Heiter, fast aufgekratzt sitzt er am Tag nach der Wahl im Café Flore mitten in Paris, er erklärt, gestikuliert, argumentiert mit dem ganzen Körper, scheint von unversiegbarer jungenhafter Energie zu sein. Die Leute mögen das offenbar. Ein älterer Herr, der am Nebentisch mit seiner Enkelin Erdbeeren mit Sahne isst, sagt ihm, wie sehr er ihn bewundere. Ein anderer Gast macht ein Foto. Sie stimmen mit seinen politischen Ansichten vielleicht nicht überein, es ist sogar sehr wahrscheinlich, aber sie scheinen ihn zu mögen. Die Sache ist: Dieser Mann schwärmt von Emmanuel Macron, aber er ist nicht Emmanuel Macron. Er ist Daniel Cohn-Bendit, Vertrauter des neuen Präsidenten und ein Unterstützer der ersten Stunde, der schon vor einem Jahr gesagt hat: Er wird es. Cohn-Bendit wurde nie in ein Regierungsamt gewählt, seit er im Mai 1968 der vorlaute Anführer der französischen Studenten war. Macron dagegen wurde gewählt. Gemocht aber wird er nicht.

Beziehungsweise wollen die Franzosen gerade herausfinden, ob sie ihn mögen oder nicht, und beobachten sehr genau seine ersten Schritte. Während Deutschland und Europa "aufatmen" und aus der ganzen Welt begeisterte Gratulationen eintreffen, scheinen die Franzosen geradezu nachdenklich: Wen haben wir da eigentlich gewählt?

Noch wird er betrachtet wie ein Fremder. Nicht nur, weil er bis vor Kurzem tatsächlich vielen unbekannt war, sondern weil er einen Wahlkampf nach ganz eigenen Regeln geführt hat. Er wird also wahrscheinlich auch ein Präsident sein, wie es ihn noch nicht gegeben hat. Aber wie wird er sein? Was wird er tun?

Macron muss den Franzosen vermitteln, dass sie einem Präsidenten wieder vertrauen können, nachdem seine beiden Vorgänger Nicolas Sarkozy und François Hollande das Ansehen des Amtes beschädigt haben. Er muss das Amt zugleich rehabilitieren und seiner übermenschlichen Aura entkleiden, damit ein 39-Jähriger es glaubhaft ausüben kann.

Macron ist der jüngste Präsident in der Geschichte der Republik, allein deshalb wird er das Land nicht mit der patriarchalen Überheblichkeit führen können, mit der man in Frankreich immer noch das Präsidentielle verbindet. Die Gesellschaft ist in vielerlei Hinsicht verunsichert – wirtschaftlich, sozial, identitär. Macron ist das Produkt dieser Irritation, nun muss er sie überwinden. Er ist "le kid" – so nennt ihn die Zeitschrift L’Express –, aber er wird eine sehr erwachsene Politik machen müssen.

Euphorisch angesichts von Macrons Sieg sind in diesen Tagen erst mal wenige. Es gab am Sonntagabend keine Autokorsos in Paris, stattdessen eine unangemeldete Demo von Linksradikalen, die sich mit der Polizei prügelten. In den Diskussionen im Fernsehen ging es gleich nach Bekanntgabe des Ergebnisses um die im Juni anstehende Parlamentswahl und die Frage, ob und wie Macron dort eine Mehrheit erreichen wird – ein zumindest für einige Stunden lang unbedeutendes Thema, könnte man meinen, wenn gerade ein junger Mann den seit Jahren stets erfolgreicher werdenden Rechtsextremismus deutlich geschlagen hat. Macron hat mit 66 Prozent immerhin das drittbeste Wahlergebnis seit Bestehen der Fünften Republik erzielt. Da könnte die Frage genauso gut lauten: Warum sollte er keine Mehrheit in der Assemblée bekommen?

Der Unglaube darüber, dass einer es aus dem Nichts so weit bringen kann wie Macron, scheint sich erneut auszubreiten. Nur Cohn-Bendit natürlich sieht es anders und gibt eine weitere zuversichtliche Prognose ab: "Ganz sicher" werde Macrons Bewegung bei den Parlamentswahlen stärkste Kraft.

Mit dem unwahrscheinlichen Sieger selbst scheint seit Sonntagabend etwas Eigenartiges vorzugehen. Er ist bekannt geworden als ein energiegeladener Typ, dem alles zuzufliegen scheint, der Menschen dazu bringt, sich bunte T-Shirts anzuziehen und ihm zuzujubeln. Der bei Wahlkampfterminen mit Jungs aus der Banlieue Fußball spielt, als täte er den ganzen Tag nichts anderes, und der glücklich wirkte, sobald er sich in das Bad in der Menge werfen durfte.

Seit Sonntagabend aber ist er sehr ernst. Kurz bevor er seine erste Rede hielt – die Kameras liefen schon –, scherzte er noch mit der Visagistin, die sein Gesicht puderte, machte einen kleinen Witz, über den er selbst kicherte. Dann aber gestattete er sich während der Ansprache nicht mal die Andeutung eines Lächelns. Todernst starrte er auf den Teleprompter, wobei er nicht gravitätisch wirkte, sondern so, als überbrächte er schlechte Nachrichten.

Frankreich - Für ein europäisches Projekt Emmanuel Macron will die EU reformieren, um sie zukunftsfähig zu machen. Auch das eigene Land will er umbauen. Wie groß sein Handlungsspielraum ist, zeigt unser Video.

Auch die nächste Rede an seine Anhänger vor der Pyramide im Innenhof des Louvre wollte nicht gelingen: die Sätze zu kompliziert, die Themen abstrakt und ein Tonfall, so hölzern wie der eines ungeübten Hochzeitsredners. Er scheint zu glauben, ein richtiger Präsident müsse vor allem erst mal langweilig sein. Nach wenigen Minuten hatten viele genug und machten sich auf den Heimweg, noch während Macron sprach.

Er hatte den Innenhof des Musée du Louvre hin zur Bühne durchschritten, er allein, dabei spielte die Ode an die Freude. Eine Reminiszenz an François Mitterrand, der 1981 bei seiner Amtseinführung genau so – allein zu Beethovens Sinfonie – mit zwei Rosen in der Hand die Rue Soufflot Richtung Panthéon hinaufging. Doch bei Macron erschienen die vier Minuten und 19 Sekunden sehr lang, er verfügt nicht über die natürliche Anmaßung, die Mitterrand auf den Fernsehbildern von damals so locker wirken lässt: Als wäre er halt schon als Präsident auf die Welt gekommen. Macron sieht man das Einstudierte an.