Margaret Atwoods The Handmaid’s Tale und Chris Kraus’ I Love Dick gehören zu den einflussreichsten feministischen Romanen der letzten Jahrzehnte. Kein Wunder, dass sich jetzt zwei der talentiertesten amerikanischen Filmemacherinnen gerade diese Werke geschnappt haben, um die wohl besten Serien des Jahres daraus zu machen. Zwei Serien, die sich im Grunde mit einer Frage befassen: unter welchen Bedingungen Frauen Kunst schaffen können.

Die Regisseurin, Autorin und Produzentin Jill Soloway hat sich des Essay-Romans I Love Dick angenommen. Nach ihrer Gendertrouble-Familien-Serie Transparent macht sie sich an die filmische Umsetzung dieser wichtigen Schrift zur feministischen Kunsttheorie der neunziger Jahre.

Die Hauptfigur der Serie, die bei Amazon Prime zu sehen ist, heißt wie die Autorin und Hauptfigur des Buches: Chris Kraus. Wie im Buch verliebt sie sich in Dick. Hier ist Dick aber, anders als im Buch (und im echten Leben), nicht Professor für Strukturalismus, sondern ein klischeehaft übermännlich stilisierter Megastar des Kunstbetriebs. Seit zehn Jahren hat er keine seiner minimalistischen Phallusskulpturen mehr in die Landschaft gesetzt, sondern treibt in Cowboyklamotten Intellektuelle und Künstler im Hippie-Wüstenkaff Marfa, Texas, zusammen. Chris' Mann Sylvere hat er eingeladen, dort an seinem Buch über den Holocaust zu arbeiten. "Ich liebe den Holocaust", sagt eine Frau mit überdimensionierter Brille bei einer Party – oberflächlich gesehen, beginnt die Serie denn auch als Satire auf amerikanische Intellektuelle. Doch als sich die gescheiterte Filmemacherin Chris in Dick zu verlieben beginnt, gerät das Künstlerleben in der Wüste fast slapstickartig außer Kontrolle. Sylvere nimmt die Schwärmerei seiner Frau auf, gemeinsam schreiben sie – ohne sie abzuschicken – Briefe an Dick. Ihre eingeschlafene Ehe erwacht zu neuem Leben. Bis Dick die Briefe in die Finger bekommt.

Die als Chris brillant besetzte Kathryn Hahn, die mit mal stiller, mal lauter Verzweiflung schon in früheren Rollen ihren Mitspielern die Show stahl, steht dem ebenso brillanten Kevin Bacon als Dick gegenüber. Das Intellektuellen-Raubein spielt er so, als gäbe es nichts Natürlicheres, als mit freiem Oberkörper ein Lamm durch Texas zu tragen oder bei einem Kaninchenragout mitzuteilen, seine Haltung sei "post-idea". Man möchte ihn gleichzeitig verprügeln und mit ihm schlafen.

"Es geht um Obsession", steht denn auch auf einem der Zwischentitel, die in fetten weißen Lettern auf rotem Grund immer wieder Zitate aus den Briefen zeigen, die Chris an Dick schreibt. Neben Videoschnipseln feministischer Künstlerinnen gehören die Einblendungen zu den klugen ästhetischen Entscheidungen bei der filmischen Umsetzung eines theorielastigen Buches. Zudem diskutieren die Hipster, Künstlerinnen und Kuratorinnen der Serie Kraus' Überlegungen darüber, was denn überhaupt weibliche Kunst sein soll und kann. Sehr verkürzt: Subjektivität.