Kinder von Akademikern haben bei gleicher Begabung eine viel höhere Chance auf eine gute Karriere als Kinder von Arbeitern oder Landwirten. Bewerbungen mit den Namen Mesut, Nuri oder Gözde haben deutlich weniger Erfolgschancen als die gleichen Bewerbungen von Sebastian, Mario oder Eva. Das ist nicht nur ungerecht – es gefährdet unseren sozialen Frieden.

Warum tun wir uns so schwer, die stärksten und schwächsten Mitglieder in unserem Bildungssystem zu fördern und bei ihren Entscheidungen für eine Ausbildung oder ein Studium zu unterstützen? Wer uns vormacht, wie es geht, das ist der Deutsche Fußball Bund (DFB). Seit dem Ausscheiden bei den Europameisterschaften 2000 und 2004 hat der DFB konsequent in seine Jugendarbeit und Trainerausbildung investiert, Fußballtalente identifiziert und gezielt gefördert. Was dieses System nach 15 Jahren hervorbrachte, war "Die Mannschaft", die den Weltmeistertitel zurück nach Deutschland holte. Der DFB hat es geschafft, dass das Wort "Kaderschmiede" positiv besetzt ist und nicht als Zeichen ungerechter Elitenförderung gesehen wird. Im Team spielen viele mit Migrationshintergrund – auch ohne Quoten. Wer braucht die schon, wenn selbst Kinder von Fußballlegenden im System keinen Vorteil bekommen! In der Nationalelf kann das Professorenkind Mario Götze neben dem Gesamtschulabsolventen Mesut Özil spielen – niemand käme auf die Idee, sie nach ihrer Herkunft zu beurteilen. Was zählt, ist "auf dem Platz".

Warum schafft der DFB, was unser Bildungssystem nicht schafft? Weil man sich im Fußball nicht in der Theorie, sondern in der Spielpraxis durchsetzen muss. Weil belanglos ist, ob man als Kind schon beim FC Bayern oder beim SV Planegg-Krailling gekickt hat. Weil die unzähligen Test- und Laborresultate nicht als Ergebnis zählen, sondern nur als Hilfsmittel zur Leistungssteigerung. Das DFB-Team besteht aus Typen, die sich in zahllosen Spielen von den Bolzplätzen des Weddings bis in die Nationalmannschaft durchgekämpft haben. Die mit Disziplin und Ausdauer, unzählige Wochenenden beim Training verbrachten anstatt in Bars und Discos. Die Hunderte Fouls und Niederlagen einstecken mussten. Bisweilen macht ein Verlierer, der sich der Niederlage entgegengestemmt, bei Talentscouts einen besseren Eindruck als der Gewinner.

In unserem Bildungssystem passiert das nicht. Wer nicht früh im "richtigen" Bildungszweig ist, hat später weniger Chancen, auf dem Arbeitsmarkt seine Leistung zu zeigen. Warum bekommen wir das im richtigen Leben nicht hin wie der DFB? Weil wir zu viel Gewicht auf Abschlüsse und Lebensläufe legen, statt nach Ergebnissen in der Praxis zu schauen. Weil wir es nicht ausreichend honorieren, wenn sich jemand im Leben durchbeißt, anstatt durch Netzwerke die Wege geebnet zu bekommen.

Wir sollten mehr von der Ausbildungsphilosophie des DFB lernen und weniger Wert auf Abschlüsse und Förderprogramme der Vergangenheit legen. Dafür sollten wir die Bildung praxisnäher gestalten. Arbeitgeber und Hochschulen müssen mehr darauf schauen, wer die Disziplin hatte, sich mit Jobs durchs Studium zu kämpfen. Sie sollten auch jene fördern, die den Mut hatten, ihre eigenen Geschäfte zu gründen – selbst wenn sie nicht erfolgreich waren.

Wir können unseren Lebensstandard nur sichern, wenn wir auf praktische Ergebnisse mehr Wert legen als auf Fördernetzwerke und Theorie. Warum haben wir nicht im richtigen Leben Talentscouts? Die wird es nur geben, wenn wir selbst zu Talentscouts werden, die auf dem Platz von Wirtschaft, Wissenschaft, Kunst oder Kultur Leistungen entdecken, ohne sich von der Vergangenheit unserer Mitarbeiter und Studenten ablenken zu lassen. Wenn wir also auch im richtigen Leben "Die Mannschaft" kreieren.