Eigentlich ist die IBU-tec ein Unternehmen, wie es hierzulande Tausende gibt. Ein Nischenplayer und hidden champion. Zweistelliger Millionenumsatz, dreistellige Mitarbeiterzahl, notorisch profitabel. Dann aber kam der 30. März 2017, und aus einem x-beliebigen Unternehmen wurde über Nacht ein, nun ja: Exot. Oder wie soll man einen deutschen Mittelständler sonst nennen, der sich an die Börse wagt?

Vertraut man den gängigen Klischees, dann sind der Mittelstand und der Kapitalmarkt streng voneinander separierte Welten – zumindest in Deutschland. Hier die besonnen wirtschaftenden Familienunternehmen, dort die von renditehungrigen Investoren getriebenen Aktiengesellschaften. Überschneiden sich die beiden Welten doch einmal, endet das Ganze gern im Desaster. Jüngstes Beispiel ist der Markt für Mittelstandsanleihen. Mit großen Hoffnungen war das neue Börsensegment vor ein paar Jahren gestartet. Mittlerweile reiht sich dort Pleite an Pleite.

Warum also startet die Deutsche Börse nun den nächsten Anlauf, kleine und mittlere Unternehmen auf ihre Plattform zu locken? Haben die IBU-tecs dieser Republik nicht genug andere Möglichkeiten, an frisches Kapital zu kommen?

Anfang März ist der "Scale" genannte neue Börsenbereich gestartet. Es handelt sich dabei um einen Zwitter aus Mittelstands- und Wachstumssegment: Die neue Plattform soll nicht als dröge Old-Economy-Veranstaltung daherkommen, zugleich soll sie aber auch kein Segment für gehypte Start-ups sein. Letzteres hatte man unter dem Namen Neuer Markt zur Jahrtausendwende ja schon mal.

Renata Bandov ist bei der Deutschen Börse dafür verantwortlich, neue Emittenten zu gewinnen – also für Firmen wie IBU-tec. Wer aber nun glaubt, sie würde das neue Segment lautstark anpreisen, täuscht sich. "Wir wissen, dass die Aktienkultur in Deutschland entwicklungsfähig ist", sagt sie zum Beispiel. Und: "Wir sind uns bewusst, dass so ein neues Segment erst einmal kritisch betrachtet wird." Dahinter steht offenkundig die Furcht, ein Desaster wie am Neuen Markt oder bei den Mittelstandsanleihen könnte sich wiederholen.

Um das zu verhindern, hat die Deutsche Börse die Einstiegshürden vergleichsweise hoch gelegt: Unternehmen, die sich in Scale listen lassen wollen, müssen bestimmte Kriterien zumindest mehrheitlich erfüllen. Dazu gehören für etablierte Mittelständler ein Mindestumsatz von zehn Millionen Euro und nachhaltige Profitabilität, während Start-ups unter anderem nachweisen müssen, dass sie mehr als 20 Mitarbeiter und bei Frühinvestoren zumindest schon einmal fünf Millionen Euro eingesammelt haben. Kurz gesagt, so Bandov: "Es geht um erprobte Geschäftsmodelle." Das erklärt, warum aus dem früheren Einstiegssegment, dem Deutsche Börse Entry Standard, zunächst nur 41 Unternehmen den Sprung auf Scale geschafft haben und warum besagte IBU-tec nach zweieinhalb Monaten der einzige echte Neuling ist.

Der schleppende Beginn hat nicht nur mit der Erfahrung des Neuen Marktes zu tun. Generell ist Deutschland, verglichen mit den angelsächsischen Ländern, in Sachen Börse ja immer noch eine Art Schwellenland. Überlegt man, welche aufsehenerregenden Börsengänge es hierzulande nach der Economy-Blase gegeben hat, dann fallen einem die beiden Samwer-Firmen Zalando und Rocket Internet ein. Und sonst?

Obwohl der Dax kürzlich ein neues Rekordhoch erreicht hat, entspricht die Marktkapitalisierung sämtlicher börsennotierter deutscher Unternehmen nicht mal der Hälfte des deutschen Bruttoinlandsprodukts. In den USA ist das Verhältnis quasi umgekehrt: Weil sich dort viel mehr Unternehmen an der Börse listen lassen, sind die Aktien anderthalb mal so viel wert, wie die Wirtschaft im Jahr produziert.

Nun war es immer schon so, dass sich angelsächsische Unternehmen eher über den Kapitalmarkt, deutsche Firmen dagegen über Banken finanzieren. Bloß: Von den Banken kommt ja in erster Linie Fremdkapital. Was aber ist mit Eigenkapital? Laut der staatlichen Förderbank KfW ist die durchschnittliche Eigenfinanzierung deutscher Mittelständler zwischen 2002 und 2015 im Schnitt von rund 18 auf rund 30 Prozent gestiegen. Das ist ein enormer Zuwachs. Dieses Eigenkapital stammt selten von der Börse. "Die verbreitetste Form der Eigenkapitalstärkung ist nach wie vor, Gewinne einzubehalten", sagt der Finanzierungsexperte Peter Barkow von Barkow Consulting. In der Tat gaben 2014 bei einer KfW-Umfrage drei von vier Mittelständlern zu Protokoll, die sogenannte Innenfinanzierung sei ihre wichtigste Finanzierungsquelle – noch vor Bankkrediten.