Ihre Gegner gaben auf, bevor der Abstimmungskampf überhaupt richtig begonnen hatte. Sie wussten: Gegen sie, gegen Doris Leuthard und ihren Monster-Kompromiss, können sie nicht gewinnen. Zu viele Kritiker hatte die Bundesrätin auf ihre Seite gezogen, zu vielen versprochen, dass auch sie von diesem neuen Gesetz profitieren würden – und als die SVP nur mit Ach und Krach die 50.000 Unterschriften für das Referendum zusammenbrachte, da war endgültig klar: Gegen die Energiestrategie 2050 ist jeglicher Widerstand zwecklos.

Das Energiegesetz, wie die Vorlage offiziell heißt, über welche die Schweizer am 21. Mai entscheiden, ist das politische Vermächtnis der CVP-Magistratin. Es trägt zwar nicht ihren Namen, ist auch kein großer Wurf, aber es wird das Land und das Leben seiner Bewohner in den nächsten Jahren und Jahrzehnten prägen.

Die 77 Gesetzesartikel sind ein gigantisches Versprechen: Die Schweizer sollen künftig weniger Energie verbrauchen, ohne dabei ihren Lebenswandel zu ändern. Sie sollen weniger abhängig von fossilen Energien aus dem Ausland sein, dafür auf mehr erneuerbare Energien zurückgreifen können – und weil dieser Strom "made in Switzerland" sein wird, entstehen unzählige neue Jobs.

Das Klima schützen und aus der Atomenergie aussteigen – ohne allzu viel dafür zu bezahlen.

Damit dies gelingt, will Doris Leuthard, will der Bundesrat die Energiebranche mit einem ganzen Instrumenten-Set steuern und neu ausrichten. (Wie das genau funktioniert, steht im Glossar Darum geht es von Aline Wanner)

Aber heute, zehn Tage vor der Abstimmung, geht es Befürwortern wie Gegnern um viel mehr als nur um Abgaben und Subventionen, deren langfristige Wirkung nicht einmal Energieexperten durchschauen.

Dem großen Versprechen steht eine apokalyptische Warnung gegenüber. Der Schweiz drohten Stromausfälle, ihren Bürgern eine staatlich verordnete "Austeritätspolitik des Energiesparens". Mehr noch: Das Energiegesetz sei "ein Angriff auf unsere liberale Wirtschaftsordnung, wie er in der Schweiz noch nie vorgekommen ist".

Aus den Fragen, wie viel Strom aus unseren Steckdosen fließt und wie dieser produziert werden soll, ist ein ideologischer Streit geworden.

Im Kern geht es darum, ob und wie stark die Politik in den Energiemarkt eingreifen soll.

Es geht um die Freiheit.

In wenigen Wochen fiel, was in der Schweiz sonst Jahre dauert: ein Grundsatzentscheid

Es war der 14. März 2011, nur drei Tage nach der Reaktorkatastrophe im japanischen Fukushima, als Doris Leuthard die Energiepolitik der Schweiz in eine völlig neue Richtung lenkte. Sie teilte mit, man werde die Baugesuche für drei neue Atomkraftwerke nicht weiter verfolgen. Kurz drauf, am 25. Mai, verkündete die CVP-Politikerin im Namen des Bundesrats: Die Schweiz steigt aus der Atomenergie aus. Schrittweise bis 2050.