Martin Ahrends lebt als Schriftsteller in Berlin. © Christine Oppe

"Ich schäme mich", sagt mein Freund Heinrich, "hätte nie gedacht, dass ich alter Mann mich noch so schämen kann. Ich dachte, wir Alten hätten Narrenfreiheit. Die Scham überrollt mich in heißen Wellen, wenn die Bilder dieser Nacht aufblitzen. Löschen kann ich sie nicht, meine Seele ist keine Festplatte." – Heinrich war noch nie so offen, und es war ihm nie so dringlich, mit mir zu sprechen. "Sei nicht altmodisch, probier mal was aus, es wird dir gefallen", hatte die Frau ihn ermutigt. Nun jagen ihn die Erinnyen. Um die Bilder jener Nacht loszuwerden, teilt er sie mir mit. Und ich lache. Darf ich lachen? "Du hast gut lachen", sagt Heinrich, "du bist reinen Herzens." – "Lach mit", empfehle ich ihm, "dann stehst du drüber. Es ist passiert. Du wirst es überleben."

– "Mir ist nicht nach Lachen", sagt Heinrich. "Bis jetzt hab ich immer gern in Kauf genommen, ein Feigling zu heißen in dieser entfesselten Zeit. Ich traue meiner Scheu. Meiner Angst und Furcht. Die sind älter als ich, wissen mehr, als ich je wissen kann. Ich traue meinen inneren Barrieren. Sie zu errichten hat Generationen meiner Vorfahren einiges gekostet. Sie sind unabdingbar zur Menschwerdung. Sind sie überschritten, bin ich im Tierreich. Wie schnell das geht, wie nahe das liegt, diese Erfahrung hätte ich mir ersparen sollen." – "Heinrich, mir graut vor dir", sage ich lachend. "Weißt du noch? Im Studium haben wir Friedrich Engels gelesen: 'Der Anteil der Arbeit an der Menschwerdung des Affen'. Schreib doch ein Buch: 'Der Anteil der Schamlosigkeit an der Affwerdung des Menschen'".

– "Ach, Scham, was für ein verstaubter Terminus. Meine Psychologin hat schallend gelacht, als ich das Wort ohne Anführungszeichen in den Mund nahm. Allenthalben appelliert man an unsere Instinkte, an das Tier, das in uns wiederbelebt werden soll, um die blanken Zähne zu fletschen. Das brüllen soll und beißen, weil man sich danach so wunderbar entspannt fühlt. Das aber dann auch Blut sehen will, wenn es einmal erwacht ist, das morden will und vergewaltigen oder gemordet und vergewaltigt werden, das, wenn man es von der Kette lässt, tödliche Verletzungen hinterlässt, auch wenn der Körper am Leben bleibt. Diese Frau ist so eine Verletzte."

– "Red dich nicht raus, Alter, nicht auf die entfesselten Zeiten, nicht auf die gefesselte Frau." – "Aber was soll ich tun, sag es mir, wie krieg ich diese Bilder aus dem Kopf? Wie komm ich dahin zurück, wo ich war? In das Land vor der Scham, vor der Schuld? Wie kann ich mich reinwaschen? Ich kann die Zeit nicht zurückdrehen." – "Die Religionen haben probate Techniken der Psychohygiene, der Buße, Läuterung, des Insichgehens. Der Absolution. Aber davon verstehen wir nichts, wir Atheisten."