Eine Kerze brachte im vergangenen Winter Tausende Spanier auf die Straße. Nachdem eine 81-jährige Rentnerin aus Katalonien monatelang ihre Stromrechnung nicht bezahlt hatte, kappte der Energieversorger ihre Leitung, und sie beleuchtete ihre Wohnung fortan mit Kerzen. An einem Novembertag, morgens um halb vier, kippte eine dieser Kerzen von ihrem Nachttisch, die Matratze ihres Bettes fing Feuer, und die Rentnerin erstickte im Rauch.

In den darauffolgenden Wochen demonstrierten Menschen in rund zwanzig spanischen Städten. Auf ihre Plakate malten sie Sätze wie: "Das ist kein Todesfall, das war Mord." Sie gaben der Regierung die Schuld am Tod der Rentnerin und warfen ihr vor, Menschen wie sie nicht genug zu schützen: vor den Folgen der Wirtschaftskrise, vor hohen Energiepreisen – und vor der sogenannten Energiearmut, jenem Problem, das Menschen haben, die sich die Kosten für Strom, Gas oder Heizöl nicht leisten können.

Nicht nur in Spanien, auch in Großbritannien klagen Sozialverbände seit Jahren, dass viele Bürger die Energiekosten nicht mehr aufbringen könnten. Mehr als zwei Millionen Engländer sind laut der britischen Regierung energiearm. Auch in Deutschland wird jedes Jahr mehr als 300.000 Menschen der Strom abgestellt (ZEIT Nr. 17/17).

Zahlen wie diese werden in vielen europäischen Ländern veröffentlicht – vergleichbar waren sie aber bislang kaum. Zeiträume, Daten und Erhebungsmethoden wichen stark voneinander ab. Eine Studie der Industrieländerorganisation OECD, die an diesem Donnerstag veröffentlicht wird und der ZEIT vorliegt, liefert nun erstmals vergleichbare Daten. Für zwanzig verschiedene Länder untersuchten Ökonomen, wie viele Bürger sich Strom, Heizöl und Gas nicht mehr leisten können. Das Ergebnis zeigt: Fast ganz Europa hat ein Energieproblem.

Den Forschern der OECD zufolge haben in den untersuchten Ländern im Schnitt knapp zehn Prozent aller Menschen Schwierigkeiten, ihre Energierechnungen zu bezahlen. In dieser Studie heißt das: Sie geben mehr als zehn Prozent ihres Einkommens für Strom und Heizung aus und liegen mit dem Geld, was ihnen danach zum Leben bleibt, unter der jeweiligen Armutsgrenze in ihrem Land.

In Spanien und Großbritannien geht es zwischen sechs und sieben Prozent der Bevölkerung so, in Deutschland neun Prozent. Am größten sei das Problem in Ungarn, hier ist sogar jeder Fünfte betroffen.