Diese Stimme ... Viel mehr als drei Punkte, die ein unconditional surrender signalisieren, lässt sich über das Klangwunder Harry Rowohlt kaum sagen. Experten könnten sich jetzt darüber streiten, ob Rowohlts Stimme eher einer startenden Boeing 747 oder doch einer B 52 ähnelte – wahrscheinlich beidem, je nach interpretatorischer Lage und unter der Voraussetzung, dass genug Benzin im Tank ist. Er selbst, soviel ist gewiss, hätte eine so dezidierte wie intelligente Meinung über sein eigenes Klangbild vorgebracht. Der 2015 im Alter von 70 Jahren verstorbene Harry Rowohlt wurde jedenfalls dank seiner natürlichen Begabung zu einem der berühmtesten Vorleser des Landes. Auch die Kleinsten kannten ihn nicht nur von seiner Neuübersetzung von Pu der Bär, die er natürlich auch einlas, sondern von vielen Kinderhörbüchern, die Älteren nicht nur von den schweinischsten Stellen aus der Bibel, die er darbot, sondern von vielen weltliterarischen Interpretationen. Da konnte der große Übersetzer Harry Rowohlt beim Vorlesen von Lawrence Sternes Tristram Shandy einfach mal so die Übersetzung von Michael Walter korrigieren, wo es ihm passend schien. Seine Liveauftritte waren Legende. Wohl selten ist Gregor Gysi so an die Wand gespielt worden wie beim gemeinsamen Vorlesen des Briefwechsels von Marx und Engels.

Rowohlt hat auch in seinem eigenen Leben viele Rollen erfolgreich interpretiert. Als Sohn des Verlegers Ernst Rowohlt und der damals noch anderweitig verheirateten Schauspielerin Maria Pierenkämper kam er 1945 zur Welt. Er testete zwar auch die Verlagsbranche; Siegfried Unseld schrieb ihm nach der Lehre als Verlagsbuchhändler prophetisch ins Zeugnis: "Er wird werden, was er ist." Folgerichtig verkaufte er seine geerbten Verlagsanteile 1982. Lieber war er Übersetzer geworden, und zwar einer der eigenwilligsten und wichtigsten hierzulande; den Iren Flann O’Brien hat er für die Deutschen entdeckt. Apropos Irland: Den gnadenlos weitschweifenden, nie weitschweifigen Erzähler Rowohlt kann man jetzt auch in der Erzählung seines eigenen Lebens genießen. 2001 besuchte er Ralf Sotschek, den ewigen taz-Korrespondenten in Irland, und dabei entstanden Tonbandaufnahmen, die in Harry Rowohlts Memoirenbuch Harry Rowohlt erzählt Ralf Sotscheck sein Leben von der Wiege bis zur Biege. In Schlucken-zwei-Spechte mündeten. Verdienstvollerweise haben jetzt Sotschek und Klaus Bittermanns Edition Tiamat die besten Stellen aus den Tonbändern ausgewählt. So können wir Rowohlts herrlichen Bass live beim Küchengespräch über sein Leben hören, unzählige Szenen und Anekdoten, über seine Eltern, über seine prominente Rolle in der Lindenstraße, irrwitzige Abschweifungen und tiefe Einsichten. Ein akustischer Glücksfall nicht nur für die Harry-Rowohlt-Gemeinde.

Harry Rowohlt erzählt sein Leben von der Wiege bis zur Biege.
Edition Tiamat, Berlin 2017; 4 CDs, 25,99 €