Nachdem man mit zwei französischen Grenzpolizisten und einem afghanischen Abschiebekandidaten von Paris über Malta nach Lampedusa gereist ist und dabei gefühlte einhundert Kotz-, Sex-, Sauf-, Fäkal-, und Pinkelwitze hinter sich gebracht hat, könnte man Philippe de Chauverons Film Alles unter Kontrolle eigentlich recht bald wieder vergessen. Man könnte aber auch ein paar Überlegungen über ein in den letzten Jahren in Mode gekommenes Kinogenre anstellen: die Culture-Clash-, Multikulti- oder Flüchtlingskomödie. Vor allem von Frankreich aus drängt sie auf die hiesigen Leinwände, es gibt aber auch norwegische und einheimische Exemplare. Ihnen gemeinsam ist, dass sie den Flüchtling oder Einwanderer in einer mehr oder weniger lebhaften Versuchsanordnung zwischen Familie, Staat und Tradition platzieren und ihn gerne schon im Titel willkommen heißen: Welcome to Norway, Bienvenue à Marly-Gomont, Willkommen bei den Hartmanns.

Der französische Regisseur Philippe de Chauveron ist der moderne Urvater des Genres. Vor drei Jahren lief sein Film Monsieur Claude und seine Töchter (Originaltitel: Qu’est-ce qu’on a fait au Bon Dieu – "Was haben wir dem Herrgott angetan") mit überwältigendem Erfolg im Kino: 13 Millionen Zuschauer sahen den Film in Frankreich, vier Millionen in Deutschland. Erzählt wird von Monsieur Verneuil, einem erzkatholischen Notar in der französischen Provinz, dessen Töchter mit einem Chinesen, einem Muslim und einem Juden verheiratet sind. Als die vierte Tochter einen Schwiegersohn von der Elfenbeinküste anschleppt, ist die bürgerliche Toleranzgrenze von Monsieur Verneuil überschritten ("Das ist kein Familientreffen, sondern eine Antirassismuskonferenz!"). Aber alles löst sich in Wohlgefallen auf, nachdem der französische Vater und der Schwiegervater von der Elfenbeinküste sich beim Angeln und Trinken als beinharte Traditionalisten verbrüdert haben. Und sind die lieblichen Loire-Täler, in denen der Film spielt, nicht auch ein "Quell" des Französischseins?

Damit vollzieht de Chauverons Film eine von nachfolgenden Komödien wiederholte Grundbewegung: Der Einfluss des "Fremden" führt zur Restauration eines heilen, patriarchalen Frankreichs, seiner Familie, seiner Regeln, generationellen Hierarchien. Man merkt den Filmen geradezu ihre Erleichterung an, mal nicht vom modernen Geschlechtergewusel erzählen zu müssen, von Lebens- und Gesellschaftskrisen. Die französische Tageszeitung Le Monde bemerkte denn auch "eine gewisse Diskrepanz (...) zwischen der Komödie und der Wirklichkeit des Landes: Zunahme der Arbeitslosigkeit und der Exklusion, der Extremismen und Rassismen, die fortschreitende Zersplitterung der Gesellschaft, der Hass ihrer Gruppierungen aufeinander – all das gäbe eher Grund, uns zu fragen, was wir dem Herrgott angetan haben oder zumindest jenem republikanischen Modell, das immer noch eine Herzensangelegenheit so vieler Franzosen unterschiedlichster Herkunft ist."

Der Erfolgsregisseur Philippe de Chauveron betreibt die post-nationalistische, post-xenophobe (übrigens nicht notwendigerweise post-sexistische) Verbrüderung jedenfalls gerade an allen Fronten. Vergangenen Monat lief in Frankreich sein Film Mit offenen Armen an, über einen linken Intellektuellen, der eine Roma-Familie aufnimmt. In Deutschland ist gerade sein Film Alles unter Kontrolle zu sehen, ein Roadmovie, in dem selbstredend gar nichts unter Kontrolle ist. Im Wesentlichen besteht die Geschichte aus einer Verfolgungsjagd zwischen dem übereifrigen Grenzpolizisten José (Ary Abittan) und dem Abschiebekandidaten Massoud Karzaoui (Medi Sadoun). Stationen ihrer Reise sind ein Flugzeug, ein Hotelzimmer voller sexsüchtiger Stewardessen, ein Stripclub, ein Fischerboot und ein Flüchtlingslager. Interessant die Pointe des Films: Karzaoui ist nämlich keineswegs der kriminelle Afghane, für den ihn die französische Polizei hält, sondern ein liebenswerter algerischer Aufschneider, der zum Superkumpel und Ratgeber des gerade von seiner Freundin verlassenen Polizisten wird. Fast könnte man vergessen, dass der eine ein Migrant ohne Papiere und der andere ein französischer Staatsbeamter ist.

