Zum Schluss gab es Tränen. Als Hans-Jörg Schmidt-Trenz am vergangenen Donnerstag gegen 17 Uhr den Plenarsaal der Handelskammer verließ und mit forschen Schritten in seinem Büro verschwand, standen Dutzende Mitarbeiter Spalier. Manche weinten, alle klatschen, minutenlang, wie Theaterpublikum, das hofft, dass der Star noch einmal auf die Bühne tritt. Doch Schmidt-Trenz kam nicht zurück.

Kurz zuvor hatte der langjährige Hauptgeschäftsführer sein Amt niedergelegt und war damit einem Antrag auf Abberufung zuvorgekommen. Die Frage ist nur: War der De-facto-Rauswurf eine gute Idee?

Der Applaus der Belegschaft war nicht nur ein Bekenntnis zu Schmidt-Trenz, er muss auch als vorläufiges Misstrauensvotum gegen die neue Führung gewertet werden. Die Wertschätzung, die die Mitarbeiter ihrem Ex-Chef entgegenbrachten, muss sich das neue Kammerpräsidium unter der Leitung des einstigen Rebellen und heutigen Präses Tobias Bergmann erst noch erarbeiten. Fast täglich ist Bergmann in der Kammer, um Angestellte und Abteilungen kennenzulernen. Dennoch hörte man bei der jüngsten Plenumssitzung immer wieder höhnendes Raunen der Belegschaft, sobald der Neue sich mal verhaspelte. Als Bergmann erzählte, er habe bereits "viele tolle Leute" in der Kammer kennengelernt, herrschte eisiges Schweigen. Kein Wunder. Hat er die Wahl doch mit dem Versprechen gewonnen, die verpflichtenden Kammerbeiträge abzuschaffen. Die Mitarbeiter haben Angst um ihre Zukunft.

Schmidt-Trenz hat sich seinen Rücktritt fürstlich vergolden lassen: 1,1 Millionen Euro wird sein Abfindungspaket die Kammer kosten. Hätte er wie geplant noch bis Ende 2019 seinen Job gemacht, hätte die Kammer ihm 1,4 Millionen Euro an Gehalt bezahlt. Jetzt braucht sie einen neuen Hauptgeschäftsführer. Gespart ist mit der Aktion also nichts.

Nicht zuletzt ist fraglich, ob die Kammerneulinge so leicht auf Schmidt-Trenz’ Wissen und seine in zwei Jahrzehnten geknüpften Kontakte verzichten können. Schmidt-Trenz hat die Kammer stark auf sich zugeschnitten. Umso schwerer hat sie es nun, wenn er geht. Schon deshalb soll Schmidt-Trenz noch die kommende, einst von ihm erdachte Prestigeveranstaltung Hamburg Summit (gegen 120.000 Euro Entlohnung) organisieren und für 11.000 Euro monatlich Präsident der kammereigenen Hochschule bleiben. Ein echter Abtritt sieht anders aus.

Trotzdem blieb Bergmann nichts anderes übrig, als Schmidt-Trenz für alle sichtbar vor die Tür zu setzen. Schließlich lautete eines der zentralen Wahlversprechen, das Gehalt des Hauptgeschäftsführers binnen 100 Tagen auf rund 150.000 Euro zu senken. Schmidt-Trenz, dem laut Vertrag eine halbe Million zusteht, ließ sich darauf nicht ein. Doch Bergmann musste liefern.

Seinen 100-Tage-Plan hat er mit seinen Mitarbeitern bislang schnell und akribisch abgearbeitet. Bis auf das wirklich knifflige Thema: Die Abschaffung der Pflichtbeiträge bis zum Jahr 2020. Das zu beschließen steht ebenfalls im "Sofortprogramm" und dürfte bei einer Mehrheit von 55 der 58 Sitze im Plenum kein Problem sein. Es umzusetzen, dagegen schon. Experten sind überzeugt, dass dies in so kurzer Zeit nicht zu schaffen ist. Umso dringender muss Bergmann vorab bei seiner Klientel punkten. Dazu gehört, trotz aller Nachteile, auch das Aus für Schmidt-Trenz.

So beliebt der alte Chef bei den Mitarbeitern gewesen sein mag, die Hamburger Unternehmer haben bei der Wahl mit überwältigender Mehrheit für einen Neuanfang gestimmt. Der wäre unmöglich, wenn die Kammer zwischen Geschäftsführung und Präsidium gespalten wäre. Man stelle sich vor, die SPD würde im Bundestag eine 95-prozentige Mehrheit erringen, und Angela Merkel bliebe Kanzlerin. Undenkbar.

Erst mit der Trennung von Schmidt-Trenz ist der Weg für einen Neuanfang wirklich frei. Und der wird auch ohne den eigensinnigen Patriarchen schwer genug.