Das schiefste Sprachbild ist manchmal das beste. "Da schmunzelt man vor lauter Appetit mit der Zunge", sagt der Erzähler in diesem Text, der vorgibt, ein Unterhaltungsroman zu sein, aber eigentlich eine Zermürbung all jener Mittel ist, mit denen man Figuren und Situationen darzustellen pflegt.

Als Rollenprosa ist der Zungenschmunzelsatz schon mal entlarvend, weil er zu einem vom Leben zerknautschten Möchtegern gehört, der sich die Welt mit Phrasen tapeziert. Als Kommentar zu einer bestimmten Art des Sprechens jedoch ist er überragend. Die Logik der Floskel, das heißt, ein sich selbst mit den Mitteln von Überbietung und Verzerrung vermarktendes Anschauungsklischee, verdichtet sich hier zu einer einzigen Phrase.

Mehr noch: Mit der Zunge schmunzeln – das ist nicht nur der Ausdruck einer verkitschten Idee von Genuss, es ist auch das Programm der Strunkschen Kunst insgesamt. Zungenschmunzeln, das heißt, die Rede an ungewohnter, unmöglicher Stelle mit Humor zu verdrehen, zu verletzen, wenn nicht zu zerstören.

Liest man Jürgen als Sozialsatire, dann ist es ein konventioneller, streckenweise ermüdender Text. Der titelgebende Held lebt bei der Mutter; der beste Freund sitzt im Rollstuhl, man arbeitet im Parkhaus, versucht sich im Speeddating und fährt im Finale nach Polen, zwecks romantischer Akquise. Natürlich scheitert das Projekt.

Die Literaturkritik hat dem Roman regelrecht wütend den Prozess gemacht, Jürgen sei eine kalkulierte Ansammlung von Elendssketchen, ein Boulevard der Marginalisierten. Dramaturgisch gibt das Buch tatsächlich wenig her, aber als Auseinandersetzung mit jener verwalteten Rhetorik, die uns das Empfinden und Denken verklebt, ist Jürgen ein tolles Buch.

Wie hier die emotionalen Möglichkeiten des Subjekts zusammengepfercht werden, in die Passepartouts des Ratgeberjargons! "Wer loslässt, hat beide Hände frei", "Der Pessimist beklagt den Riss in der Hose, der Optimist freut sich über den Luftzug" – Charakter, so lernt man, ist eine Collage aus Slogans, die auf nichts weiter verweisen als auf ihren ideologischen Auftrag, wirklichen Charakter auszulöschen.

Mit Jürgen steht Strunk Sprachschleifern wie Ödön von Horváth oder Karl Kraus näher, als einem auf Slapstick abonnierten Publikum lieb sein kann. Womöglich hat dies auch das Feuilleton verärgert – das mit diesem Text das Theater der Abgebauten, Abgehängten und Ungewaschenen, wie es die Kulturhipster in ihrer Liebe zur Underdogfolklore nicht müde werden zu feiern, in sich zusammenbricht. Mit Jürgen findet gerade nicht die Bloßstellung des Kleinbürgers statt, sondern die Entlarvung eines Diskurses. "Präsentiert ihr noch, oder fasziniert ihr schon!", fragt der Einpeitscher bei einem Datingseminar seine Kunden, und schon erübrigt sich das mühsame Nachlesen bei Foucault et cetera, von wegen das Begehren sei ein sprachlicher Effekt, beziehungsweise das, was von ihm übrig bleibe, wenn es in den Stanzformen des Sprechens nur lange genug zugerichtet werde.