Womit wir bei einer weiteren Eigentümlichkeit der aktuellen, keineswegs nur französischen Flüchtlingskomödie wären: Rührend ist sie damit beschäftigt, die sozialen, kulturellen, psychologischen Unterschiede zwischen den Menschen, die nach Europa kommen, und denen, die schon länger dort leben, zu überspielen. In Welcome to Norway von Rune Denstad Langlo reift der mürrische Betreiber einer Flüchtlingsunterkunft durch die Freundschaft mit einem jungen Mann aus Eritrea zum Humanisten und Fluchthelfer. In der deutschen Multikulti-Komödie Einmal Hans mit scharfer Soße von Buket Alakuş erweist sich der einem deutschen Schwiegersohn skeptisch gegenüberstehende türkische Patriarch am Ende als Quasi-Feminist und Schwulenversteher. In Simon Verhoevens Willkommen bei den Hartmanns zimmert der in die Münchner Villa eingezogene Nigerianer Vogelhäuschen und achtet auf den Respekt zwischen den Generationen ("Nicht Arschloch zu die Vater sagen!"). Auch ein kleines Geschlechtermuster hat der Flüchtlings- oder Einwandererfilm aufzuweisen: Der europäische und der afrikanische Mann kommen sich mit Vorliebe in Gesprächen über die Frauen näher, die europäische Frau wiederum droht mit Ehestreik, wenn die Integration des afrikanischen Gastes ins Stocken gerät.

Als wäre noch nicht genug Harmoniesucht zu Werke, geht Julien Rambaldis gerade in den hiesigen Kinos laufende Komödie Ein Dorf sieht schwarz noch einen Schritt weiter: Die Integration des 1975 mit seiner Familie aus dem Kongo eingewanderten Arztes Seyolo Zantoko vollzieht sich hier fast geräuschlos. Der Mediziner, ein glühender Bewunderer der französischen Republik, muss nur geduldig in seiner leeren Praxis warten, bis sich die Vorurteile der Landbevölkerung wie von selbst auflösen und die Patienten im Wartezimmer Platz nehmen. Ein paar Schnäpse in der Dorfkneipe und die Fußballkünste seiner kleinen Tochter bewirken das Ihre. Für einen Moment – schließlich befinden wir uns in den siebziger Jahren – sehnt man sich fast danach, dass Louis de Funès in der Rolle eines rassistischen Giftzwergs über die platten Felder der nordfranzösischen Provinz hüpft.

Eh oui, die französische Flüchtlingskomödie befriedet und restauriert die Republik! Sehnsüchtig und nostalgisch mit gaullistischem Herzen. Und die deutsche? Wirkt wie die Mittelstandskomödie der achtziger und neunziger Jahre, nachdem sie ihre Neurosen von einem multikulturellen Therapeuten behandeln ließ. Oder wie eine Sozialarbeiterin mit Helfersyndrom: Was sie macht, ist in Ordnung, aber man wird das Gefühl nicht los, dass der Flüchtling vor allem als Mischung aus Gewissensmaskottchen und narzisstischer Spiegelung fungiert. Seine Brüche, Ängste, Traumata, Verwirrungen, Verstörungen, kurz: seine Geschichte hat er zuvorkommenderweise zu Hause gelassen.

Offenbar gibt es einen Bedarf an Filmen, die nichts falsch und alles leicht machen wollen, auch wenn sie dabei "der Wirklichkeit den Hals umdrehen" (Le Monde). Die Komödie ist ihrem Wesen nach affirmativ – sie löst Spannung in Gelächter auf. Aber vielleicht wird die Albernheit, das harmlose Kreisen um unsere Frustrationen, unsere kleinen Rassismen, um die Wohlstandsverwöhntheit in französischen Schlösschen und Münchner Ärztevillen als Durchgangsstadium gebraucht – bis irgendwann die Filme entstehen, die auch von den nicht notwendigerweise supersympathischen Fremden, um die sie sich drehen, handeln.

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