für Europa und gegen Marine Le Pens rechtspopulistischen Front National gestimmt haben. Sie ist ein noch recht junges Phänomen und hat wahrscheinlich nach der Wahl Donald Trumps jede aufgeklärte Seele zunächst wie ein Schock erreicht.

Man muss wieder für all das kämpfen, was man selber ist, selber sein wollte: Meinungsfreiheit, Gleichberechtigung, Teilhabe, Toleranz, Inklusion, Minderheitenschutz, soziale Gerechtigkeit. Nicht nur auf Twitter, nicht nur auf Facebook. Sondern im normalen, beinahe anachronistisch analogen Leben.

Seither haben auch die Österreicher gegen die rechtspopulistische FPÖ gestimmt, und die Niederländer haben Geert Wilders die kalte Schulter gezeigt. Es geht ein Ruck durch Europa. Auch wenn Martin Schulz nicht Barack Obama ist: Dass im Anschluss an seine Nominierung zum Kanzlerkandidaten so viele junge Menschen wie schon lange nicht mehr in die SPD eingetreten sind, ist mehr als nur ein Hoffnungszeichen. Überall fanden und finden wieder Demonstrationen für die gute Sache statt und nicht mehr nur im Namen von Pegida, AfD und irgendwelchen anderen sektiererischen Montagswachen mit Aluhüten.

Man kann diese neue Ernsthaftigkeit allerorten finden: Viele Zeitungen und Zeitschriften titeln wieder verstärkt politische Themen auf der Seite eins. Auf der Bestsellerliste finden sich Sachbücher wie Die Getriebenen von Robin Alexander über die Flüchtlingskrise oder Roger Willemsens nachdenklicher Essay Wer wir waren. Und auch im Privatleben hat sich viel geändert. Die Kinder bringen öfter als früher weltbewegende Themen von der Schule mit nach Hause. An den Abendbrottischen brechen in den Familien scheinbar wie aus dem Nichts kontroverse Diskussionen aus, kommt es mitunter auch zum Streit, der sich nicht mehr so einfach wie früher beschwichtigen lässt. In Wahrheit werden politische Zugehörigkeiten neu ausgelotet und hart verhandelt: Wo stehst du? Wer bist du?

Diese Fragen gehören wieder zusammen. Dass in so einem Moment der Innenminister Thomas de Maizière eine Debatte über die Leitkultur initiieren möchte, ist daher richtig. Unser Land muss wieder beginnen, sich zu fragen, wer wir sind und wer wir sein wollen.

Wir haben politisches Engagement lange kritisch beäugt. Wir haben in der Vergangenheit mehr als einmal den jungen Leuten bescheinigt, sie wären so unpolitisch wie kaum eine Generation zuvor. Und auch jetzt wird es nicht wenige geben, die glauben, man müsse nur reichlich zuwarten, bis die anderen wieder der Mut verlässt und sie in die alte, aber vertraute Passivität zurücksinken – anstatt ihnen Mut zu machen. Hatten es sich viele von uns nicht selbst in dieser postpolitischen Realität bequem gemacht? Aber spricht man anderen Mut zu, färbt das auf einen selber ab. Denn nicht nur das Gefühl, etwas tun zu können, kann erhaben sein, sondern auch das Erlebnis, einer Gruppe, einer Gemeinschaft anzugehören, kann mitunter Flügel verleihen. War nicht gerade das in der etwas apolitischen Demokratie, wie wir sie kannten, abhandengekommen und auf nichts weiter als den einsamen Gang zur Wahlurne reduziert worden?

Die Wahlergebnisse in den europäischen Nachbarländern mögen auf den ersten Blick also beruhigend sein. Das Schlimmste ist erst einmal abgewendet, Europa wird nicht zerbrechen. Der Brexit hat nicht Schule gemacht. Aber das Ganze birgt auch eine Gefahr: Die neue Ernsthaftigkeit darf nun nicht schon wieder einer neuen Erleichterung weichen. Das wiedererwachte politische Bewusstsein, das noch so jung ist, muss am Leben gehalten werden und vor allem mehr tun, als nur einen Status quo ante zu fordern. Denn in jener postpolitischen Apathie, in der sich Parteien wie Wähler eingerichtet hatten, waren doch die Rechtspopulisten eben erst entstanden. Oder anders gesagt: waren sie eben erst so mächtig geworden.

Ein Zurück in jenes Europa, das wir eben noch kannten, das aber von vielen Seiten so hart angegriffen und infrage gestellt wurde, gibt es nicht mehr. Nun fängt im Angesicht all der Krisen die Ära eines neuen politischen Bewusstseins an. Unsere Krisen waren also doch – und zynisch ist das nicht gemeint – zu etwas nutze. Die Auseinandersetzungen gehen weiter, sie müssen weitergehen. Wir müssen sie führen. Um unser selbst willen.