Im November hat der Verfassungsgerichtshof von Baden-Württemberg ein Urteil zur sogenannten Professorenmehrheit verkündet, das selbst bei Leuten für Erstaunen sorgte, die bis dahin weder vom Verfassungsgerichtshof noch von der Professorenmehrheit gehört hatten. Die Hochschullehrer, urteilten die Richter, hätten zu wenig Macht auf dem Campus, die Professoren und ihre Belange fänden zu wenig Gehör.

Darum, so das Urteil des Gerichts, muss die Politik nun das Landeshochschulgesetz nachbessern. Was sich seitdem abzeichnet, ist kein feinjuristisches Hickhack um das Kleingedruckte irgendwelcher Hochschulsatzungen, es ist der Kampf um die Deutungshoheit auf dem Campus. Die Professoren stellen nur neun Prozent der Hochschulbediensteten, und doch rekrutieren sich aus ihrem Kreis fast alle Hochschulrektoren und Dekane der Bundesrepublik. Sie waren schon vor dem Urteil die weitaus stimmenstärkste Gruppe in den Hochschulsenaten, sie sind Chefs Hunderttausender wissenschaftlicher Mitarbeiter, und sie verwalten Milliarden an Forschungsfördermitteln.

Und ausgerechnet dieser Inbegriff akademischer Eliten soll zu machtlos sein? Hatte nicht die internationale Expertenkommission, die vergangenes Jahr Lehren aus der Exzellenzinitiative ziehen sollte, den Hochschulen genau das Gegenteil attestiert: dass die Rektorate zu schwach seien, um gegen die Mitsprache der einzelnen Professoren und Fachbereiche anregieren zu können?

Die Stuttgarter Richter kamen zu einem anderen Ergebnis. Die schleichende Entmachtung der Professoren müsse enden, schreiben sie in ihrem Urteil, die Hochschullehrer müssen das letzte Wort haben; und zwar in allen wichtigen Angelegenheiten: von der Wahl der Hochschulleitung über die Ausgestaltung der Forschungsstrategie im Exzellenzwettbewerb bis hin zur Frage, wer überhaupt Professor werden darf und wer nicht.

Um die Tragweite dieses Urteils richtig zu verstehen, helfen zwei Zeitreisen.

Zunächst ins Jahr 1967, und zwar zum 9. November. Da stand an der Universität Hamburg wieder einmal die feierliche Prozession der Professoren in ihren traditionellen Amtstrachten an, um die Einführung des neuen Rektors zu feiern. Zwei Studenten schoben sich vor die Protagonisten und hielten ihr Transparent in die Pressekameras, darauf der Spruch "Unter den Talaren – Muff von 1000 Jahren". Das Bild wurde zum Inbegriff des studentischen Aufbegehrens gegen die absolute Macht der Lehrstuhlinhaber.

Zwischen Protestzügen und Teach-ins erkämpften sich die Studenten umfangreiche Mitbestimmungsrechte in den Senaten und Fakultätsräten, bis hin zur mancherorts gleichen Stimmenwertigkeit ("Drittelparität") mit Professoren und wissenschaftlichen Mitarbeitern. Es war das Ende der alten Ordinarienuniversität, in der allein die Lehrstuhlinhaber die Geschicke der Universität bestimmten. Für viele Professoren grenzte diese Reform an Anarchie. Sie witterten "Gesinnungsterror", sorgten sich um die Erosion ihrer Macht in der akademischen Selbstverwaltung – und zogen in eigener Sache vor das Bundesverfassungsgericht.