Ein ewiger Krieg. Endlos zieht er sich hin – geschürt von religiösem Fanatismus, vom Ehrgeiz einzelner Machthaber, von der Furcht vor Fremdherrschaft und wechselseitigem Argwohn. Nach und nach sind sämtliche benachbarten Mächte in den Sog der Gewalt geraten. Waffenstillstände unterbrechen dann und wann das Kampfgeschehen, doch sie scheitern allesamt. Unfassbares Leid bringt dieser Krieg, Abertausende Flüchtlinge treibt er vor sich her. Nein, nicht von Syrien ist die Rede, sondern vom Dreißigjährigen Krieg, der die deutschen Lande im frühen 17. Jahrhundert in das Schlachthaus Europas verwandelte.

Hier, im Herzen des Kontinents, überschnitten sich die Interessen fast aller wichtigen Akteure des internationalen Mächtesystems. Die Franzosen, die Habsburger, die Schweden, die Osmanen, ja sogar die Engländer betrachteten die Region als entscheidend für ihre Sicherheit. Im politisch fragmentierten Reich rangen der Kaiser, die Fürsten und die Städte um Einfluss – ein Konkurrenzkampf, der durch tief greifende religiöse Spaltungen noch verschärft und verkompliziert wurde. Diese Instabilität des Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation strahlte auf ganz Europa aus und provozierte eine militärische Intervention nach der anderen.

So wie der Dreißigjährige Krieg zwischen 1618 und 1648 aus einer Reihe eigenständiger, aber miteinander verschränkter Auseinandersetzungen bestand, umfasst auch der jüngste Konflikt im Nahen Osten mehr als nur eine Kampfzone. Da ist der Dauerkonflikt um die israelisch besetzten Gebiete, da ist das Ringen im Libanon. Drei Golfkriege hat die Region erlebt – den iranisch-irakischen 1980 bis 1988, den Kuwaitkrieg 1990/91 und schließlich den Angriff auf den Irak 2003 unter amerikanischer Führung. Die derzeitigen Konflikte im Irak, in Syrien und im Jemen sind nur die neuesten kriegerischen Auseinandersetzungen, und wie der Dreißigjährige Krieg sind sie von konfessionellem Streit und der Einmischung benachbarter, aber auch weiter entfernter Staaten bestimmt.

Die Parallelen sind nicht zu übersehen; viele haben auf sie hingewiesen. Und immer wieder wird auch an den Westfälischen Frieden von Münster und Osnabrück erinnert, der den Dreißigjährigen Krieg 1648 beendete. Meist heißt es dann, die jüngsten Ereignisse hätten das teilweise Scheitern jener Vorstellungen von staatlicher Souveränität mit sich gebracht, die mit dem Friedensschluss ins Leben gerufen worden seien.

Dieser Lesart möchten wir widersprechen, denn sie beruht nur bedingt auf historischen Tatsachen. Keineswegs war es die Herstellung moderner "staatlicher Souveränität", die den Kern der damaligen Friedensbemühungen ausmachte. Im Gegenteil: Das Streben der Einzelterritorien nach souveräner Machtausübung stand in gewisser Hinsicht eher am Beginn des Konflikts als an seinem Ende. Um die Lektionen zu verstehen, die der Dreißigjährige Krieg für unsere Gegenwart bereithält, gilt es daher, die wahre Geschichte des Westfälischen Friedens zu rekonstruieren.

I. Wessen Land, dessen Religion: Der Dreißigjährige Krieg und die Vorgeschichte

Nach der Reformation 1517 teilte sich das Heilige Römische Reich in katholische und protestantische Gebiete auf. Religiös homogene Territorien entstanden dadurch allerdings nicht. Die Glaubensgemeinschaften waren – wie heute im Nahen Osten – grenzüberschreitend. Viele Landesherren versuchten umso unerbittlicher, eine einheitliche Glaubenslehre in ihrem Herrschaftsbereich durchzusetzen. Zudem wuchs die Konkurrenz zwischen den Territorialstaaten und damit auch die Bereitschaft der Herrscher, zugunsten von Glaubensgenossen, die unter andersgläubigen Fürsten lebten, zu intervenieren: eine weitere Parallele zum Nahen Osten von heute.

Nach einer Reihe von Kriegen im Gefolge der Reformation schloss der Reichstag zu Augsburg 1555 einen Religionsfrieden. Zum ersten Mal wurde darin anerkannt, dass es eines rechtlich-politischen Rahmens bedarf, um das konfessionelle Zusammenleben zu regeln; die Debatte über die theologische Wahrheit trat so in den Hintergrund. Konfessionelle Fragen galten fortan als innenpolitische Angelegenheit der jeweiligen unverletzlichen Reichsstände. Dies sollte interventionistischen Gelüsten den Boden entziehen. So heißt es im Augsburger Reichsabschied von 1555: "Es soll auch kein Stand den andern noch desselben Unterthanen [...] wider ihre Oberkeit in Schutz und Schirm nehmen noch vertheydigen in keinen Weg."

Mehrere Jahrzehnte lang sorgte dies tatsächlich für Frieden. Und doch war die Übereinkunft mangelhaft. Denn die Fürsten tolerierten sich nun zwar untereinander, gegenüber ihrer Bevölkerung indes herrschte die alte religiöse Intoleranz. Das "Reformationsrecht" (ius reformandi) erlaubte es ihnen, die Konfession ihrer Untertanen zu bestimmen – eine Form des religiösen Zwangs, die später in die Formel cuius regio, eius religio ("Wessen Land, dessen Religion") gegossen wurde. Den Untertanen stand lediglich das Recht auf Auswanderung zu, ansonsten wurden ihre Belange ignoriert.

Auch für die meisten protestantischen Staaten erwies sich die Augsburger Vereinbarung als äußerst unbefriedigend, begünstigte sie doch in hohem Maß die katholische Seite. Der Calvinismus etwa war erst gar nicht anerkannt worden, er galt weiterhin als Häresie. In Versammlungen wie dem Reichstag nutzten die katholischen Fürsten zudem das Mehrheitswahlrecht, um die Protestanten kaltzustellen. Die Gegenreformation der katholischen Kirche, das Zurückdrängen des Protestantismus in ganz Europa, war in vollem Gange. 1618 schließlich standen die Zeichen auf Krieg.

Zum Auslöser wurde der Aufstand des protestantischen böhmischen Adels gegen das katholische Haus Habsburg – eine Revolte, die sich rasch zu einem großen Konflikt innerhalb des Reiches ausweitete.