Am liebsten mag er die Stille, sagt David Moufang, denn in den Clubs, in denen er auflegt, ist es ja immer so laut. Er steht gerne auf einer Anhöhe über seiner Heimatstadt Heidelberg und lauscht dem Summen der Bienen und dem Geräusch des Verkehrs. Unter einem Apfelbaum steht er nun dort und berichtet von seinem musikalischen Schaffen. Er redet über die Inspiration durch Astrophysik und das Spirituelle, als Kind wollte er Raumfahrer werden. Stattdessen ist er nun DJ. Er erzählt von seinen Lieblingsklängen und von den Orten, an denen man diese Klänge am besten hört. Zum Beispiel auf der Scheffelterrasse am Heidelberger Schloss, "wo die Bögen wie Parabolspiegel wirken und die Akustik der Stadt einsammeln". Wo immer er spaziere, sagt Moufang, spazieren die Ohren; in seiner Kunst gehe es ihm vor allem darum, das Gehör zu schärfen und empfindsam zu machen.

Hätte man das als Arbeitsbeschreibung von einem Techno-DJ erwartet? Es ist keineswegs die einzige überraschende Stelle in Denk ich an Deutschland in der Nacht. David Moufang, der unter dem Namen Move D musiziert, ist einer von fünf DJs, die Romuald Karmakar in seinem neuen Kinofilm porträtiert. Daraus ergibt sich ein eklektisches, aber äußerst erhellendes und auch berührendes Bild der aktuellen Techno-Szene in Deutschland. Der Star-DJ und Produzent Ricardo Villalobos sitzt in seinem riesigen, bis unter die Decke mit elektronischen Instrumenten vollgestapelten Studio und hört sich mit seinem Interviewpartner alte Schallplatten an; der Frankfurter Labelbetreiber Ata blickt auf seinem heimischen Sofa auf die Entwicklung von Techno und House in den letzten Jahrzehnten zurück ("es gab nie so viele gute Musik wie heute, aber es war auch noch nie so schwierig, halbwegs den Überblick zu behalten"); sein Kollege Roman Flügel sinniert über die Verletzlichkeit von Clubnächten; die frankoschweizerische DJ Sonja Moonear – zehn Jahre jünger als die vier um 1970 herum geborenen Männer – schwärmt von der gemeinschaftsstiftenden Kraft der Techno-Kultur.

Romuald Karmakar ist seit Anfang der neunziger Jahre vor allem mit seinen minimalistischen Spielfilmen bekannt geworden. In Der Totmacher inszenierte er 1995 Götz George in der Rolle des Serienmörders Fritz Haarmann; in Das Himmler-Projekt ließ er 2000 Manfred Zapatka eine Rede Heinrich Himmlers rezitieren; in Die Nacht singt ihre Lieder betrachtete er 2004 mit kaltem Blick das Ende einer Liebesbeziehung. Doch hat er in dieser Zeit auch ein umfangreiches dokumentarisches Werk produziert, darunter drei Filme, die sich mit der – wiederum vom Minimalismus geprägten – Techno-Kultur befassen. So blickte er in 196 bpm in jeweils ununterbrochenen Einstellungen auf Orte am Rande der Berliner Love-Parade, in Between the Devil and the Wide Blue Sea porträtierte er in langen Plansequenzen diverse DJs und Produzenten bei ihrer Tätigkeit.

Kino - "Denk ich an Deutschland in der Nacht" (Trailer) © Foto: Rapid Eye Movies

Das wirkte in seiner konzeptuellen Strenge originell, litt aber gelegentlich unter Eintönigkeit. Denk ich an Deutschland in der Nacht ist nicht weniger reflektiert, aber durch die Montage von Gesprächs- und Tanzflächensequenzen bei Weitem kurzweiliger geraten. Die ästhetisch interessantesten Stellen des Films sind gleichwohl immer noch jene, in denen Karmakar die DJs beim Auflegen zeigt: Roman Flügel im Offenbacher Club Robert Johnson oder Ata in der Antifa-Techno-Kommune ://about blank am Berliner Ostkreuz. Die Kamera fixiert unbewegt die Akteure hinter ihren Geräten, während die tanzende Menge nur schemenhaft zu erkennen ist; unaufhörlich wechselt der Ton zwischen dem Raumklang und jenen Geräuschen, die aus den Kopfhörern der DJs kommen. Während die Tänzerinnen und Tänzer sich zu einer wogenden Menge zusammenfinden, ist der Kopfhörersound von stotternden Beats und zerhackten Geräuschen geprägt – wie es eben klingt, wenn man auf einer Schallplatte nach der richtigen Stelle, dem passenden Moment für den geschmeidigsten Übergang zum nächsten Stück sucht.

Interessant ist diese Spaltung des Klangs aber nicht nur, weil sie in das sonst verborgene Handwerk des DJ-tums einweiht. Auch verleiht sie den Menschen hinter den Pulten eine unerwartete Aura von Einsamkeit und Melancholie. Nichts scheint sie von der Ekstase derjenigen zu erreichen, die sich in den Fluss ihrer Beats fallen lassen; zu groß ist die Anstrengung, die der DJ aufbringen muss, um diesen Fluss nicht versiegen zu lassen.

Die Figur der Spaltung beherrscht den Film generell. Einerseits geht es in ihm um das Glück, das man in einer gelungenen Clubnacht erfährt; andererseits geht es um dessen Fragilität und Bedrohung. Das Glück ist gefährdet in jeder einzelnen Nacht – nicht immer lassen sich die Menschen schließlich von dem ergreifen, was am Pult für sie abgespielt wird. Gefährdet ist aber vor allem die Welt, in der das Glück solcher Nächte überhaupt möglich ist. Roman Flügel erzählt, wie er in Paris aufgelegt hat am Abend nach dem Anschlag auf Charlie Hebdo. Sonderbar euphorisch sei die Stimmung gewesen, als wollten die Menschen sich aus Trotz in Ekstase tanzen und um zu vergessen. Das Unbehagen, das er damals empfand, sei bei seiner Arbeit nie wieder aus ihm gewichen.

"Ein Club ist als solcher ja sehr verletzlich", sagt er, "weil er dazu da ist, dass man aus seinem normalen Leben ausbricht." Darin liegt das utopische Versprechen der Clubkultur: Sie will Orte der Freiheit und Sicherheit schenken; Orte, an denen die Regeln des Alltags nicht gelten; Orte, "an denen man loslassen kann – und wenn man sich dort nicht mehr sicher fühlt, dann wird das auf Dauer etwas verändern". Vielleicht, sagt Roman Flügel, könne man jetzt erst, im Zustand der aktuellen Bedrohung, begreifen, welche Freiheit das Tanzen im Club einem schenkt. Und er hoffe so sehr, dass wir das Geschenk dieser flüchtigen Freiheit eines Tages wieder ohne Angst genießen können.